Byeseeyou steht mit pflichtbewusst gezücktem Mikrofon unter einem Plastikbaldachin und singt sich mal schön, mal schrill die Seele aus dem Leib. Hinter ihr erstreckt sich ein schimmerndes Gewässer mit dem schönen Namen „Sonne-Mond-See“, vor ihr prangt das imposante Portal des taoistischen Wen Wu- Tempels, rechts und links werden Würstchen am Spieß, Tee-Eier und gebratene Hühnchen feilgeboten. Wenn der Himmel nicht bedeckt wäre, wäre es nicht nur ein warmer, sondern auch ein sonniger Nachmittag. Und wenn Byeseeyou nicht unablässig singen müsste, würde sie vielleicht sogar eine ihrer mitgebrachten CDs verkaufen. Andererseits hat sie ja noch ein paar Jahre Zeit. Sie ist nämlich erst sechs. In diesem Alter hatte Britney Spears noch nicht mal ihren ersten Werbespot gedreht. Byeseeyou dagegen hat schon über 3.000 Facebook-Fans. Und sie hat gerade einen hinzugewonnen. Mich. Willkommen in Taiwan.

Es ist die putzige Ambivalenz von Momenten wie diesen, die beim Reisen in der Republik China immer wieder für Überraschung und Amüsement sorgt. „Republik China?“, fragen nun einige. „Taiwan gehört doch nicht zu China.” Wie man’s nimmt. Denn „Republik”ist nicht mit „Volksrepublik” zu verwechseln. In gewisser Weise ist Taiwan das, was China sein könnte, wenn es Mao Tse Tung nicht gegeben hätte. Es ist das politische Überbleibsel einer republikanischen Bewegung, deren Anhänger sich nach dem Sturz des chinesischen Kaiserreiches 1912 jahrzehntelange Scharmützel mit Nationalisten, Monarchisten und Kommunisten lieferten, um 1949 nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei vom chinesischen Festland hierher vertrieben zu werden. Danach erlebte Taiwan auf der einen Seite 38 Jahre Einparteien-Diktatur und auf der anderen einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung. Seit Ende der Achtziger Jahre herrscht Demokratie. Das ist ein arg verknappter historischer Abriss, aber er erklärt ansatzweise den heutigen Zwitterstatus der Insel. Denn offiziell beansprucht Festlandchina sie noch immer für sich. Das hat zur Folge, dass Länder, die diplomatische Verbindungen zur Volksrepublik unterhalten (und das tun alle Industrienationen), sich im Gegenzug verpflichten müssen, die staatliche Souveränität der Republik China (also Taiwans) nicht anzuerkennen. Für Taiwan bedeutet das internationale Isolation, innenpolitisch führte es allerdings auch dazu, dass das Land eine der fortschrittlichsten Homogesetzgebungen in ganz Asien hat.

Ob Byeseeyou von alledem schon weiß? Wohl kaum. Und man kann es hier, im geografischen Zentrum Taiwans, auch ruhig außer Acht lassen. Der Sonne-Mond-See ist ein mystischer Ort, der zum Träumen und Fabulieren einlädt. Der Legende nach entdeckten die Jäger vom Aborigine-Stamm der Thao das Gewässer, nachdem sie einen weißen Hirsch an seine Ufer getrieben hatten. Das Tier entschwand in die Fluten und erschien dem Stammesältesten später im Traum, um zu verkünden, dass hier „das gelobte Land für kommende Generationen“ sei. So ließen sich die Thao am See nieder. Aber das ist lange her. Heute hat sich die Größe des Stammes auf etwa 250 Angehörige reduziert. Damit sind die Thao das kleinste von 14 anerkannten taiwanischen Ureinwohnervölkern, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung zwei Prozent beträgt. Im ganzen Land wird die Aborigine- Kultur in mehr oder weniger geschmackvollen Folkloredörfern am Leben erhalten. Auch vom Sonne-Mond-See führt eine Seilbahn in die Berge zum „Formosan Aboriginal Culture Village“. Die Themenwelt mit den neun nachgebauten Aborigine-Dörfern bleibt allerdings nicht nur aufgrund der ihr angeschlossenenen Achterbahnlandschaft auf hibbeligem Vergnügungsparkniveau.

