La Serenissima („die Heiterste“), so ein Spitzname der Republik Venedig, war einst einer der schwulsten Orte der Welt. In dieser Stadt, die sich aus mehreren miteinander verbundenen Inseln vor der Küste zusammensetzt, galten schon immer andere Regeln und eine freiere Einstellung, was nicht zuletzt im weltberühmten Karneval zum Ausdruck kommt. Venedig war von jeher ein Magnet für Künstler, darunter auch schwule und bisexuelle Größen wie Henry James, Lord Byron, Thomas Mann und Gore Vidal.

Die Vorstellung, dass die Schönheit und Melancholie dieser langsam untergehenden Stadt – die noch vor ihrer Fertigstellung abzusinken begann – in einenm bestimmten Zusammenhang mit einer künstlerischen, „queeren“ Sensibilität steht, ist keineswegs neu. Das gewaltige Kreuzigungsfresko des venezianischen Malers Tintoretto aus der Spätrenaissance (zu sehen in der prachtvollen Scuola di San Rocco) hat deutlich homoerotische Elemente – doch angesichts der Tatsache, dass Tintoretto zehn Kinder hatte, war er den Damen wohl nicht abgeneigt. Ob es vielleicht am Wasser hier liegt? Wegen der hohen Mieten und der durch den steigenden Wasserpegel verursachten Probleme im Alltag (mehrmals im Jahr werden die Straßen überflutet, was man „acqua alta“ nennt) haben viele Einheimische ihre Immobilien an Ausländer vermietet oder verkauft. Sie kommen nur noch ein- oder zweimal pro Jahr in die Stadt, was der Serenissima zuweilen die Atmosphäre einer Geisterstadt verleiht.

Die Stadt hat 60.000 Einwohner, dafür aber mehr als drei Millionen Touristen pro Jahr – ein Verhältnis von 50 :1! Die meisten schwulen und schwulenfreundlichen Etablissements richten sich daher auch an Touristen. Es gibt mehr schwule Bed & Breakfasts als Bars oder Discos, denn letztere bräuchten außerhalb der Saison wesentlich mehr einheimische Gäste, um zu überleben. Ein Paradies ist die Stadt vor allem für Paare, die sich für Kunst interessieren und die sich unter einem gelungenen Abend ein gutes Essen mit ein paar Drinks, gefolgt von einem nächtlichen Spaziergang durch enge Gassen und über romantische Brücken vorstellen. Da es keine Autos gibt und die meisten Bars um 23 Uhr schließen, ist es in der Stadt nachts verdammt ruhig. Die Reichtümer der Republik Venedig, die dank Handel und Kriegszügen in die Stadt strömten, flossen vor allem in den Bau imposanter und reich geschmückter Palazzi, die den Canal Grande und die vielen anderen Kanäle säumen, welche in die verschiedenen Stadtteile oder „sestiere” abzweigen.

Der Markusplatz mit dem Dom und dem gotischen Dogenpalast liegt im Stadtteil San Marco und gilt als Mittelpunkt der Stadt. Hier ist der beste Ausgangspunkt zur Erkundung Venedigs, nicht zuletzt deshalb, weil das Museum im Dogenpalast und das Museo Correr auf der gegenüberliegenden Seite des Markusplatzes einen guten Überblick über die venezianische Geschichte verschaffen. Als autonome Republik wurde die Stadt von Dogen regiert (man erkennt sie auf Gemälden an ihren speziellen Mützen, die wie die weißen Hüte der Schlümpfe aussehen). Die Festa della Sensa findet alljährlich zu Christi Himmelfahrt statt und stellt symbolisch die Vermählung des Dogen mit dem Meer nach – eine von mehreren altehrwürdigen Festivitäten, die noch heute Schaulustige anziehen und Venedig in einen veritablen Ameisenhügel verwandeln.

Andere Feierlichkeiten, die man erlebt haben sollte, sind natürlich der Karneval (zu dem es immer ein paar kleine, aber wilde schwule Partys gibt) sowie die Regata storica, die historischen Bootsrennen, bei denen man die Muskeln der Gondolieri bewundern kann. Weniger bekannt ist die Festa del Redentore im Juli. Dabei handelt es sich um ein Dankesfest zum Ende der Pestepidemie, die im 16. Jahrhundert in Venedig 50.000 Opfer forderte, darunter den Maler Tizian, der als einziger der Toten ein kirchliches Begräbnis erhielt (in der Basilika Gloriosa dei Frari, die ebenfalls einen Besuch wert ist).

Am Tag der Festa verbindet eine temporäre Brücke aus Booten die Hauptinsel Venedigs mit der Insel Giudecca. Die Brücke endet vor der Kirche Il Redentore, einem Bauwerk von Andrea Palladio, dem berühmtesten aller Renaissance-Architekten. Nach einem Feuerwerk an der Kirche geht die Party erst richtig los; die jungen Leute fahren zum Lido, um am Strand den Sonnenaufgang zu betrachten. Das Grand Hotel des Bains, wo Manns Tod in Venedig spielt, steht noch heute, wurde aber mittlerweile in einen Apartmentkomplex umgewandelt. Nach spezifisch schwulen Veranstaltungen muss man erst ein wenig suchen, denn wie so oft in Italien gibt es hier wenige Schwulendiscos, so dass die einschlägigen Partys an verschiedenen Orten stattfinden.

