Der Golf von Mexiko rund um Saint Petersburg ist bekannt für seine feinen weißen Strände. Doch auch die Stadt selbst lohnt einen Besuch: Hübsche Nachbarschaften, viel Kultur und eine der größten schwulen Communitys Floridas bieten volles Programm.

Text und Bilder: Tobias Sauer

Eine Woche Urlaub an Floridas westlicher Küste, und man wird zum Sonnenuntergangs-Experten. Denn unter welchen Bedingungen die Sonne eine perfekte Show liefert, glutrot im Meer versinkt, dabei den Himmel erst orange, dann lila und schließlich dunkelblau färbt, das ist eine kleine Wissenschaft für sich. Zu bewölkt darf es nicht sein, zu klar aber auch nicht – der Teufel steckt also im Detail. Zum Beispiel in den leichten Federwolken oder dem kaum wahrnehmbaren Dunst am Horizont, der letztlich für das Farbenfeuerwerk sorgt. Ein täglicher Anlass also, mit dem Partner oder Freunden zu wetten: Wie schön wird es wohl heute werden? Dass Sonnenuntergangsbeobachtung hier ein etablierter Sport ist, darauf weist schon der Name eines beliebten Strandes hin, der sich einfach „Sunset Beach“ nennt.

Vornehme Zurückhaltung? In Saint Petersburg überflüssig!

Clearwater Beach am Abend. Foto: Tobias Sauer

Sunset Beach, Treasure Island, Diamond Isle – vornehme Zurückhaltung ist nicht gerade die Stärke von Floridas Golfküste, rund um die Stadt Saint Petersburg. Und dazu gibt es auch keinen Grund, denn warm und weich und weiß sind die Strände wirklich überall: Am breiten und besonders bei Familien beliebten Clearwater Beach mit seinen Hotels und Restaurants ebenso wie am abgeschiedenen North Beach im Fort De Soto Park, wo hin und wieder ein paar Delfine in Sichtweite vorbeischwimmen, Pelikane im Sturzflug auf Fischzug gehen und weiße Reiher ohne große Scheu wenige Meter neben den vereinzelten Badegästen landen.

Oder eben am Sunset Beach, dem bei den Schwulen von Saint Petersburg und dem benachbarten Tampa beliebtesten Strand. Populär ist dessen südlicher Abschnitt besonders samstags und sonntags. Kevin, der in Tampa wohnt, packt sogar jede Woche die Badehose ein. „Ich fühle mich wohl hier, brauche mich nicht zu verstecken“, sagt er und schaut zu seinen Freunden. Die haben zwei Zelte aufgebaut, Kühlboxen mit Bierdosen mitgebracht und eine kleine Musikanlage eingeschaltet, aus der nicht zu laut sanfte elektronische Musik strömt. Ein paar Jungs hüpfen ins Meer, die anderen kommen mit den Nachbarn ins Gespräch. Die Stimmung ist auf selbstbewusste Art entspannt: Man weiß, was einem die Natur bietet, und man weiß zu genießen.

Eine der größten Schwulenmetropolen Floridas

Gästehaus-Betreiber Brian. Foto: Tobias Sauer

Denn wie stolz hier alle auf die Strände sind, das wird schon bei der Ankunft am Flughafen klar: Ein Plakat nach dem anderen weist auf ihre Schönheit hin, mit Genuss werden die Ergebnisse der Strandtester von „Dr. Beach“ zitiert, die die örtlichen Strände regelmäßig weit oben in ihre Bestenlisten einsortieren. Doch „St Pete“, wie hier alle sagen, ausschließlich auf die Strände zu reduzieren, wäre ein Fehler. Denn obwohl die Stadt oft im Schatten der großen Schwulenmetropolen Miami, Fort Lauderdale und Key West steht, ist sie tatsächlich eines der schwulen Zentren Floridas. Der größte Pride des Staates steigt hier, und die älteste Gay-Bar Floridas, der Pro Shop Pub, lädt nach wie vor zum Feierabendbier. Überhaupt hat die Community die Regie offenbar gleich in der halben Innenstadt übernommen.

„Es gibt über 75 Läden, die in St Pete entweder explizit gayfriendly sind oder Leuten aus der Community gehören“, sagt Brian, der seit 32 Jahren in St Pete lebt, als Makler arbeitet und nebenbei ein schwules Gästehaus und ein Restaurant betreibt. Für Besucher interessant sind nicht nur die Kunst- und Antiquitätenläden, sondern auch die Bars, wie das Enigma, die Garage und die Lucky Star Lounge, oder, etwas außerhalb, das riesige Flamingo Resort. Das alte Hotel im heute wieder angesagten Mid-Century Modern Style wartet mit einem eleganten nierenförmigen Pool auf, der am Sonntagnachmittag regelmäßig zum schwulen Treffpunkt wird.

Ein kleines Juwel: Das Kenwood-Viertel

Cooles Hotel mit nierenförmigem Pool: Das Flamingo Resort. Foto: Tobias Sauer

Auch die Gegend rum die Central Avenue, zwischen der 34. Straße und der Autobahn I-275, wird von der Community neu belebt. In „Grand Central“, früher ein Viertel von zweifelhaftem Ruf, wehen heute viele Regenbogenfahnen vor den Türen der kleinen, unabhängigen Läden, die in die letzten leerstehenden Häuser einziehen. Wer amerikanische Städte in ihrer modernen, weitläufigen Bebauung wertschätzen kann und keine verwinkelten Altstadtkerne im europäischen Stil erwartet, kann nördlich der Central Avenue noch ein weiteres kleines Juwel entdecken: Das Kenwood-Viertel, in dem sich an kleinen, von Bäumen gesäumten Pflasterstraßen Bungalows aus den 1920er- bis 1950er-Jahren entlangziehen.

Schließlich muss auch auf Hochkultur in Saint Petersburg nicht verzichtet werden. Das Dalí-Museum beherbergt die größte Sammlung des spanischen Meisters außerhalb Europas. Ein Rundgang dort führt auch zu einem von Dalís bekanntesten Doppelgemälden: Betrachtet man die Leinwand von weitem, ist ein mosaikhaftes Portrait Abraham Lincolns zu sehen. Doch je näher man dem Kunstwerk kommt, desto mehr tritt statt des Präsidenten Dalís Ehefrau Gala Éluard in den Vordergrund. Zu sehen ist sie von hinten, wie sie einen spektakulären Sonnuntergang genießt. Ob sie dabei herausgefunden hat, an welchen Tagen sich die Beobachtung besonders lohnt, ist nicht bekannt. Klar ist aber, dass man nach dem Museumsbesuch auch die eigenen Kenntnisse darin wieder vertiefen will. Natürlich am Sunset Beach – wie jeden Abend.

 

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