Sizilien nimmt im Mittelmeerraum eine ganz besondere Stellung ein: Es ist nicht nur die größte, sondern auch die am zentralsten gelegene Insel, somit strategisch wichtig, und war seit alters her von verschiedensten Gruppen und Völkern umkämpft. Die Unterschiede zum italienischen Festland sind deutlich erkennbar. Vielleicht durch die geografische Ferne zum Vatikan bedingt, ist Sizilien zudem die Wiege der italienischen Homobewegung, wo sich 1980 die heute wichtigste italienische Schwulen- und Lesbenorganisation ArciGay formierte.

Im Osten der Insel, weit weg vom nordwestlich gelegenen Palermo und den aus Mafiakreisen stammenden, repressiven Vorstellungen von Ehre und Männlichkeit, sind die Menschen weit offener und sehr entspannt. Ausländischen Urlaubern wird in typisch sizilianischer Art herzlich begegnet, allerdings sollte man darauf gefasst sein, dass – anders wie etwa auf Ibiza – selbst Leute aus dem Tourismusbusiness oft wenig Deutsch oder Englisch sprechen. Doch das ist Teil des Charmes und bedeutet zugleich, dass man mit ein paar Brocken Italienisch (oder einem kleinen Sprachführer mit nützlichen Redewendungen im Gepäck) Land und Leute doppelt genießen wird. Die Sizilianer werden es mit großer Gastfreundschaft danken.

Der Anflug auf Siziliens inoffizielle Homohauptstadt Catania, die zweitgrößte Stadt der Insel, ist spektakulär: Kurz vor der Landung muss das Flugzeug einen Bogen um ein großes, mit Schnee bedecktes Hindernis machen, den Ätna. Europas aktivster Vulkan hebt sich stets vom Horizont ab, wenn man Catania oder das nahe Taormina besucht. Nachts sieht man von ferne rot glühende Lava vom Rand des Kraters fließen. Auch der Stromboli auf der gleichnamigen Insel, die kurz vor der nordöstlichsten Spitze Siziliens liegt, ist noch aktiv, während die Vulkane der anderen Äolischen Inseln schlafen. In Catanias barocker und von schwarzem Lavastein geprägter Innenstadt führt der erste Weg zur Piazza Francesco d’Assisi. Man beginnt mit einem kurzen Besuch in der gleichnamigen Kirche mit ihren zahlreichen Heiligendarstellungen – darunter die Stadtpatronin Agata, die ihre abgeschnittenen Brüste vor sich auf einem Tablett trägt.

Im Anschluss überquert man den Platz für einen ersten Aperitivo im geschichtsträchtigen Homocafé und Restaurant Caffè Neva, bevor man in die Fußgängerzone eintaucht. Hier gibt es Hunderte Bars und Trattorias mit Terrassen, die von traditioneller sizilianischer Küche bis zur organisch inspirierten Nouvelle Cuisine alles zu bieten haben. Wer Lust auf ein quirliges Nachtleben hat, das sich nach Sonnenuntergang über die Gassen ausbreitet – man denke an Barcelona, aber mit besserem Eis, ist hier genau richtig.

Neben der berühmten Eiscreme muss man auch eine Granita, Vorgängerin des Gelato, die man auf Sizilien auch zum Frühstück isst, sowie Seltz, einen Durstlöscher aus Mineralwasser, Zitronensaft und Salz, probieren. Gibt’s an jedem Kiosk der Stadt. Zum Clubbing nimmt man ein Taxi zur Viale Kennedy, die entlang dem Meer verläuft, und steigt bei Hausnummer 80, freitags bei Nummer 93 aus. Bei letzterer befindet sich tagsüber ein ganz normales Strandresort, das sich jeden Freitagabend in eine schwule Open-Air-Disco verwandelt. Der in der Nähe gelegene Homoclub Pegaso’s hat zwar keinen Zugang zum Meer, dafür aber einen Swimmingpool. Hier trifft sich vor allem am Wochenende ein meist junges und gemischtes Publikum, und man wird erfreut feststellen, dass auch Heteros einen Mitgliedsausweis der Homoorganisation ArciGay kaufen müssen, um hier reinzukommen.

