Abend für Abend wiederholt sich das immer gleiche Schauspiel. Wenn die Sonne langsam hinter den beiden Gipfeln der Dois Irmaos versinkt und den Strand von Ipanema in ein warmes, goldgelbes Licht taucht, möchte man diesen Moment für die Ewigkeit festhalten. Mit einem Caipirinha oder Bier in der Hand drängeln sich jetzt die Männer an Rios schwulem Strand. auf Höhe der Rua Farme de Amoedo ist er deutlich an den gehissten Regenbogenflaggen zu erkennen. Besonders voll ist es hier an einem Sonntag, wenn viele Cariocas – so nennt man die Bewohner Rios – Zeit finden, auch von weiter entfernt liegenden Stadtteilen an den Strand zu kommen. Dabei bringen sie nicht mehr als ihre Badehose, Sonnenbrille, Sonnencreme, ein paar Geldscheine und ihr Handy mit an den Strand, Handtücher sind bei Brasilianern mindestens ebenso verpönt wie das Tragen von langen Shorts.

Ein Carioca zeigt, was er hat und am Strand von Ipanema lässt sich an Sixpacks und gut trainierten Bizepsen hundertfach ablesen, dass das Sportstudio die zweite Heimat ist. Wobei die Strände von Rio eigentlich nichts anderes sind als ein einziges Open air Fitness Center. Entlang der Avenida Vieira Souto finden sich alle paar hundert Meter Stationen, an denen man Klimmzüge oder Situps machen kann, Beachvolleyballfelder säumen den Strand ebenso wie ein breit angelegter Radweg. Gejoggt wird sowieso zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sonntags, wenn die Straßen entlang der Strände für den Verkehr geschlossen werden, tummeln sich tausende Menschen auf den Boulevards.

Längst haben die Strände von Ipanema und Leblon der einst berühmten Copacabana den rang abgelaufen. Zwar zeugen Hotelriesen wie das Copacabana Palace noch vom einstigen Ruhm des legendären Strandes, doch haben sich die Reichen und Schönen längst in die benachbarten und weitaus schöneren Stadtteile zurückgezogen. In Leblon, entlang der Rua Dias Ferreira, finden sich einige der besten Restaurants Südamerikas, über 30 Bars und Lokale reihen sich hier aneinander. Im Foyer und Garten des ebenfalls in der Nähe liegenden Planetariums findet sonntags im Zero Zero eine beliebte Homoparty statt, bei der ein bunt gemischtes Publikum bis in den frühen Morgen feiert.

Während die großen Clubs wie Cinea Ideal, in dem sich vor allem muskelbepackte Jungs halbnackt auf der Tanzfläche tummeln, im Zentrum Rios abseits der Strände liegen, finden sich in Ipanema und an der Grenze zur Copacana vor allem kleinere Bars und Clubs. Nach Sonnenuntergang oder wenn ein Regenschauer die Menge vom Strand vertreibt, füllen sich die Bars entlang der Rua Farme de Amoedo. Das To Nem Ai ist so ein Zufluchtsort, der sich auch ideal als Startpunkt für einen Ausflug ins Nachtleben eignet.

Vor 1 Uhr morgens sollte man allerdings nicht in einem der Clubs wie der recht alternativen, aber sehr angenehmen TV Bar auftauchen. Ein Klassiker der Szene ist Le Boy, der wohl bekannteste Gay Club der Stadt, der vor allem bei Touristen und jungen Brasilianern sehr beliebt ist, auch weil sich im gleichen Gebäude eine Sauna befindet. Cariocas bevorzugen eher das Galeria Café – ein recht kleiner Club in Ipanema, in dem es zu später Stunde kaum ein Durchkommen gibt.

Auch wenn Brasilianer aus São Paulo die Szene in Rio eher belächeln – für einen Touristen hat die Stadt in Hinblick auf die Szene mehr zu bieten, als man an zwei Wochenenden bewältigen kann. Zumindest für die Stadtteile Ipanema und Leblon gilt zudem, dass die Straßen zwischen den einzelnen Locations auch nachts weit sicherer sind als noch vor wenigen Jahren. Im Vorfeld von Fußballweltmeisterschaft und Olympiade, die in den kommenden Jahren Rio ins Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit rücken werden, hat die Stadt viel in Sachen Sicherheit getan.

