Weil Myanmar lange isoliert war, kamen kaum Touristen ins Land. Nun öffnet sich der einstige Pariastaat, der durch die Abschottung seine Ursprünglichkeit bewahrt hat. Im Land der tausend Pagoden herrscht Aufbruchstimmung – auch für die kleine schwule Szene.

Text und Fotos: Helge Bendl

Zum Abschied verschenken die Moustache Brothers noch einmal ihre Lieblingsgeschichte. Sie spielt am Rande eines Gipfeltreffens, zu dem die Regierungschefs der Welt angereist sind. „Selbst wenn ein Amerikaner keine Beine hat, kann er trotzdem den Mount Everest besteigen“, sagt stolz der Präsident der USA. „Ein Russe kann durchs Eismeer bis nach Alaska schwimmen, auch wenn er keine Arme hat“, kontert sein Kollege aus Moskau. In welchem Staat der Welt ist noch Unmöglicheres möglich? „In meinem Land“, brüstet sich der General aus Myanmar, „können Männer ohne Kopf das Land regieren. Jahrelang!“

Das Witzereißen hat die Männer mit den mächtigen Schnurrbärten und den ausgeprägten Lachfalten schon ein paar Mal fast den Kopf gekostet: Die Regierung verstand keinen Spaß und schickte die Kabarettisten für mehrere Jahre ins Gefängnis. Ihre Lieblingsgeschichte haben sie trotzdem erzählt, immer wieder. Doch heute hat sie wohl ihren letzten Auftritt.

Myanmar – ein Land in Bewegung

Es ist ein lauer Sommerabend in Mandalay, der alten Königsstadt im Norden Myanmars. Die Moustache Brothers verabschieden ihre Zuhörer in die Nacht. Mit grünen, im Land von Hand gedrehten burmesischen Zigarren sitzen die Darsteller dann beisammen, umgeben von einer Sammlung grimmiger Masken und glitzernder Marionetten. Sie schlürfen Tee mit Milch und Zucker, das hilft beim Nachdenken. Weil sich das große Theater auf der politischen Bühne in den vergangenen Jahren geändert hat, werden sie nun auch ihr Programm anpassen.

Die alten Militärs haben die Macht an eine Zivilregierung übergeben. Zwar ziehen die Generäle hinter den Kulissen weiterhin die Fäden, doch Schritt für Schritt wurde die Zensur gelockert. Die meisten politischen Gefangenen sind freigekommen. Ende des Jahres stehen Parlamentswahlen an. „Jahrzehnte haben wir auf Veränderungen gehofft“, sagen die Künstler. „Endlich ist das Land in Bewegung.“

Der lange isolierte Staat öffnet sich, auch im Kleinen. Beim ersten Besuch, vor mehr als 15 Jahren, traute sich noch kein Rikschafahrer Mandalays zum Haus der Künstler zu fahren. Ortskundige, die den Weg zu den Steinmetzen und den Silberschmieden kannten und genau beschreiben konnten, wie man vom ganz aus Holz geschnitzten Shwenandaw-Kloster zum Nylon-Eiscafé radelt, verstummten, als der Name „Moustache Brothers“ fiel, den man besser nicht zu laut aussprach. Letztlich musste man zwei Kreuzungen zu früh aussteigen, um die Fahrer nicht in Gefahr zu bringen. Inzwischen kommen die Touristen, und selbst die Guides riskieren ein Ohr, obwohl noch immer nicht klar ist, ob man auch als Burmese zuhören darf. Und um die Ecke bei den Mädchen, die mit gepuderten Fingern hauchdünnes Blattgold zuschneiden, damit man es dem großen Buddha der Stadt auf die Schenkel kleben kann, hängt neben dem Bild des Nationalhelden Aung San auch eines seiner Tochter, der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Das hätte früher richtig Ärger gegeben.

Auf dem Irrawaddy

Zwischen Mandalay und dem wenige Kilometer flussabwärts gelegenen Tempelberg von Sagaing, wo in Hunderten von Klöstern Tausende von Mönchen meditieren, macht sich der mäandernde Fluss Irrawaddy breit. Auf den Sandbänken am Ufer stehen die Ochsen Schlange, um zu pflügen. Bohnen werden hier bald wachsen und Erdnüsse, bis sich mit der nächsten Regenzeit erneut fruchtbarer Schlamm absetzt. Die burmesische Militärregierung hatte zusammen mit dem mächtigen Nachbarn China vor, Burmas Lebensader mit einem Damm zu kontrollieren, um Strom zu erzeugen. Das war unpopulär bei der Bevölkerung, und zur Überraschung vieler machte die neue Regierung den Deal rückgängig. „Ich bin vor Freude in die Luft gesprungen, als ich das gehört habe“, strahlt Myo Lwin, Kapitän der „Road to Mandalay“. Er steuert das mehr als 100 Meter lange frühere Rheinschiff der „Köln-Düsseldorfer“. Die Hotelgruppe Belmond hat es in einen schicken Hoteldampfer verwandelt, der von Mandalay nach Bhamo in Richtung der chinesischen Grenze fährt und im Süden der Tempelstadt Bagan einen Besuch abstattet. Früher hat Myo Lwin nur erzählt, was für eine Herausforderung es ist, auf dem sich ständig verändernden Fluss zu navigieren, weil manchmal nur eine Handbreit Wasser bleibt unterm Kiel. Inzwischen ist auch die Politik ein Thema. „Noch vor ein paar Jahren hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen. Jetzt kann man offen reden.“