Hier gibt es Dragshows oder Veranstaltungen wie die Wahl zum „Mister Kalon“, um dessen Titel Homos wie Heteros gleichermaßen kämpfen. Um mehr von der Insel als nur Catania zu sehen, nimmt man am besten einen Mietwagen. Das nahe gelegene Taormina ist schicker und eine Touristenstadt à la „Das Traumschiff“. Hier legen täglich Kreuzfahrtschiffe an und laden Tausende Passagiere ab. Nur noch wenige homofreundliche Bars und Hotel zeugen von der einstigen schwulen Hauptstadt Siziliens, obwohl im Sommer die Homos noch immer in Scharen in das riesige antike griechische Theater für Opern-, Tanz- und Filmaufführungen strömen.

Für einen unvergesslichen Abend fährt man spätnachmittags von Taormina hinauf ins Örtchen Castelmola und erlebt dort kurz vor Sonnenuntergang einen der wohl spektakulärsten Ausblicke auf das Mittelmeer. Danach isst man zu Abend auf dem Domplatz und schaut auf einen Drink im Turisi vorbei – einer Heterobar, deren Dekoration aus Penissen in allen Farben und Formen besteht.

Weiter nördlich liegen mit den Äolischen (auch Liparischen genannten) Inseln ideale Rückzugsgebiete für Pärchen, die sich im Sommer ein paar Tage lang dem „dolce faniente“ (süßen Nichtstun) hingeben wollen. Im Winter ist die See oft zu rau, um mit den Tragflächenbooten die zum UNESCO-Weltnaturerbe gehörenden Inseln zu erreichen. Auch wenn es hier wenig rein schwule Unterhaltung gibt, so existieren doch viele homofreundliche Unterkünfte, die oft von Pärchen geführt werden: Einer kümmert sich ums Hotel, der andere um ein oft fantastisches kleines Restaurant.

Jede Insel hat dabei ihre eigene Identität. Lipari, die größte Insel, hat ein gutes Szenenachtleben unten am Hafen. Im Marina Pub Sammy gibt es regelmäßig Dragshows, doch am Strand stößt man hauptsächlich auf junge Familien. Panarea ist die kleinste Insel, aber nicht weniger belebt und ist Hotspot für den italienischen Jetset, dessen Vertreter die Insel mit ihren Yachten ansteuern. Die Diskothek Raya gehört zu den bekanntesten im ganzen Mittelmeerraum, hier gilt das Motto „Sehen und gesehen werden“ (und man sollte darauf vorbereitet sein, für dieses Privileg tief in die Tasche zu greifen). Außer Cala Zimmari auf Panarea bestehen die Strände der Inseln aus Stein und nicht aus Sand, eine Luftmatratze zum Daraufliegen sollte also ins Gepäck.

Der vielleicht eh schon geschundene Rücken wird’s danken und mit dem blauesten Meerwasser belohnt, das man je gesehen hat. Für seinen ganz privaten Sprung ins Meer mietet man sich eines der kleinen Boote, die es in jedem Hafen gibt. Die meisten Hotels auf den Inseln haben zudem Pools, viele davon gefüllt mit warmem Thermalwasser aus der Region. Neben Filicudi ist Salina vielleicht die ruhigste und in vieler Hinsicht liebenswerteste der Inseln. Romantiker werden ihr üppiges Grün und die stille Urlaubsatmosphäre sicher zu schätzen wissen. Um die Insel zu erkunden, mietet man sich am besten einen Roller und sollte nicht vergessen, einen Abstecher zum Pollara-Strand zu machen, der durch den mit einem Oscar ausgezeichneten Film „Il Postino“ bekannt wurde und zu einem der schönsten des gesamten Archipels gehört.