Eine eigens geschaffene Abteilung innerhalb des Rathauses ist zudem für Angelegenheiten für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender zuständig. In Rio, das als eine von mehreren brasilianischen Bundesstaaten die Homoehe erlaubt, gibt es neben Notrufnummern für homophobe Übergriffe auch eine Art Task Force, die bei dem Verdacht von Diskriminierung – sei es am Arbeitsplatz, im Hotel oder im öffentlichen Raum aktiv wird. Schilder in Regenbogenfarben, die man entlang des Strandes von Ipanema überall findet, weißen ausdrücklich auf ein Verbot von Diskrimierung auf Grund der sexuellen Orientierung hin.

Auch wenn es schwer fällt, dem Gay Beach einen Tag den Rücken zu kehren, lohnen sich doch ein paar Ausflüge zu Rios Sehenswürdigkeiten. Scheint die Sonne und ist die Christusstatue auf dem Corcovado vom Strand aus zu sehen, sollte man nicht lange überlegen und sich auf den Weg hinauf auf den Berg machen. Mit einer 1884 in betrieb genommenen Zahnradbahn geht es hinauf durch den Regenwald. Vor allem in der Hauptsaison sollte man allerdings genügend Zeit einplanen oder früh morgens oder am Spätnachmittag aufbrechen. Bei klarer Sicht ist das Panorama mit Zuckerhut, Stränden und einer die Stadt durchziehenden Lagune kaum zu überbieten und der Aussicht vom Zuckerhut auf jeden Fall vozuziehen.

Bei einem Spaziergang mit einem Tourguide von „Rios de Historia” lernt man mehr über die Geschichte der Stadt kennen, streift durch Paläste, barocke Kirchen und enge Altstadtgassen, vorbei am imposanten Teatro Municipal und das berühmte Jugendstilcafé Colombo. auch Ausflüge ins benachbarte Niteroi, ins von Deutschen geprägte Petropolis oder in eine von Rios zahlreichen „Comunidades“, wie man soziale Projekte in den Favelas heute nennt, werden von Rios de Historia angeboten.

Hat man sein Ausflugsprogramm erfolgreich absolviert, steht dem allabendlichen Ritual nichts mehr im Wege, das da heißt: Rein in die Badehose, ab zum Strand, einen Caipirinha oder ein Bier kaufen und sich den Sonnenuntergang nicht entgehen lassen.

INFO

www.rioguiaoficial.com.br
Offizielle Homepage von Riotur mit praktischen Infos und Eventkalender.

ANREISE

Lufthansa fliegt täglich nonstop von Frankfurt nach Rio de Janeiro. Hin- und Rückflug kosten ab 990 Euro in der Economy Class. Auf Angebote der Website achten.
www.lufthansa.com

HOTELS

Marina All Suites (Avenida Delfim Moreira 696) Das am Strand von Leblon gelegene Hotel mit großen, modernen Zimmern liegt unweit der trendigen Restaurants und Bars von Leblon. Zum schwulen Strand sind es zu Fuß ca. 25 Minuten entlang der Promenade oder 5 Minuten mit einem der günstigen Kleinbusse. Die Hotelbar ist ein beliebter Treffpunkt für Schwule und Lesben, www.hoteismarina.com.br

Ipanema Plaza (Rua Farme de Amoedo 34) Direkt am Gay Beach gelegen, ist dieses Hotel aus dem Dertour Gay Travel Katalog ideal für alle Freunde der kurzen Wege. Von der Dachterrasse mit Pool hat man einen tollen blick auf Strand und Corcovado, www.dertour.de/gaytravel

Alle Szeneadressen gibt es im SPARTACUS INTERNATIONAL GAY GUIDE oder der Spartacus App!