Text: Peter Rehberg

Eine hässliche Tapete kann aus Jugendlichen Kriminelle machen, hat Oscar Wilde geschrieben. Der in Irland geborene schwule Schriftsteller feierte in London seine größten Erfolge und erlebte hier auch seine größten Niederlagen. An den Londoner Bühnen hatten seine Theaterstücke wie „Ernst sein ist alles“ ihre Premiere, bis er 1895 verhaftet wurde – absurderweise nach einem Prozess, den er selbst anzettelte, um seinen Ruf zu wahren, nachdem ihn der Vater seines Lovers Bosie (mit bürgerlichem Namen Lord Alfred Douglas) als Sodomiten beschimpft hatte. Vor Gericht lief die Geschichte aus dem Ruder, sodass Wilde schließlich wegen „Unzucht“ für zwei Jahre im Gefängnis von Reading landete, ein Aufenthalt, von dem er sich nicht wieder erholte.

Im scharfen Gegensatz zu den viktorianischen Moralvorstellungen glaubte Wilde, dass sich die menschliche Existenz einzig durch Schönheit legitimierte. Diesen Ästhetizismus propagieren seine Fans bis heute. Auch wenn der dicke Dandy nicht gerade ein Sexsymbol war, nehmen sich schwule Engländer seit 100 Jahren seinen hedonistischen Lebensstil zum Vorbild. Der britische Journalist und Erfinder der Metrosexualität Mark Simpson nennt sich noch heute „Skinhead Oscar Wilde“ und schwule britische Gegenwartsautoren wie Neil Bartlett („Who was that Man?“) und Terry Eagleton („Saint Oscar“) veröffentlichen regelmäßig Bücher über den schwulen Satiriker. Aber die Oscar Wildes von heute treiben sich nicht mehr unbedingt in Chelsea herum, wo der Autor im Cadogan Hotel in der Sloane Street seine letzten Stunden verbrachte, bevor er in einem der Eckzimmer (mit herrlicher Aussicht) verhaftet wurde. Auch popgeschichtlich hat die Gegend eine Menge zu bieten. Nicht weit vom Schauplatz der Verhaftung, in der King’s Road 430, hatte die Punk-Designerin Vivienne Westwood ihren ersten Laden, zusammen mit Musikproduzent Malcom MacLaren, der hier die Sex Pistols traf. Seit den Punk- und New-Wave-Zeiten ist aus den Straßen um die King’s Road eine der teuersten Wohngegenden der Stadt geworden. Coffee Shops wechseln sich ab mit Health Food Stores, junge Mütter spielen mit ihren Kindern im Park und um die Ecke wohnen Maggie Thatcher und Kylie Minogue. Schwuler oder zumindest „camper“ wird es am anderen Ende der Sloane Street in der Brompton Road bei Harrods. Der Besitzer des Kaufhauses Mohamed Al-Fayed hat dort eine Skulptur seines Sohnes Dodi Fayed und von Prinzessin Diana mit dem Titel „Innocent Victims – Unschuldige Opfer“ aufgestellt. So kann man beim Shoppen des Paars gedenken, das vor elf Jahren bei einem Autounfall in Paris ums Leben kam.

Mit ihren prächtigen Fassaden sind die Viertel Knightsbridge und Chelsea eine perfekte Welt, in der Homos und Heteros friedlich zusammenleben. Vorausgesetzt, sie haben genug Geld, um sich das Leben in der Stadt überhaupt leisten zu können. Denn was die Lebenshaltungskosten angeht, gehört London nach New York und Paris zu den teuersten Städten der Welt. Eine durchschnittliche U-Bahnfahrt kostet umgerechnet vier Euro, genauso wie ein Kaffee, und die Mieten sind ungefähr dreimal so hoch wie in deutschen Großstädten. Genauso wie im ehemaligen Punkviertel Chelsea sind auch in der Tube, der U-Bahn, die Graffiti verschwunden. Effizient, schnell, luxuriös, die Untergrundbahn fährt im Minutentakt und ist für Menschen gemacht, die Termine haben. Young Urban Professionals, die man in den 1980ern Yuppies nannte, sitzen bei Neonlicht mit ihrem Coffee-to-go und lesen die Börsennachrichten. Der Handylärm wurde hier unten so unerträglich, dass sich inzwischen ein Handyverbot durchgesetzt hat. Wer es ignoriert, kriegt von den höflichen Engländern zumindest strafende Blicke zugeworfen.

Die neoliberale Thatcher-Politik der Achtziger hat aus London die amerikanischste Stadt Europas gemacht. Inzwischen gibt es eine richtige Skyline. Anders als in Paris werden hier die Wolkenkratzer auch im Zentrum gebaut – Event- Architektur wie der Millennium Dome oder „The Gherkin“, die „Gewürzgurke“, ein 180 Meter hoher verspiegelter Kolben mit diagonalen Streifen von Norman Foster. Spätestens bis 2012, wenn hier die Olympischen Spiele stattfinden, soll die Stadt sich herausgeputzt haben. Wer hier lebt, hat es beruflich geschafft. Alle anderen müssen, wie in New York, die Stadt verlassen. „Das Leben hier kann man sich kaum noch leisten“, stöhnt auch Fotograf Joseph Sinclair, der hier lebt und arbeitet. Nach einem harten Arbeitstag gehen die Londoner gerne was trinken. Die Homos treffen sich nach Dienstschluss im Comptons of Soho in der Old Compton Street zwischen der Kaufmeile Oxford Street und dem Theaterviertel. Hier gibt es keine hochgezüchteten Testosterontypen sondern Boy-next-door-Guys aller Altersgruppen, ziemlich straight-acting. Die Kerle kippen viel und schnell, die Stimmung ist schon ab sechs cruisy und derb. Wer sich nicht so schnell entscheiden möchte: Im Bar Code oder Yard kann es weitergehen.

