Lissabon verbindet Jahrhunderte alte Tradition mit moderner Lebensart. In der überschaubaren Hafenmetropole kennen Scwule wie Heteros am Wochenende nur ein Ziel: Das Altstadtviertel Bairro Alto.

Text: Dirk Baumgartl

 

Diese Stadt baut Brücken. Nicht nur, dass Lissabon mit der Ponte Vasco da Gama die längste Brücke Europas und mit der Ponte 25 de Abril hinüber zur Christusstatue Christo-Rei sicher eine der anmutigsten besitzt. Nein, die Stadt am Rande Europas ist zugleich Bindeglied der Kulturen, die die Einflüsse ehemaliger portugiesischer Kolonien wie Brasilien, Angola und Macao in sich aufsaugt – und Stück für Stück wieder abgibt.

Dass einem beim Schlendern durch die Fußgängerzone entlang der Rua Augusta afrikanische Klänge begleiten, ist keine Seltenheit. Auch Capoeira, der brasilianische Kampftanz, ist hier mindestens genauso verbreitet wie Skateboardfahren. Dessen Fans finden sich nachmittags nach der Schule auf den Plätzen der Altstadt ein und vollführen dort ihre Kunststücke. Wer Lissabon zum ersten Mal besucht, ist von der Vielfalt zunächst irritiert. Da ist zum einen das historische Lissabon, die alte Seefahrermetropole und Königsstadt, die überall ihre Spuren hinterlassen hat.

Wer sich hinauf auf den Burgberg des Castelo São Jorge begibt und dort auf die meterhohen Mauern und Türme steigt (und hoffentlich schwindelfrei ist), wird mit dem wohl besten Blick auf die Stadt belohnt. Mit ihren engen Gassen und weit mehr als den vielzitierten sieben Hügeln ist die Altstadt Lissabons nicht gerade übersichtlich, doch von hier oben kann man entspannt dem geschäftigen Treiben weiter unten zusehen oder den Sonnenuntergang erwarten und sich mit seinem Liebsten ein romantisches Plätzchen in der verwinkelten Anlage suchen. Gut 20 Minuten von der Altstadt entfernt und mit einer der historisch anmutenden Straßenbahnen leicht zu erreichen, liegt der Stadtteil Belém mit seinen Gärten und dem zum Unesco- Weltkulturerbe gehörenden Hieronymus-Kloster. Das einzigartige Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert gilt als Höhepunkt portugiesischer Architektur und beherbergt neben den Königsgräbern auch die letzte Ruhestätte Vasco da Gamas. Der Entdecker des Seewegs nach Indien gehört auch zu den 33 historischen Persönlichkeiten, denen mit dem Padrão dos Descobrimentos an den Ufern des Tejo das wohl eindrucksvollste Denkmal der Stadt gesetzt wurde.

Von katholischer Kirchen- und sozialistisch-diktatorischer Monumentalkunst zu Andy Warhols Porträt von Judy Garland im Museo Berardo sind es in Lissabon nur wenige Schritte. Typisch für Portugals Hauptstadt scheint sie doch mit allen Mitteln der übermächtigen Kultur vergangener Zeiten etwas Neues, Gewagtes entgegenzusetzen. Das Gelände der Weltausstellung von 1998 mit seiner teils spektakulären Architektur wie dem Bahnhof Oriente von Santiago Calatrava oder dem Ozeaneum ist ein Beispiel für diesen mutigen Neuaufbruch. Und so verwundert es kaum, dass sich auch in der Altstadt hinter manch altem, vom Charme des Verfalls gezeichnetem Gebäude, ein ziemlich hipper Laden verbirgt. Nicht jeder käme auf den Gedanken, am Largo de Santos, an dem sich einige der besten Designerläden der Stadt niedergelassen haben, eine coole Sushi Lounge zu vermuten. Und auch die winzigen Bars in der oberen Altstadt, dem Bairro Alto, haben mit traditionellen Kneipen wenig zu tun.

In dem Dreieck zwischen Rua da Barocca, Rua Atalaia und Tv. Queimada beginnt Abend für Abend der Auftakt zum Lissabonner Nachtleben. Vor allem an den Wochenenden ist in den engen Gassen kaum ein Durchkommen. Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Publikum vor dem Clube da Esquina, der beliebtesten Homobar des Viertels, nicht wirklich von dem in den anderen Nebengassen. Schwul sein heißt in Portugal nicht gleich groß auf den Putz hauen, wie man das von den benachbarten Spaniern in Madrid oder Barcelona kennen mag. Viele Jungs gehen mit ihren Freundinnen aus, kaufen ihre Mojitos und Caipirinhas in den Heterobars eine Straße weiter und laufen dann mit großen Augen und ebensolchen Erwartungen die Rua da Barocca entlang.

