Mord oder Selbstmord? Genie oder Wahnsinn? Süchtig oder krank? Pervers oder missverstanden? Nein, die Rede ist nicht von Michael Jackson, dem King of Pop, auch wenn die Parallelen erstaunlich sind. Es geht um einen echten König, den Märchenkönig. Ludwig II. von Bayern, Erbauer der sagenhaftesten Schlösser des Landes, Förderer von Richard Wagner und der Kunst allgemein, aber auch einsamer Exzentriker und unglücklich Liebender. Ebenso wie sich um Leben und Tod des King of Pop längst Legenden ranken verschwindet auch das Bild Ludwigs im Nebel aus Vertuschungen und Mythenbildung. Gäbe es einen besseren Anlass, um auf seinen Spuren durchs herbstliche Oberbayern zu reisen? Im Gepäck: Heinz Häfners im letzten Jahr erschienenes Buch „Ein König wird beseitigt“, aus dem wir uns auf der Autofahrt gegenseitig vorlesen sowie ein Reiseführer zum Thema König Ludwig.

Unsere erste Station führt uns nach Schloss Nymphenburg am Rande Münchens, wo Ludwig am 25. August 1845 zur Welt kam. Im Geburtszimmer steht eine Büste des kleinen Ludwig. Ein hübsches Kind. Ein Weißwurstfrühstück im nahe gelegenen Königlichen Hirschgarten ist vielleicht nicht ganz standesgemäß, lässt uns aber erahnen, was München so besonders schön macht. Weiter Richtung Süden halten wir beim ersten „echten“ Ludwigschloss: Linderhof. Es ist das kleinste, schönste und das einzige, das auch tatsächlich fertiggestellt wurde und in dem Ludwig längere Zeit verbracht hat. Wie bei allen Schlössern darf man nicht alleine hinein sondern muss eine Führung mitmachen. Erstaunlich, wie konsequent dabei Ludwigs Neigung zum eigenen Geschlecht verschwiegen wird. Als wir im überkandidelten Schlafzimmer stehen, sagt das Mädchen, das uns durch die Räume führt doch allen Ernstes: „Das King Size-Bett musste Ludwig mit niemandem teilen, denn er war nur einmal zwei Wochen lang verlobt.“ Wir überlegen kurz, ob wir ihr aus den Briefen, die in Häfners Buch zitiert werden, vorlesen sollen. In denen machte Ludwig genaueste Vorgaben zu den Burschen, die ihm sein Stallmeister Karl zu besorgen hatte. Wir verkneifen uns den Kommentar. Lieber schwelgen wir in der üppig glänzenden Inneneinrichtung, die selbst Versace too much gewesen wäre. Wie großartig überdimensional Ludwigs kreativer Schaffensdrang und seine Weltflucht waren, erahnt man allerdings erst, wenn man in der Venusgrotte steht.

Oberhalb des Schlosses führt ein Sesamöffne- dich-Felsen in eine komplett künstlich angelegte Grotte, in der sich der König im Schwanenbötchen auf dem unterirdischen See treiben ließ und zu Lichtspiel und Wasserfall Wagners „Tannhäuser“ lauschte. Uns ist kalt, weil die 130 Jahre alte Zentralheizung hinter den Wandattrappen nicht mehr in Betrieb ist. Damals muss es sehr kuschelig gewesen sein.

Am frühen Abend checken wir in der Moosbeck Alm ein, einem kleinen Landhotel in der Nähe des Dörfchens Rottenbuch, das uns mit einer „König Ludwig Suite“ lockt – und nicht enttäuscht. Hausherr Hans, „the only gay in the village“, führt seit über 30 Jahren offen schwul seine Homo-Oase und hat sich ein ebenso idyllisches wie exzentrisches Reich geschaffen. Neben den mit viel Liebe zum Detail eingerichteten Suiten – neben der Ludwiggibt es auch eine Sisi- und eine Luitpold-Suite – liegt etwas abseits auch eine rustikale Blockhütte mit Swimmingpool für FKK-Freunde. In der Saunalandschaft hat ein Kunstmaler griechische Adonisse an die Wand gemalt, die dem Hausherrn und seinem inzwischen verstorbenen Liebhaber nachempfunden sind und im Garten steht eine riesige Miniaturversion von Schloss Neuschwanstein – aus Beton.

