Der World Pride in Rom im Jahr 2000 fiel mit dem Heiligen Jahr im Vatikan zusammen, was dazu führte, dass die Behörden (wahrscheinlich unter Druck des Heiligen Stuhls) dem Pride in letzter Minute ihre Unterstützung entzogen. 2011 zum Europride gab es keine derart unerhörten Überschneidungen zu befürchten. Und ein Großteil der schwulen Partypilger ging wohl bei anderen Gelegenheiten als der Sonntagsmesse in die Knie . Das heißt nun nicht, dass man in Rom überhaupt keine Kirche von innen sehen sollte. Für den Kunstliebhaber, der zum ersten Mal in Rom ist, sind die Vatikanischen Museen und der Petersdom absolutes Pflichtprogramm. Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle sind Teil der Museen, und im Petersdom befindet sich seine wohl berühmteste Skulptur: die Pietà (trotz des italienischen Namens entwickelte sie sich aus der deutschen Tradition des Vesperbildes).

Neben der offenkundigen Sinnlichkeit seiner männlichen Aktdarstellungen kommt Michelangelos homoerotischer Blick noch stärker in seinen weniger bekannten Sonetten zum Ausdruck („Ich gelobe, Eure Liebe zu erwidern. Nie liebt einen Mann ich mehr als Euch“). Michelangelos Familie erachtete diese Gedichte als skandalös und veröffentlichte dessen literarische Werke nach seinem Tod in veränderten Fassungen: die männlichen Pronomina waren alle durch weibliche ersetzt worden. Eine weitere außergewöhnliche Kombination aus Sakralarchitektur und Skulpturenschmuck erwartet den Besucher in einer der Lieblingssehenswürdigkeiten des Autors dieser Zeilen: Santa Maria sopra Minerva, um die Ecke des Pantheon gelegen.

Dieses Gebäude, das an einem kleinen Platz mit einem niedlichen Elefanten samt Obelisk auf dem Rücken liegt, ist die einzige stadtrömische Kirche mit Flachdach (die Decke ist mit goldenen Sternen verziert) und beherbergt Michelangelos Statue des nackten Christus als Erlöser, eine der sinnlichsten Jesusskulpturen überhaupt (im Barock wurde des Heilands Gemächt mit einem Lendentuch bedeckt – auch eine Weise, wie Michelangelo nach seinem Tod „entschwult“ wurde). Von der Piazza della Minerva aus sollte man zur Piazza Sant’Eustachio spazieren und den besten Espresso der Welt im Caffè Sant’Eustachio probieren. Das Rezept ist ein streng gehütetes Geheimnis – der Kaffee wird hinter einer Trennwand zubereitet, um neugierige Blicke abzuwenden.

Das nahe gelegene Pantheon an der stets belebten Piazza della Rotonda ist ebenfalls einen Besuch wert. Bei diesem Rundbau mit einem Loch („oculus“ oder „Auge“) im Kuppeldach handelte es sich ursprünglich um einen römischen Tempel für alle Götter (für den Fall, dass man einen übersehen hatte und dieser beleidigt sein könnte); heute ist er eine christliche Kirche. Der Renaissancemaler Raffael, wie Michelangelo einer der Namensgeber für die Teenage Mutant Ninja Turtles, fand links vom Altar seine letzte Ruhestätte. Er starb im Alter von 37 Jahren, einem Biografen zufolge an den Folgen eines „ausschweifenden Liebeslebens“, und war verdächtigerweise nie verheiratet. Seine berühmtesten Werke in Rom sind die Fresken der Stanze di Raffaello, der von ihm ausgeschmückten päpstlichen Gemächer in den Vatikanischen Museen.