„Portugiesen sind in diesen Dingen sehr zurückhaltend“, erzählt Marc, der vor einigen Jahren aus den USA in die Heimat seiner Großeltern zurückgekehrt ist. Nun betreibt in einer riesigen Wohnung unweit der U-Bahnstation Saldanha eine schwule Pension und steht Homotouristen mit Infos und Tipps hilfreich zur Seite. „Portugals Schwule sind noch nicht so weit, sich lautstark zu emanzipieren“. Eduardo, ein inzwischen pensionierter Bankmanager, der viele Jahre im Ausland lebte, muss es wissen. „Eigentlich war Lissabon immer nur Provinz, erst in den letzten Jahren entwickelte sich die Stadt zu einem international beachteten Zentrum für Kunst, Kultur und Mode.“ In den Sommermonaten fährt Eduardo fast täglich an die Costa Caparica, vom Praça Espana dauert es mit der Buslinie 153 und einer kleinen Eisenbahn, die den Strand entlangtuckert, etwa 40 Minuten bis man den schwulen Strand (Nummer 19) erreicht. An den Wochenenden ist der abgelegene Strandabschnitt, an dem sich unmittelbar eine Dünenlandschaft anschließt, ein beliebtes Ausflugsziel der Lissaboner Szene. Dass sich diese in der Öffentlichkeit zurückhält, mag auch an dem noch immer sehr präsenten Einfluss eines strengen Katholizismus liegen. Selbst die sozialdemokratisch orientierte Regierung unter Premierminister José Sócrates hat sich klar und deutlich gegen die Einführung der Homoehe ausgesprochen – im Gegensatz zu den spanischen Nachbarn. Erst im Oktober 2008 wurde ein Antrag der Opposition auf die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen erneut abgewiesen. Lissabons Schwule haben sich mit der Situation arrangiert und feiern zu später Stunde in den beliebtesten Clubs „Frágil” und „Trumps”. Vor allem samstags zieht der neben dem Bahnhof Apolónia gelegene Club „Lux Frágil” (nicht zu verwechseln mit dem „Frágil”) auch jede Menge Homos an. Zu den Besitzern des durchgestylten Clubs gehört unter anderen Oscarpreisträger John Malkovic, der sich immer mal wieder in Lissabon sehen lässt. Untrainierte Partygänger seien jedoch gewarnt: Wie in Südeuropa üblich, beginnt Lissabons Nachtleben zu äußerst später Stunde, vor zwei Uhr morgens sollte man in den Clubs gar nicht erst aufkreuzen. Wer durchhält und seinen Absturz auf die klassische Art begehen will, sollte im für seine schrägen Dragshows berüchtigten Club Finalmente vorbeischauen. Danach ist wirklich Schluss. (veröffentlicht in Spartacus Traveler 01/09)

INFO

www.visitlisboa.com Offizielle Homepage des Tourismusamtes mit umfangreichen Infos.

ANREISE

Günstige Direktverbindungen von Deutschland nach Lissabon für zum Teil unter 100 Euro gibt es mit Germanwings ab Köln/ Bonn und Stuttgart sowie mit den Star-Alliance-Partnern Lufthansa und der portugiesischen Fluggesellschaft TAP ab Frankfurt bzw. München.
www.germanwings.de
www.lufthansa.de

HOTELS

Fontana Park (Rua Eng. Vieira da Silva 2) Designhotel unweit der U-Bahnstation Saldanha. Zimmer der obersten Etage mit privater Terrasse und tollem Blick auf Altstadt und Tejo, www.fontanaparkhotel.com

Anjo Azul (Rua Luz Soriano 75) Kleines schwules Hotel in Bairro Alto, dem Herzen der schwulen Szene, www.anjoazul.com

My rainbow rooms (Saldanha) Sehr schöne Gästezimmer in einem alten Bürgerhaus gleich neben dem Fontana Park Hotel, www.myrainbowrooms.com

AUSGEHEN

estado liquido Sushi lounge (Largo de Santos 5 A) Jung, japanisch und unglaublich trendy! www.estadoliquido.com

bric-a-bar (Rua Cecílio de Sousa 82-84) Älteste Homobar der Stadt, www.bricabardisco.com

Clube da esquina (Rua da Barroca 30) Auftakt fürs schwule Nachtleben im Bairro Alto. Selbst vor der Tür wird’s eng.

Frágil (Rua da Atalaia 126) Beliebter Homoclub im Bairro Alto. Nicht vor 3 Uhr morgens.

Trumps (Rua da Imprensa Nacional 104 B) Schwul und gut besucht. Zwei Tanzflächen, www.trumps.pt

Finalmente (Rua da Palmeira 38) Skurriler Schluss. Der Club zum Abstürzen.

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