Abends versammelt der gesellige Hans dann gern fremde Gäste am Stammtisch, an dem regelmäßig schwule Ludwigfans fachsimpeln und Hans aus seinem und des Königs Leben erzählt. Da kann es dann auch mal später werden. Am nächsten Morgen schauen wir vor der Abfahrt noch kurz in der Rottenbucher Barockkirche vorbei, die sich in ihrer Gold- und Engelspracht absolut nicht vor der nahe gelegenen und sehr viel bekannteren Wieskirche zu verstecken braucht.

Doch wir wollen weiter, das große Ziel heißt heute: Das echte Neuschwanstein! Wahnsinnig dramatisch steht es neben dem Familienschloss Hohenschwangau auf einem Fels vor dem Alpenpanorama, doch nach dem Aufstieg wird man das komische Gefühl nicht los, in einer Disneykulisse zu stehen. Es wirkt unwirklich, nicht nur wegen der Souvenirshops in den unausgebauten Stockwerken und der japanischen Touristenhorden. Erst der Sängersaal ganz oben versöhnt uns. Was für eine Kulisse für Konzerte! Die zweite Nacht verbringen wir im Schlosshotel Kranzbach bei Garmisch, einem 100 Jahre alten Landschloss im englischen Stil, dass sich die exzentrische Adlige Mary Portman buchstäblich auf die grüne Wiese hat bauen lassen. Seit zwei Jahren ist es zum Wellness-Designhotel ausgebaut und dürfte mit seinen 130.000 Quadratmeter großen, völlig unbebauten Ländereien und dem sagenhaften Bergpanorama so ziemlich das abgeschiedenste Hotel Deutschlands sein. Nach dem exzellenten Abendessen verbringen wir den Abend mit Cocktails vor dem Kamin bevor wir uns in die Gemächer zurückziehen. Welche Ruhe!

Die private Mautstraße, über die man das Kranzbach erreicht, führt zu einem weiteren Schloss, Elmau. Von dort gibt es gleich mehrere Wege hinauf zu Ludwigs unbekanntestem Bauwerk: dem Königshaus am Schachen. Dort oben, auf 1866 Höhenmetern, verbrachte er oft seine Geburtstage, die Diener mussten bei den Feiern im üppig ausgestatteten Türkischen Saal Seine Majestät in orientalischen Gewändern oder nur spärlich bekleidet erfreuen. Das Bergschlösschen ist zu Fuß nicht unter 3,5 Stunden zu erreichen und nur in den Sommermonaten geöffnet. Wir setzen unsere Ludwigtour Richtung Nordosten fort. Nach knapp 200 Kilometer Autofahrt durch die traumhafte Hügellandschaft des Voralpenlands, vorbei an saftigen Wiesen und pittoresken Städtchen wie Gmund am Tegernsee oder dem Kurort Bad Tölz, erreichen wir den Chiemsee.

Von Prien nehmen wir das Boot „Siegfried“ zur Herreninsel, wo sich Ludwig sein drittes Schloss hinbauen ließ. Herrenchiemsee entstand, wie bereits Linderhof, nach dem Vorbild von Versailles, nur sehr viel imposanter, doch leider auch nur zum Teil ausgebaut, da dem König und Bayern zwischendurch schlicht das Geld ausging. Der vollendete Teil ist dennoch atemberaubend. Die 98 Meter lange Große Spiegelgalerie ist mit ihrem Goldprunk, den 44 Kandelabern und 33 Lüstern sogar noch länger als die in Versaille. Auch das Paradeschlafzimmer mit seinem 3 mal 2,60 Meter großen Bett übertrifft das des Sonnenkönigs. Und im angrenzenden Ludwigmuseum kann man sich die Hermelinmäntel anschauen und in den schwärmerischen Briefen an Richard Wagner schmökern.