Fast eine Unbekannte unter den Kirchen ist die der Heiligen Sergius und Bacchus an der Piazza della Madonna dei Monti im immer beliebter werdenden Stadtteil Monti. Sergius und Bacchus waren römische Soldaten im dritten Jahrhundert, die als christliche Märtyrer starben. Sie waren – zumindest nach einer umstrittenen Studie des verstorbenen Yale-Professors John Boswell von 1994 – nicht nur ein Liebespaar, sie heirateten sogar kirchlich! An der Fassade kann man die Statuen des heiligen Pärchens betrachten, ehe man in einem der vielen kleinen Restaurants oder eine der Bars an der Piazza einkehrt, die sich zu einem beliebten Treffpunkt für ein jugendliches und künstlerisches Publikum entwickelt hat.

Von Madonna dei Monti aus ist es nicht weit zum Kolosseum und Neros Domus Aurea („Goldenes Haus“), die allerdings gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Letzterer Palast wurde zu einem Sinnbild für römische Ausschweifungen, organisierte Petronius, des Kaisers Festplaner, hier doch wilde polysexuelle Orgien. Wie wild diese waren, kann man im satirischen Roman „Satyricon” aus der Feder des Petronius nachlesen, der von dem ehemaligen Gladiator Encolpius und dessen 16-jährigem Lustknaben Giton handelt.

Berühmt ist die Verfilmung des Buches durch Federico Fellini, der seiner Version noch eine hermaphroditische Priesterin hinzufügte. Kolosseum und Domus Aurea sind ein Muss für alle, die sich für Archäologie oder beeindruckende Sehenswürdigkeiten interessieren. Einen wunderschönen nächtlichen Ausblick auf das Kolosseum hat man vom Ende der Via San Giovanni in Laterano, die 2007 zu der schwulen Straße Roms ernannt wurde. Diese Bezeichnung mag leicht übertrieben wirken für einen kurzen gepflasterten Weg, der vom Verkehrsstrom abgeschnitten ist, und eine Handvoll Schwulenbars. Dennoch ist dies ein toller Ort, um Gleichgesinnte zu treffen – vor allem unter der Woche, wenn viele andere Schwulenlokale geschlossen sind.

Am Wochenende steigen die besten Gay-Partys der Stadt. Es gibt zwar ein paar rein schwule Veranstaltungsorte, aber die größten schwul-lesbischen Feiern finden an bestimmten Abenden in regulären Clubs statt – man sollte also schon den Veranstaltungskalender vor Ort überprüfen, ehe man irgendwo mit einer pinkfarbenen Federboa aufläuft. Eine der berühmtesten und ältesten Partys ist Muccassassina, derzeit jeden Freitagabend im Qube in der Via di Portonaccio, weit außerhalb der Stadt. Für den Hin- und Rückweg nimmt man am besten ein Taxi. Gleich mehrere tolle Dance-Clubs gibt es auf dem Monte Testaccio, einem bereits im Altertum geschaffenen künstlichen Hügel, der als Müllhalde für Amphoren diente – man sieht sie stellenweise noch heute aus dem Boden herausragen. Das Alibi befindet sich in einem alten, mehrstöckigen Ziegelgebäude, in dem es oft mehrere schwule Veranstaltungen die Woche gibt. Vom Testaccio aus gesehen, am anderen Ufer des Tiber, liegt das mittelalterliche Arbeiterviertel Trastevere (Tevere ist der italienische Name des Tiber), auf dessen Plätzen und in dessen engen, labyrinthartigen Straßen sich das junge Rom trifft. Die meisten Nachtschwärmer parken ihre Vespas an der Piazza Trilusso am Fuße der über den Tiber führenden Ponte Sisto und kehren gleich dort ein oder steuern Trastevere mit der Piazza Santa Maria oder der Piazza Sant’Egidio an, die beide mit einer Menge gutbesuchter Restaurants und Bars locken.