Wir bleiben also, wo wir sind, lassen die schön-schrille Geräuschkulisse noch etwas wirken und blicken übers Wasser. Bei aller Geschäftigkeit atmet die Gegend um den Wen Wu-Tempel einen großen Frieden. Von der Anhöhe aus kann man die Ausflugsboote beobachten, die im 20-Minuten-Takt von einem Seeufer zum anderen schippern, man kann die majestätische Berglandschaft rundherum bestaunen und wenn Byseeyou in den Pausen zwischen ihren Songs kurzzeitig Ruhe gibt, kann man bei jedem Windstoß ein vielstimmiges Klingeln hören. Verursacht wird es von gesegneten Glöckchen, die es im Tempel zu kaufen gibt. Jeden Tag werden sie zu Hunderten von Gläubigen an den Gittern des Treppenabgangs zum Wasser angebunden. Es heißt, das Läuten der „Blessing Wind Bells” würde den Göttern von Wen Wu die Gebete ihrer Besitzer zutragen. Ob das heute klappt, ist fragwürdig. Das sechsjährige Sangeswunder übertönt schon wieder jedes Klingeln. Diesmal wird es dabei sogar von einem gleichaltrigen Kollegen mit einer Minigitarre begleitet. Man sollte die beiden als Show Act für den Taiwan Pride engagieren. Der ist nämlich (man könnte es ob der poetisch-zerrissenen Anmut des Moments glatt vergessen) das eigentliche Ziel dieser Reise. Also Schluss mit der elegischen Landeskunde und auf nach Taipeh.

Die Hauptstadt liegt ganz im Norden von Taiwan, etwa 150 Kilometer vom Sonne-Mond- See entfernt. Es gibt mehrere Straßen, die dorthin führen. Wir haben uns für die Nordostroute entschieden. So liegen am Weg die Schluchten des Taroko-Nationalparks, die Strände der Honeymoon Bay, die alte Goldgräberstadt Jiufen und der Geologiepark von Yeliou. Jedes dieser Ziele ist eine Attraktion für sich, in ihrer Gesamtheit demonstriert die Tour aber vor allem eines: die bemerkenswerte landschaftliche Vielfalt Taiwans. Prägt an den Ufern des Sonne-Mond-Sees noch tropische Vegetation mit Bambus, Betelnusspalmen und Riesenfarnen das Bild, so findet man sich nach zwei Stunden Autofahrt den Hehuanshan-Berg hinauf plötzlich über der Baumgrenze wieder. Auf 3.275 Metern bei Wuling liegt der höchste Punkt, der motorisierten Gefährten in Taiwan zugänglich ist. Tapfere Sportler erreichen ihn auch mit dem Rad oder zu Fuß. Aber egal, wie man hierher kommt: Von Wuling bietet sich ein fantastischer Ausblick auf ein Bergpanorama, das den Vergleich mit den Alpen nicht zu scheuen braucht. Danach geht es durch Serpentinen und Tunnel abwärts zur Taroko-Schlucht. Teile der Strecke sind wegen Höhe und Temperaturgefälle meistens in dichten Nebel gehüllt, der immer wieder unerwartet aufreißt und den Blick auf schroffe Felswände und hinab in halsbrecherische Abgründe freigibt. Da kommt sogar bei Wandermuffeln Abenteuerlust auf. Es ist also gar nicht zwingend nötig das „Schwalbentor” und die „Neun-Kehren-Höhle” (die touristisch populärsten Punkte in der bizarren Steinwelt) anzusteuern, um ein andächtiges Gefühl von Demut gegenüber den steil aufragenden und zu großen Teilen aus purem Marmor bestehenden Felsformationen zu empfinden. Nicht minder spektakulär ist die in ihrem Kurvenreichtum ziemlich gefährliche Su-Hua-Küstenstraße entlang des Pazifiks.