Weil die alte Führung das Land einigelte und keinen Kontakt mit der westlichen Welt wünschte, war das frühere Burma jahrzehntelang abgeschottet. Zudem verhängten USA und EU Sanktionen gegen den Staat. Deswegen kamen kaum Besucher. Etablierte Reiseveranstalter machten oft einen Bogen um das von der Militärjunta 1989 in Myanmar umbenannte Land. Wer sich aufmachte und es als Rucksackreisender individuell erkundete, musste sogar 300 Dollar in „Foreign Exchange Certificates“ zwangsumtauschen: Monopoly-Geld, das anderswo keinen Cent wert war. Mit der politischen Wende erlebt Myanmar nun einen Boom. „Durch die lange Abgeschiedenheit hat sich das Land seine Ursprünglichkeit bewahrt. So wie hier kann man den Buddhismus in Asien nirgendwo sonst erleben. Es ist alles echt, keine Folklore“, sagt Manuel Rose, Inhaber von Rose Travel Consulting. Seine Firma sitzt am Tegernsee, doch der Asien-Spezialist organisiert individuelle Reisen nach Myanmar für Kunden in ganz Deutschland. Seit drei Jahren häufen sich die Anfragen: „Alle wollen hin.“

Myanmar wird toleranter – auch für Schwule

Es gibt schließlich auch viel zu sehen und zu erleben. Man kann die Tempelstadt von Bagan erkunden oder das mystische Mrauk U an der Grenze zu Bangladesch, kann die Beinruderer vom Inle-See treffen, und in der alten Königsstadt Mandalay mit ihren Klöstern, Tempeln und allerlei Kunsthandwerkern in die Zeit vor der Kolonialisierung zurückreisen. Viele asiatische Städte konnten ihr altes Flair nicht konservieren, die historischen Gebäude mussten dem Fortschritt weichen. Yangon, früher die Hauptstadt Myanmars, ist anders: Auf Schritt und Tritt stößt man auf mal restaurierte, mal noch bröckelnde Kolonialarchitektur. Den Wandel der Zeiten überdauert haben auch historische Hotels wie das „Strand“: weißer Marmor, dunkles Holz, schwere Teppiche, starke Drinks, in der Bibliothek die Werke von George Orwell und Rudyard Kipling.

Leider haben die Briten bei ihrem Abschied 1948 ihr Strafgesetzbuch nicht mitgenommen. Die Vorschriften stammen zum Teil aus dem Jahr 1860, gelten in Myanmar aber bis heute. So könnte „unnatürliches Verhalten“ theoretisch mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden, wobei man dann das halbe Land wegen Sodomie einkerkern müsste: Nicht nur Homosexualität ist illegal, sondern auch Anal- und Oralsex bei Heterosexuellen. Doch wird der Paragraph in der Praxis nicht mehr angewandt und Lobbyorganisationen machen sich dafür stark, ihn endlich zu streichen.

„Myanmar ist ein traditionelles Land. Aber dieses Gesetz ist nicht unser Gesetz: Es stammt von den Briten. Die Leute hier werden offener und toleranter“, sagt Hla Myat Tun von der Gruppe Colors Rainbow, die ein LGBT-Magazin herausgibt und im ganzen Land mit Aufklärungsveranstaltungen aktiv ist. Seit Myanmar sich gewandelt hat, gibt es in Yangon und Mandalay queere Cafés und Partys. Ein schwules Paar feierte öffentlich seinen zehnten Jahrestag, ohne dass die Behörden einschritten – und in der Presse wurde die Party etwas überschwänglich gleich zu Myanmars erster Homo-Ehe geadelt.

Selbst tiefgläubige Burmesen haben offenbar ohnehin kein Problem damit, Andersartigkeit zu akzeptieren – sonst würden sie es sich nämlich mit den Geistern verscherzen. Überall im Land sind es Transgender, die zu den unsichtbaren Wesen, die über Wohl und Wehe entscheiden, Kontakt aufnehmen und sie beschwören. Mit ihren wilden Tänzen, mit den Performances und Exzessen sind die Geisterfestivals so etwas wie die burmesischen Gay Prides – kunterbunte Veranstaltungen, die es hier bereits seit Jahrhunderten gibt.

 

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