Die überwiegende Mehrheit der EuroPride- Events fand 2011 auf der Piazza Vittorio Emanuele II statt, einem früheren Marktplatz zwischen Domus Aurea und dem Bahnhof Termini und einer der größten Plätze der Stadt – rund 10.000 Quadratmeter größer als der Petersplatz. Über den gesamten Zeitraum des Pride wurde die Piazza Vittorio, wie die Einheimischen sie nennen, Infostände von Vereinigungen, Bars und Clubs beherbergen und Livekonzerten und anderen Veranstaltungen Raum bot.
(Erschienen in SPARTACUS TRAVELER 2/11)

INFO

www.gayfriendlyitaly.com
Hilfreiche Informationen über die rechtliche Situation, Gepflogenheiten und das schwule Leben in Italien. Website auf Englisch.

ANREISE

Lufthansa fliegt mehrmals am Tag nonstop ab Frankfurt, Düsseldorf, München, Wien, Zürich und Basel den Flughafen Fiumicino an. Hin- und Rückflug kosten ab etwa 149 Euro. Angebote auf der Homepage beachten.
www.lufthansa.com

HOTELS

Tamara’s Suites (Piazza San Cosimato 40) Ein kleines Bed & Breakfast in schwulem Besitz im Herzen von Trastevere, mit sechs Zimmern, die nach Malern der Moderne benannt sind (Tamara de Lempicka, Monet, Klimt …). Frühstück wird auf dem Zimmer serviert. In einem Palazzo gelegen, der einen belebten Platz mit frühmorgendlichem Markt überblickt, www.tamarassuites.hotelinroma.com

Domus Valeria (Via del Babuino 96) Bed & Breakfast in schwulem Besitz im obersten Stock des historischen Palazzo Saulini. Die Dachterrasse steht den Gästen offen und bietet einen wundervollen Ausblick auf die Académie de France in der Villa Medici und die Spanische Treppe, www.domusvaleria.it

Hotel Internazionale (Via Sistina 69) Erstklassiges Vier-Sterne-Hotel nahe der Spanischen Treppe, wo bereits prominente Gäste wie Thomas Mann und Orson Welles logierten. Geräumige Zimmer im klassischen Stil und Luxusräume mit Privatterrasse und Jacuzzi, www.hotelinternazionale.com

The Inn at the Roman Forum (Via degli Ibernesi 30) Luxuriöses Boutique-Hotel, das, wie der Name schon sagt, unweit des Forum Romanum liegt und Ausblick auf den Campidoglio bietet. Im Hotel kann man einige römische Ruinen bestaunen, www.theinnattheromanforum.com

Weitere Hotels

AUSGEHEN

„Gay Street“ (Via San Giovanni in Laterano) Diese Straße gleich hinter dem Kolosseum wurde 2007 zur schwulen Straße ernannt, auch wenn es sich eigentlich nur um einen kurzen gepflasterten Weg jenseits des Verkehrsstroms handelt, mit einer Handvoll Schwulenbars, Geschäften und einem schwulen Bed & Breakfast.

Coming Out (Via San Giovanni in Laterano 8 )Geöffnet von 10 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachts. In dieser Bar mit Restaurant ist von allen Lokalen in der Gay Street am meisten los. Hier kann man Cocktails genießen, ehe man tanzen geht. Auch außerhalb der Saison und unter der Woche gut besucht, weil die meisten anderen schwulen Lokale dann geschlossen sind, www.comingout.it

Alibi (Via Monte Testaccio 39/44) Theoretisch ein schwuler Club, ist aber auch bei metrosexuellen italienischen Hipstern sehr angesagt. Tolle Sommerterrasse, auf der manchmal Livekonzerte stattfinden. Viele Themennächte und Dragshows. Garbo Vicolo Santa Margherita 1/a Schwul-lesbische Bar in Trastevere mit netter Atmosphäre, guter Auswahl an Cocktails und Bieren und Essen. Montags geschlossen.

Muccassassina (Via di Portonaccio 212) Eines der ältesten und größten schwulen Dance-Events in Rom, findet derzeit freitags im Qube-Club statt. Keinesfalls verpassen, www.muccassassina.com

Alle weiteren Adressen gibt es im SPARTACUS INTERNATIONAL GAY GUIDE sowie der SPARTACUS iPhone App!