Text: Dirk Baumgartl

Sein silbergraues Haar leuchtet in der Abendsonne und blickt man Michael Aller an diesem Tag ins Gesicht, leuchten seine Augen vor Freude. Hier in South Beach, einer langgezogenen Sandinsel vor der Küste Miamis, kennt man ihn nur als „Mister Miami Beach“. Er ist eine Art lebendes Fossil der hiesigen Homoszene und als „Tourism and Convention Director and Chief of Protocol for The City of Miami Beach” ein Insider par excellence. Kaum eine Minute vergeht, in der nicht irgendjemand irgendetwas von dem charmanten Senior wissen will. Und Michael Aller hat die passende Antwort parat. Heute werden im Rathaus von Miami Beach die neuen Räume des schwul-lesbischen Besucherzentrums eingeweiht und ein benachbarter Konferenzsaal trägt ab sofort Michael Allers Namen. Welche Ehre! „Seit Jahrzehnten erzähle ich den Leuten, dass unsere Community eine der offensten, gastfreundlichsten und buntesten der Welt ist. Wir haben lange und hart dafür gearbeitet und ich fühle mich durch diese wundervolle Geste sehr geehrt.“ In Zukunft werden in dem neuen Zentrum schwul-lesbische und transexuelle Gruppen ihre Heimat finden und Touristen können sich über die Szene informieren. Die Homos sind aus Miami Beach nicht wegzudenken und Bürgermeisterin Matti Bower hält engen Kontakt zur Szene.

Wer Miami hört, der denkt an pastellfarbene Leinensakkos und Vokuhilas, denkt an Neonlicht, Don Johnson und „CSI : Miami“. Ende der 80er Jahre haben Stars wie Madonna, Elton John und nicht zuletzt Gianni Versace für Glamour und Gerüchte gesorgt und wer es sich leisten möchte, kann in Versaces ehemaliger Villa am Ocean Drive zu Abend essen. Das sagenhafte Anwesen wurde nach der Ermordung des schwulen Modeschöpfers 1997 recht schnell verkauft und beherbergt heute neben einem Luxusrestaurant ein Hotel, in dessen Zimmern einst Donatella, Madonna und Gianni ihre Nächte (mit wem auch immer) verbrachten. Ob Zufall oder nicht, gleich gegenüber der Versace-Villa liegt hinter ein paar Sanddünen, auf Höhe der 14th Street, Miamis Homostrand, an dem sich am Wochenende und während der Hauptsaison im Winter Jungs und Männer auf Liegen in der Sonne räkeln, ihre Muskeln spielen lassen oder kurz im Meer abtauchen. Wer will, kann an dem extrem breiten Sandstrand stundenlang nach Norden wandern – von South Beach nach North Beach, über Bel Harbour und den schwulen Nacktbadestrand Haulover Beach nach Sunny Isles und bis hinauf nach Fort Lauderdale. Paradiesische Zustände für Strandspaziergänger.

Am Ende eines Badetages setzt man sich für einen ersten Cocktail ins „Palace“, die einzige Homobar am Ocean Drive. Von hier aus hat man die beste Aussicht auf die vom Gay Beach heimkehrenden Urlauber und den „Laufsteg“ Ocean Drive, auf dem man seine Lässigkeit gerne zelebriert. Ob durchtrainierter Surfer, junger Skater oder aufgepumpter Daddy: Entlang der Strandpromenade gibt es von früh morgens bis spät in die Nacht eigentlich immer etwas zu entdecken. Und seien es nur die zahlreichen Details der berühmten Art-Deco-Gebäude, die Miami zu einem Eldorado für Architekturfans machen. Bei einem geführten Spaziergang durch den Art Deco District bekommt man einen guten Eindruck von verschiedenen Stilen, die sich in Hotellobbys und an markanten Gebäuden ausdrücken. Wer sich für zeitgenössische Kunst interessiert, macht einen Abstecher nach Downtown Miami. An den Wynwood Walls an der NW 2nd Avenue Ecke 26th Street haben Graffitikünstler aus aller Welt eine Open-Air-Galerie gestaltet. In den zahlreichen Galerien und Sammlungen wie zum Beispiel der exzellenten Rubell Family Collection des Kunstdistrikts findet man das Who is Who der jüngsten Künstlergeneration. Es ist die Mischung aus lockerem Strandleben und kultureller Vielfalt einer Großstadt, die Miami für den Besucher so attraktiv macht. Langeweile kommt hier jedenfalls nicht auf.

Neben Museen wie dem Miami Art Museum, dem Seaquarium oder einem Ausflug in die Sümpfe der Everglades hält die 500.000 Einwohner zählende Stadt auch Überraschendes bereit. So ist das private World Erotic Art Museum in South Beach ein Sammelsurium an Kuriositäten und Artefakten, die sich rund um das Thema Sexualität und erotische Kunst drehen. Vom Riesendildo über Tom-of-Finland-Zeichnungen bis zu Replikaten aus Pompeji reicht die Sammelwut der rüstigen Rentnerin Naomi Wilzig, die alles zum Thema Sex und Kunst zusammenträgt, was ihr zwischen die Finger kommt.