Entspannter und sicherer fährt man allerdings mit dem Zug. Das Schienennetz der Taiwan Railways Administration ist gut ausgebaut und die Strecke bietet trotz zahlreicher Tunnel ebenfalls tolle Aussichten. Östlich von Taipeh lohnt sich ein Stopp am wellenumtosten Strand von Honeymoon Bay. Hier kann man baden und nebenbei Surfer beobachten. Und wer anschließend noch Energie für beinharte Touri-Action hat, macht einen Schlenker über Jiufen und Yeliou. Zwar sind beide Orte völlig überlaufen (was die Einheimischen gerne auf die immer zahlreicher eintrudelnden Reisebustouristen aus Festlandchina schieben), doch wenn man die Trampelpfade verlässt, wird man auch hier mit schönen Eindrücken belohnt. So kann man der lärmigen Enge in den Einkaufsgassen des archaischen Städtchens Jiufen (in denen man von Lutschern und Pralinen in allen Farben und Geschmacksrichtungen bis zu handgeschnitzten Penisfiguren wirklich alles kriegt) in die oberen Etagen kleiner Teehäuser entfliehen, in denen manchmal sogar eine Terrasse mit Meerblick auf Besucher wartet. Oder man schlüpft aus der rummeligen Jishan Street in eine Seitengasse, steigt ein paar Treppen und findet kurz darauf bei verlassenen Tempeln oder auf dem Keelung Mountain Trail seinen Frieden. Was Yeliou betrifft: Die kegelförmigen Naturskulpturen, die Wellen und Wind an diesem Ort aus dem Sandstein geformt haben, sind ohne Frage spektakulär. Aber sie sehen auch dort schön aus, wo man sie nicht im Gedränge fotografierender Massen betrachten muss. Am Leuchtturm auf der Felsenspitze bietet sich zum Beispiel ein traumhafter Überblick. Außerdem kann man von hier oben fast schon die gutgelaunten Kellner und aufgekratzten Gäste in den Kneipen des schwulen Ximen-Distrikts der Hauptstadt rufen hören. Endspurt!

Taipeh: Am Wochenende sind die Bars rund um das Red House (eine ehemalige Markthalle, die 2007 zum Künstler- und Kulturzentrum umgebaut wurde) brechend voll. Dann kommen Homos aus allen Teilen des Landes nach Taipeh, um im „Xanadu“ Olivia Newton-John und Madonna zu hören, im „Commander“ ihrem Lederfetisch zu frönen oder in der „Bear Bar“ auf Gleichgesinnte zu treffen. Mit seinem Balustradengang im ersten Stock wirkt das Areal ein bisschen wie eine Mini-Ausgabe des Yumbo- Centers auf Gran Canaria. Diesen Vergleich mag man als Kompliment oder als Beleidigung verstehen, sagen will er eigentlich nur, dass hier in konzentrierter Form schwule Freiheiten genossen werden. Die hat man schließlich in Taiwan. Seit 2007 schließt das Antidiskriminierungsgesetz des Landes die sexuelle Orientierung ein und Statistiken zufolge haben drei viertel der Einheimischen kein Problem mit Homos. Nur ein Gesetz zur Gleichstellung der Ehe liegt seit 2003 hartnäckig auf Eis. Erst im Februar 2013 wollte ein schwules Paar sein Recht auf Heirat einklagen, wurde vom Obersten Verwaltungsgericht aber abgewiesen. Über solche Fälle wird am Red House genauso diskutiert wie über die Theorie, dass die Einführung der Homoehe zu sinkenden HIV-Infektionsraten führen könnte.