Früher war Soho ein heruntergekommenes Viertel für Prostituierte und Einwanderer – auch Karl Marx lebte hier –, aber schon lange ist es mit seinen Bars, Platten- und Buchläden das Zentrum des schwulen Londons. Englische Schulmädchen glauben, die Metropole sei immer noch wie zu Kolonialzeiten das Zentrum der Welt. Und die Schwulen denken, sie leben im Mittelpunkt des Homouniversums. Wenn man am frühen Abend durch die Straßen von Soho läuft, wo sich eine Kneipe an die andere reiht, sieht es so aus, als hätten sie recht. London hat die beste Schwulenszene der Welt, schreibt der „Time Out Guide London“ lokalpatriotisch – mehr Clubs und Bars als New York und Sydney zusammen. In Zahlen stimmt das. Neben dem eher mainstreamigen Soho machen sich die Jungs später am Abend auf den Weg ans andere Ufer der Themse nach Vauxhall, bis vor ein paar Jahren noch ein heruntergekommenes Viertel mit leerstehenden Industriebauten, heute Treffpunkt für die Generation, für die schwule Identität nebensächlich geworden ist. Neben Saufen und Sex geht es hier ums Abhängen, ums Labern und Spaßhaben. „Die Leute gehen wieder in London aus, um miteinander zu reden“, erzählt auch der Fotograf Wolfgang Tillmans, der seit mehr als zehn Jahren in London lebt.

Zum Beispiel in die Royal Vauxhall Tavern, wo es von Bingo über Jazz bis zu Comedy jeden Wochentag ein anderes Programm gibt. Wen der unübersehbare Wohlstand, der einem in Chelsea oder Soho begegnet, nervt, der findet auch im Eastend noch etwas von der Rauheit, die zum Image der britischen Hauptstadt gehört. In den bis vor Kurzem relativ heruntergekommenen Vierteln Hackney und Shoreditch hat sich in den letzten Jahren eine kreative und alternative Szene niedergelassen. Es gibt viele Galerien, Flohmärkte und auch einige Homobars. Tagsüber fällt der schräge Style auf. Hier werden Modetrends gemacht und man sollte sich nicht mit einem A&FShirt hierherwagen. Die Jungs tragen karierte Holzfällerhemden zu toupiertem Haar, hautenge Jeans und braune Slipper ohne Socken, die Mädels siffig aussehende weite Kleider. Für beide Geschlechter gibt es riesige Plastiksonnenbrillen, durch die man kaum etwas sehen kann. Durch die vielen Künstler kann man hier ab elf Uhr morgens interessante Leute beim Frühstücken beobachten und abends entspannt Bier trinken gehen. Auf der Hackney Road liegen zwei Bars. Im George & the Dragon wird bis 23 Uhr zum Vorglühen verweilt, danach geht es 100 Meter weiter zum Abstürzen ins Joiner’s Arms, der Laden hat bis drei Uhr nachts auf. Vom legendären Stadteil Bloomsbury, wo sich in den 1920ern die sexuell ambivalente Szene um die Schriftstellerin Virginia Woolf herumtrieb, ist nicht viel mehr übrig geblieben als der schwule Buchladen Gay’s the World, der sich heute nur noch mit Spenden über Wasser halten kann. Und auch wenn der Verfall einer Szene immer traurig macht: Wenn ein Stadtteil langweilig wird, wird schon der nächste entdeckt. London ist groß genug, um immer wieder Platz für neue Lebensstile zu machen. Anders als zu Oscar Wildes Zeiten.

INFO

www.visitlondon.com/people/gay/index
Offizielle Tourismusseite der Stadt mit Infos für Schwule und Lesben.

ANREISE

British Airways fliegt täglich ab sieben deutschen Städten nach London. Hin- und Rückflug kosten ab etwa 130 Euro, www.britishairways.com

HOTELS

Cadogan Hotel (75 Sloane Street) Fünf-Sterne-Hotel zwischen Harrods und King’s Road mit großartigem Frühstück und atmosphärischen Zimmern, in einem davon wurde Oscar Wilde verhaftet, www.cadogan.com

The Trafalgar (2 Spring Gardens) Direkt am Trafalgar Street gelegenes Boutique Hotel mit Dachterrasse, www.thetrafalgar.com

AUSGEHEN

The Box (32-34 Monmouth Street) Immer sehr volle Bar, sehr gute Stimmung zum After- Work-Drink, www.boxbar.com

Eagle London (349 Kennington Road) Kerle & ein Darkroom. Mixed crowd am Sonntag. Verschiedene Themenabende, www.eaglelondon.com

The George & The Dragon (2-4 Hackney Road), Sehr gemütliche Bar mit kitschiger Deko und guter Stimmung. Bis 23 Uhr wird hier für den Abend vorgeglüht.

Beyond @ Area (67 Albert Embankment) Der After-Hour-Club für die harten Partygänger, ab 5 Uhr und bis man umfällt.

Heaven (Arches Villiers Street) Der sicher berühmteste Gay-Club Londons mit mehreren Dancefloors und trendigem Publikum, www.heaven-london.com

Alle Adressen im Spartacus International Gay Guide und der iPhone-App