Eine ganz andere Leidenschaft pflegte James Deering, ein reicher Industrieller und Agrar-Magnat aus Chicago, der sich an der Biscayne Bay ein Fantasiereich aus üppigen Gärten und einer mit europäischen Antiquitäten vollgestopften Villa im Renaissancestil erschuf. Das Vizcaya Museum & Gardens gehört zum Pflichtprogramm eines

Miami-Besuchs und wer zur berühmten White Party im November anreist, kam bis 2010 auf Viszcaya in den Genuss einer der legendärsten schwulen Cocktailpartys des Landes. Bis auf wenige Ausnahmen wie den riesigen Homoclub „Discotekka“ in Downtown spielt sich das schwule Nachtleben überwiegend in South Beach ab. Wer sich ein zentrales Hotel wie das Z Ocean oder Victor direkt am Ocean Drive aussucht, kann im Prinzip alle Wege zu Fuß gehen. Nach einem Abendessen im mediterran wirkenden Espanola Way geht es auf einen ersten Drink in die Mova Lounge oder man schaut nach einem Bummel durch die für Amerika ziemlich einzigartige Fußgängerzone Lincoln Road im Score vorbei. Am späteren Abend verwandelt sich die Lounge in einen bei einem jungen Latino-Publikum beliebten Danceclub, der an den Wochenenden brechend voll wird.

Im Twist an der Washington Avenue findet man unter mehreren Bars und kleinen Dancefloors schnell seine Lieblingsecke, in einer separaten Stripperbar im Hinterhof ist es auch unter der Woche recht belebt. Zu Events wie White Party oder Winter Party herrscht in Miami Ausnahmezustand. Dann reisen tausende schwule Partygänger nach South Beach und feiern tagelang mit den besten DJs des Kontinents. Recht neu ist dagegen der Miami Beach Gay Pride, der 2010 erst zum zweiten Mal stattfand und sich doch sofort als Großveranstaltung etabliert hat. Die Paradestrecke entlang des Ocean Drive gehört sicher zu einer der schönsten des Landes, im Anschluss feiert man zwischen Strandpromenade und Dünen bis zum Sonnenuntergang.

Mister Miami Beach Michael Aller kann zufrieden sein. Denn während die großen Circuit-Partys vor allem zahlungskräftige Touristen in die Stadt locken, hatte die lokale Szene bis vor Kurzem kein Event, das „ihr“ gehörte. Während des Gay Prides im April sieht man sie nun alle auf dem Ocean Drive – die schwulen Kellner und Angestellten, die Anwälte und Ärzte, die Bauarbeiter, Beamten und Immigranten aus Lateinamerika. Eine aufregende Mischung. Typisch Miami.

INFO

www.miamiandbeaches.com/visitors/gay.asp
Offizielle Homepage des Tourismusamtes mit Tipps für schwule Reisende und Link zum Download eine Gay-Broschüre.

www.gogaymiami.com
Homepage der Miami-Dade Gay & Lesbian Chamber of Commerce mit vielen Tipps für schwule Touristen und Terminkalender.

ANREISE

Air Berlin fliegt bis zu sechs Mal pro Woche nonstop ab Düsseldorf nach Miami. Hin- und Rückflug kosten ab 460 Euro, www.airberlin.com

Ein Mietwagen zur Erkundung der Umgebung oder für eine Rundreise ist sinnvoll. Mit Holiday Autos kostet eine Woche Mietwagen ab 149 Euro, www.holidayautos.de

HOTELS

EPIC Hotel (270 Biscayne Blvd. Way) Luxuriöses Boutique Hotel der super homofreundlichen Kimpton-Gruppe in Downtown, www.epichotel.com

Z Ocean Hotel (1437 Collins Avenue) Schickes und ideal gelegenes Boutique Hotel direkt am nördlichen Ende des Ocean Drive, www.zoceanhotelsouthbeach.com

Hotel Victor (1144 Ocean Drive) Art Deco Hotel mit cooler Pool-Terrasse dirket gegenüber dem Homostrand an der 14. Straße, www.hotelvictorsouthbeach.com

Solé On The Ocean (17315 Collins Avenue, Sunny Isles Beach) Neues Hotel im Boutique-Stil zwischen South Beach und Fort Lauderdale sowie in unmittelbarer Nähe zum schwulen Nacktbadestrand Haulover Beach, www.soleontheocean.com

AUSGEHEN

The Palace (1200 Ocean Drive) Die Bar ist der schwule Treffpunkt am Ocean Drive, direkt gegenüber vom Homostrand. Sonntags ist „Brunchic“ und Dragqueens liefern eine fulminante Straßenperformance, www.palacesouthbeach.com

SugarCane Raw Bar & Grill (3250 NE 1st Avenue) Neues Restaurant mit trendiger Fusionküche aus Tapas und Sushi, www.sugarcanerawbargrill.com

RED The Steakhouse (119 Washington Avenue) Cooles Ambiente und moderne Küche von Steak bis Seafood, www.redthesteakhouse.com

Mova Lounge (1625 Michigan Avenue) Hier beginnt für trendige Homos das Wochenende bevor sie sich ins weitere Nachtleben stürzen, www.movalounge.com

Twist (1057 Washington Avenue) Die wohl beliebteste Homobar in South Beach auf zwei Etagen und insgesamt fünf Bars. Im Innenhof gibt eine gesonderte Stripper-Bar. Je später der Abend desto ausgelassener die Stimmung, www.twistsobe.com

Score (727 Lincoln Road) Bar, Lounge und an Wochenenden brechend voller Club in der Fußgängerzone von South Beach, www.scorebar.net

Discotekka (950 NE 2nd Avenue) Miamis größter Homo-Danceclub in Downtown, www.discotekka.com

Alle weiteren Adressen im Spartacus International Gay Guide und der iPhone-App