Am Ende geht es aber eigentlich nur um eine Frage: Stehst du auf „Bear” oder auf „Slim”? Entgegen jedem Asia-Klischee sind die Bären hier in der Überzahl. Mit der kleinen Besonderheit, dass sie sich mehr durch Muskeln und Leibesfülle definieren als durch „Fell”. Was einleuchtet. Denn wenn man von den gewaltigen Schamhaarbüschen, die es zuweilen in Saunen zu sehen gibt, absieht, ist die Körperbehaarung bei den Taiwanesen weniger ausgeprägt als in unseren Breiten. Sollte jetzt irgendjemand nach Schwanzgrößen fragen, rollen wir nur mit den Augen und sagen: Die Taiwanesen haben den Größten – den größten Gay Pride Asiens. Die gigantische Parade findet im Oktober statt und sorgt traditionell dafür, dass Ximen in den Tagen davor und danach aus allen Nähten platzt. Dann verschmelzen Nationalitäten, Körperideale und Vorlieben zu einem großen bunten Rausch und Karaoke-Kabinen der Stadt werden zum Schauplatz herrlichster Schweinereien. In dieser Zeit soll es sogar schon vorgekommen sein, dass man in der Menge zwei kichernde Homos über einem Tablet-PC hocken sah, auf dem gerade das neueste Video von Byeseeyou lief. Die bei Youtube „Babeseeyou” heißt. Und die in besagtem Clip mit pflichtbewusst gezücktem Mikrophon vor einem schimmernden Gewässer mit dem schönen Namen „Sonne- Mond-See“ stand. Seltsam so ein Déjà-vu. Und putzig ambivalent diese Republik China. Wir sind Fan!

INFO

www.taiwantourismus.de
Offizielle deutsche Website von Taiwan Tourismus inklusive News, Terminkalender, Fotogalerien und Anreiseinfos.

ANREISE

Von Wien und Frankfurt bietet die taiwanische Fluggesellschaft China Airlines drei- bis fünfmal wöchentlich Direktflüge nach Taipeh an. Flugzeit: etwa 12 Stunden. Hin- und Rückflug kosten ab 692 Euro.
www.china-airlines.de

Eva Air hat seine Basis am Taoyuan-Flughafen von Taipeh. Von Paris, Wien und Amsterdam bietet die Gesellschaft Nonstop-Flüge dorthin an. Bei direkter Buchung über Eva Airways sind die Zubringerflüge aus Deutschland und Österreich im Preis inklusiv.
www.evaair.com

HOTELS

Hotel Quote (333 Nan-Jing E. Road, Sec. 3, Taipei) Schönes und zentral gelegenes Designhotel in Taipei, www.hotel-quote.com

The Lalu (142 Zhongxing Road, Yuchi Township, Nantou) Das am Ufer des Sonne-Mond-Sees gelegene Luxushotel ist nach Zen-Prinzipien designt und sicher das exklsusivste Hotel der Gegend, www.thelalu.com.tw

Silks Place (18 Tian Hsyang Road, Shiou Lin Village, Hualien) Im Taroko Nationalpark wunderschön gelegenes Designhotel, www.taroko.silksplace.com.tw

AUSGEHEN

Red House Area (Cheng Du Road, Metro: Ximen) Es wäre Unsinn, einzelne Bars im schwulen Red House-Distrikt herauszustellen. Da hier alles auf einem Haufen liegt, geht man einfach hin und guckt, wo’s Platz gibt und am schönsten ist. Für Fetischisten sei das Commander in der zweiten Etage empfohlen, das sich bei aller Überschaubarkeit damit brüstet, die einzige Lederbar Taiwans zu sein. Neuankömmlinge werden im nebenan gelegenen Gisneyland-Infoladen garantiert freundlich aufgenommen und mit Infos über das schwule Taipeh versorgt. Der Rest ist Cruising.

Alle Szeneadressen gibt es in der Spartacus App