Wer es heißer mag, fährt auf die Insel Vulcano, die berühmt für ihre Thermalschlamm- Anwendungen ist, oder nach Stromboli, deren Vulkan regelmäßig ausbricht. Auf der letzteren werden zahlreiche „Vulcano Watching“-Touren oder Kraterbesteigungen für abenteuerlustige Urlauber angeboten. Heißer geht’s nicht.
(Erschienen in Spartacus Traveler 02/2010)

INFO

www.regione.sicilia.it
Offizielle Homepage der Region Sizilien

www.gotaormina.com
Website mit nützlichen Infos rund um die Stadt Taormina

ANREISE

Air Berlin bietet im Sommerflugplan über 20 Nonstop-Verbindungen pro Woche ab den Flughäfen Berlin-Tegel, Düsseldorf, Frankfurt, Hannover, Köln/ Bonn, München, Nürnberg und Stuttgart an (ab ca. 180 Euro für Hin- und Rückflug), www.airberlin.com

Vom Flughafen fährt alle 20 Minuten der AMT Alibus ins Stadtzentrum (ca. 1 Euro). Interbus fährt über die Autobahn nach Taormina (Fahrzeit ca. 1,5 Stunden, 5 Euro) und von dort weiter nach Castelmola (15 Minuten, 2,50 Euro für Hin- und Rückfahrt), www.interbus.com
Giuntabus verbindet zwischen April und September den Flughafen von Catania mit Milazzo, von dort fahren die Tragflächenboote der Firmen Siramar und Ustica Lines zu den Äolischen Inseln. Die einfache Fahrt nach Milazzo kostet ca. 20 Euro, Fahrtzeit etwa 2 Stunden, www.giuntabus.com
www.siramar.it
www.usticalines.it

HOTELS

Hotel Valentino (Piazza Spirito Santo 39, Catania) Zentral gelegenes, homofreundliches Hotel mit Fin-de-Siècle-Atmosphäre und Wintergarten, www.hotelvalentinocatania.it

Villa Romeo (Via Platamone 8, Catania) Schwules Drei-Sterne-Hotel am Bahnhof mit kitschiger Dekoration, recht kleinen Zimmern, aber fantastischem Frühstück. Gleich nebenan befindet sich die Sauna Mykonos, die dem gleichen Besitzer gehört, www.hotelvillaromeo.it

BAD (Via Cristoforo Colombo 24, Catania) Homofreundliches Bed & Breakfast nahe am Marktplatz. Freundliches Personal und Zimmer in flippigem Design, www.badcatania.com

Villa Schuler (Piazzetta Bastione/Via Roma, Taormina) Die Villa aus dem 19. Jahrhundert beherbergt heute ein homofreundliches Drei- Sterne-Hotel mit atemberaubenden Blick auf die Bucht von Naxos, www.hotelvillaschuler.com

Villa Enrica (Via Serra 11, Lipari) Hotel auf einem Hügel von Lipari mit schönen Zimmern und tollem Blick auf Hafen und Meer. Das günstigere Schwesterhotel Amarea liegt am Strand in der Nähe von Canneto, www.villaenrica.it
www.hotelamarea.com

AUSGEHEN

Nievski (Scalinetta d‘Alessi 15/17, Catania) Kein Ort ist hipper. Auf drei Etagen treffen sich Nonkonformisten, Anarchisten und Leute jeder sexuellen Orientierung, www.nievski.it

Neva Caffè (Piazza San Francesco d‘Assisi 4/5, Catania) Die trendige Gay-Bar mit Restaurant ist der Szenetreffpunkt für Aperitiv oder Dinner. Karaoke am Donnerstag, Dragshows am Sonntag.

Le Capannine (Viale Kennedy 93, Catania) Das 30.000 Quadratmeter große Beach- Resort verwandelt sich freitagnachts in eine riesige Homodisco, organisiert von Cristina Garofalo, www.cristinagarofalo.it

Pegaso’s (Via Kennedy 80, Catania) Schwuler Club für junge und maskuline Sizilianer mit Outdoor-Swimmingpool und einem Discozirkuszelt für den Winter. Bester Tag ist Samstag, www.pegasos.it