Zugegeben, die Ankunft vom Festland ist nicht gerade einladend. Mit dem Autozug kommt man über den Hindenburgdamm und landet in Westerland, einer Ansammlung architektonischer Scheußlichkeiten aus den Sechziger Jahren. Aber davon sollte man sich ebenso wenig abschrecken lassen wie von den Jahr für Jahr durchs mediale Sommerloch gejagten Exzessen der Reichen und Schönen. Sylt kann auch traumhaft schön sein. Man muss nur wissen wo. Erstes Ziel gleich nach dem Kofferabstellen ist das Meer. Einmal quer durch die Fußgängerzone des Ortes hindurch erreicht man den Strand mit einem Blick auf die Nordsee, der für alles entschädigt. Und wir reden hier nicht von irgendeinem Stückchen schroffer Steine, das den Namen Strand gar nicht verdienen würde, sondern von 40 Kilometer feinstem Sand. Es ist strahlend blauer Himmel und es weht eine Brise, die ausreicht, ein paar Jungs mit ihren Kitesurfboards über den Sand düsen zu lassen.

Der FKK-Strand auf Sylt ist gerade von Tripadvisor zum zweitbesten der Welt erklärt worden. Bereits vor über 90 Jahren entstand auf der Insel der erste offizielle Nacktbadestrand. Die Jungs von der Wasserwacht hingegen tragen Textil und weisen sich in dieser Saison übrigens auf ihren T-Shirts als „Naturbursche“ aus. Zwei Kilometer von Westerland am Wasser entlang erreicht man den Abschnitt „Oase zur Sonne“ mit wunderschönem Badestrand und hohen, urwüchsigen Dünen, in denen im Sommer eifrig gecruist wird. Hervorragend ist auf Sylt auch die Gastronomie, die Insel hat mit Söl’ring Hof, Fährhaus Munkmarsch, La Mer und weiteren Sternerestaurants die höchste Sternedichte in Deutschland. Doch auch die Mittelklasse hat Köstlichkeiten zu bieten.

Dreh- und Angelpunkt der Sylter Society ist und bleibt die Sansibar. Die Strandbude ist im Sommer hoffnungslos überfüllt und eine beliebte Bühne für allerlei Selbstdarsteller, aber einmal sollte sich das jeder anschauen. Und die Küche ist wirklich so gut wie ihr Ruf. Gerade hat die Sansibar eine Dependance im Berliner Hotel Adlon eröffnet. Fisch Fiete in Keitum ist das Fischrestaurant der Insel. Für die neue Saison wurde die Karte stark modernisiert, neben den Klassikern findet man nun auch exzellentes Thunfischcarpaccio und asiatisch-europäische Fusion-Küche. Bei gutem Wetter sind die schönsten Plätze im Garten heiß begehrt, also unbedingt reservieren! Nachmittags lässt es sich auch gut im Bistro nebenan in einem Strandkorb aushalten. Ebenfalls exzellent und für bei dieser Qualität fairen Preise, ist die Alte Friesenstube in Westerland, die es bereits seit 1648 gibt und dass innen ortstypisch mit bemalten Wandfließen und viel Holz gestaltet ist. Tipp: Der Seeteufel im Serranoschinkenmantel auf Tomatenrisotto.

Perfekt danach für einen romantischen Spaziergang in der Abendsonne ist das Rote Kliff, eine rund 30 Meter hohe Steilküste zwischen Wenningstedt und Kampen. Wer es tagsüber lieber einsam haben will, kann stundenlang durch die Heidelandschaft auf der Wattseite wandern und begegnet nur hin und wieder Gleichgesinnten. Oder man sollte sich gleich auf einen langen Fußmarsch an die nördlichste Spitze der Insel machen. Im Naturschutzgebiet gibt es einen herrlich menschenleeren Strand, an dem sich Muscheln und Krebse finden lassen während sich am Horizont die Küste Dänemarks abzeichnet.

Ganz in der Nähe, am Hafen von List, steht nicht nur die nördlichste Fischbude Deutschlands, das Gosch Sylt, hier lässt es sich, Systemgastronomie hin oder her, auch wirklich gut essen. Bizarre Kombi, aber erstaunlich lecker: die Eisdesserts mit Fisch, etwa Aal auf Pflaumeneis. Die Dependance in Wenningstedt (Strandstr. 27) bietet dazu auch noch den passenden atemberaubenden Blick, vor allem bei Sonnenuntergang.

Wenn die Brise mal recht steif weht und der Regen gar waagerecht daherkommt, was auch im Sommer durchaus passieren kann, gibt es eigentlich keinen besseren Ort als die Kupferkanne am Rande von Kampen. In einer von Kiefern umgebenen, halb in die Erde eingelassenen, ehemaligen Bunkeranlage mit Blick auf das Wattenmeer, hatte nach dem Krieg der Bildhauer Günter Rieck hier sein Atelier, das 1950 zum Künstlercafé wurde. Das Innere hat er in jahrzehntelanger Kleinarbeit in ein Labyrinth aus Gängen und Grotten verwandelt, das so gemütlich und kuschelig ist, dass es gar nicht so schlimm wäre, fände man nicht mehr hinaus. Wenn einem dann doch wieder nach ein bisschen Trubel ist, findet man an der Buhne 16, neben der Sansibar eine Institution auf Sylt, immer ein feierfreudiges Publikum.

Die schwule Szene konzentriert sich auf den Hauptort der Insel, Westerland. Ein paar Bierkneipen wie das Nanu (Strandstr. 23) oder das Gatz (Strandstr. 12) findet man in der Fußgängerzone, in denen sich alle zu kennen scheinen und aus den Boxen deutsche Schlager von Marianne Rosenberg & Co. plärren. Gleiche Musik, aber gemischteres Publikum (also auch stark alkoholisierte Heteros) gibt es in der Wunderbar (Paulstr. 6). Eine Institution seit mehr als 30 Jahren ist das KC Kleist Casino (Elisabethstr. 1a), eine kleine Disco, in die sich in der Hochsaison schon mal Dragqueen Olivia Jones oder Hella von Sinnen verirren. Stammpublikum sind allerdings vor allem Männer mittleren Alters, die sich beim Friseur gerne blonde Strähnchen machen lassen und Schnurrbärte noch ganz unironisch tragen, im Sommer schauen auch mal Hamburger und Berliner Hipster vorbei. Auch eine schwule Sauna gibt es auf Sylt, den Westerland Beach Club (Bötticherstr. 3) im Zentrum, mit drei Saunen, Cruisingbereich und täglichen Specials.

Wem es weniger um Kontaktaufnahme als um Sport und Wellness geht, ist im Freizeitbad Sylter Welle mit Schwimmbad, Außenbecken, Spaßrutsche und riesiger Saunalandschaft gut aufgehoben. Und wer zwischendurch ein bisschen kulturelle Unterhaltung braucht: Im Meerkabarett gibt es den ganzen Sommer über Konzerte von auch bei Schwulen beliebten Künstlern – so waren in der Saison 2012 etwa Malediva, Gayle Tufts, Maren Kroymann sowie Ursli & Toni Pfister zu Gast. Was immer man sucht – Sonne, Entspannung, Trubel oder Genüsse jeder Art – auf Sylt wird man fündig. Nur beeilen sollte man sich: Die Insel schrumpft, jährlich werden über eine Million Kubikmeter Sand in die Nordsee gespült. Also: Besuchen Sie Sylt, solange es noch steht!

INFO

www.sylt.de
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