Auf dem Festland gegenüber von Venedig, im Industriehafen Marghera und Noale, gibt es die berühmt-berüchtigte Partyreihe Trash & Chic, während in San Donà di Piave unregelmäßig eine Veranstaltung namens Over Oltre la Notte organisiert wird (beide Veranstaltungen haben Facebook-Seiten). In Venedig selbst ist der einzige Tanzclub das heterosexuelle, aber dekadente Piccolo Mondo, ein früherer Favorit von Peggy Guggenheim, deren Palazzo am Canal Grande nun das nach ihr benannte Museum beherbergt. Übernachtet man in einer schwulen oder schwulenfreundlichen Unterkunft, kann das Personal sicher weitere gute Tipps geben.

Viel spaßiger aber und eine gute Ausrede, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, ist es, Studenten von der Uni nach den neuesten Insider-Informationen zu fragen. Das kann man etwa bei einem Aperitif im Ai do Draghi nahe des Campo Santa Margharita, gleich gegenüber der Universität. Dabei handelt es sich um einen typischen bàcaro, eine kleine venezianische Bar, in der man die lokale Variante von Tapas, cicchetti, Prosecco und Weine aus der Region ebenso genießen kann wie Spritz, einen beliebten roten (mit Campari) oder orangenen (mit Aperol) Cocktail, der auf den Terrassentischen allgegenwärtig ist. Tagsüber findet die geneigte Kulturhusche eine Vielzahl an Museen und Kirchen, während abends die berühmte Oper La Fenice und Konzertsäle für Unterhaltung sorgen. Pärchen finden in Venedig jede Menge Restaurants und kleiner Bars, in denen man sehr angenehme Abende verbringen kann. Touristenfallen sollte man allerdings meiden.

Generell sollte man sich in Venedig von den Touristenpfaden eher fernhalten. Es kann Spaß machen, sich einfach einmal zu verlaufen. Da Venedig eine Insel ist, kommt man nicht weit, auch wenn es empfehlenswert ist, einen Stadtplan oder ein tragbares GPS-System bei sich zu haben – Wassertaxis nach Hause sind teuer und nachts nicht leicht aufzutreiben. Beim Umherschlendern kann es passieren, dass man auf ein Vivaldi-Konzert in einer kleinen Kirche stößt oder in einer Sackgasse landet, wo man gerade Szenen aus dem Leben des berühmten venezianischen Herzensbrechers Casanova nachstellt. Momente, die für einen Heiratsantrag wie geschaffen sind.

INFO

www.turismovenezia.it
Offizielle Seite der Stadt Venedig für Touristen.

ANREISE

Lufthansa fliegt zum Teil mehrmals täglich von Düsseldorf, Hamburg, München und Frankfurt den Flughafen Venice Marco Polo an. Hin- und Rückflug kosten ab 99 Euro. Hat man einen Fensterplatz zur Rechten (in Flugrichtung) ergattert, hat man bei klarem Wetter beim Landeanflug einen wunderschönen Blick auf Venedig.
www.lufthansa.com

HOTELS

Hotel Excelsior Venice (Lungomare Marconi 41) 5-Sterne-Luxushotel am Lido im maurischen Stil mit Privatstrand, wo Gäste altmodische Strandkabinen mieten können. Vom Hotel aus hat man eine wunderbare Aussicht auf die Adria und die Lagune von Venedig, www.hotelexcelsiorvenezia.com

Casa de Uscoli (San Marco 2818) Luxuriöses, schwulenfreundliches Bed & Breakfast am Canal Grande unweit von Accademia-Brücke und Guggenheim- Museum, www.casauscoli.com

Weitere Hoteltipps

AUSGEHEN

Caffè Florian (Castello 5453) Dieses berühmte Lokal an der Piazza San Marco wurde bereits 1720 von Floriano Francesconi eröffnet. Hierhin lud Casanova seine Eroberungen ein (dieses Café war das erste, zu dem Frauen Zutritt hatten). Goethe war ebenso hier zu Gast wie Dickens und Lord Byron. Der venezianische Dramatiker Goldoni kam als Kind oft her, was zweifelsohne an der ausgezeichneten venezianischen Eiscreme lag, www.caffeflorian.com

Harry’s Bar (Calle Vallaresso 1323) Ebenso berühmt wie das Caffè Florian ist Harry’s Bar, die Lieblingskneipe von Hemingway und Woody Allen (der „Alle sagen: I love you“ in Venedig drehte). Spezialität ist ein angesagter Cocktail namens Bellini (eine Mixtur aus weißem Pfirsichpüree und Prosecco), der mittlerweile die ganze Stadt erobert hat. Die Preise sind recht hoch, und wie in den meisten Bars ist auch hier um 23 Uhr Schluss, www.harrysbarvenezia.com

Piccolo Mondo (Accademia Dorsoduro 1056/a) Die einzige richtige Disco-Bar der Stadt war früher ein Lieblingstreffpunkt von Peggy Guggenheim. Die Getränke sind furchtbar teuer, aber die Atmosphäre ist auf nette Weise dekadent. Ungewöhnlich für Venedig: Hier geht es erst nach Mitternacht so richtig los, www.piccolomondo.biz

Trash & Chic Auf dem Festland gegenüber Venedig organisieren die Leute hinter Trash & Chic das ganze Jahr über schwule Partys an verschiedenen Orten in Marghera und Noale. Neuigkeiten auf ihrer Facebook-Seite unter „Events“, www.facebook.com/trashechic

Weitere Adresse für die Gay-Szene gibt es im Spartacus International Gay Guide und der Spartacus iPhone App.