Auf dem Weg zurück Richtung München machen wir einen Schlenker zum Starnberger See, wo Ludwig am 12. Juni 1886 in Schloss Berg, seiner Sommerresidenz, interniert wurde. Drei Tage zuvor wurde der exzentrische König für geisteskrank erklärt und entmündigt. Unweit des Schlosses steht heute an der Stelle ein Holzkreuz im Wasser, wo er und sein Bewacher, der Psychiater von Gudden, am 13. Juni tot aufgefunden wurden. Die Umstände sind bis heute ungeklärt. Wir lesen noch mal bei Häfner nach, der sich aus dieser Debatte heraushält aber einleuchtend belegt, dass der König bis zuletzt keineswegs wahnsinnig war, sondern wohl eher wegen seiner Bauwut und dem immer offeneren Ausleben seiner homosexuellen Neigungen beseitigt wurde.

Zurück in München kommen wir gerade noch rechtzeitig, um in der Michaelskirche Zugang zu seiner letzten Ruhestätte zu erhalten. Gleich rechts neben dem Altar ist eine Holzluke im Boden, die hinab in die Fürstengruft führt. Hier liegen die derer zu Wittelsbach – also auch der Kini. Selbst im Tod überstrahlt Ludwig sie alle. Nur vor seinem Sarg stehen etliche Vasen, gefüllt mit weißen Lilien. Als wir die Gruftwache fragen, von wem die Blumen sind, ist die Antwort schlicht: „Die bringen die Leut’.“ Auf dem Sarg ein Schild: „Für Ludwig – den wunderbarsten König“. Als wir wieder aus dem Dunkel heraustreten, stehen wir mitten in der Fußgängerzone, um uns wuseln Münchner Mädels zwischen H&M und Pimkie. Zeit auch für uns, wieder im Hier und Heute aufzutauchen.

Den Abend verbringen wir bei Weißbier und ofenfrischem Schweinebraten mit Knödel im Restaurant des traditionsreichen Münchner Homohotels Deutsche Eiche. Und lassen nach vier Tagen auf den Spuren Ludwigs den Kini in Frieden ruhen.
(Erschienen in Spartacus Traveler 04/2009)

INFO

www.oberbayern.de
Offizielle Homepage des Tourismusverband München Oberbayern e.V.

ANREISE

Der Flughafen Franz Josef Strauß ist einer der modernsten Europas, alle relevanten Fluglinien sind hier vertreten. Lufthansa fliegt München ab vielen deutschen Flughäfen mehrmals täglich an, Hin- und Rückflug kosten ab 99 Euro, www.lufthansa.com

Für eine König-Ludwig-Tour kommt man ohne Auto kaum aus. Wer nicht mit dem eigenen Fahrzeug anreist, nimmt sich am besten ab Flughafen oder Bahnhof einen Mietwagen. Bajuwarisch stilecht wäre zum Beispiel ein BMW. Bei Holiday Autos kosten fünf Tage mit einem BMW der 5er-Reihe ab 300 Euro, www.holidayautos.de

HOTELS

Moosbeck Alm (Moos 38, Rottenbuch) Das schwul geführte Landhotel hat eine liebevoll ausgestattete Ludwig-Suite, eine Saunalandschaft, eine versteckt gelegene FKK-Blockhütte und im Garten ein Mini- Neuschwanstein aus Beton im Garten. Eine Homo-Oase in schönster Landschaft, so exzentrisch wie der Kini, www.moosbeck-alm.com

Schlosshotel Kranzbach (Kranzbach) Das Kranzbach bei Garmisch-Partenkirchen ist ein gar königliches Vergnügen: Das exquisite Wellness-Designhotel im 100 Jahre alten englischen Landschloss der exzentrischen Aristokratin Mary Portman liegt inmitten von 130.000 Quadratmetern unberührter Natur. Ideal zum Wandern und Relaxen, www.daskranzbach.de

Deutsche Eiche (Reichenbachstraße 13, München) Das schwule Hotel in Münchens Altstadt ist längst ein Klassiker. Für Fassbinder und Freddie Mercury war es ein zweites Wohnzimmer. Behutsam runderneuert, hat es mittlerweile drei Sterne Superior Standard. Mit Luxussuite, uriger Gaststätte und riesigem Badehaus auf vier Etagen,
www.deutsche-eiche.com