Palm Springs‘ ist ganz auf schwule Besucher eingestellt. Die Blütezeit in den 1950er-Jahren hat nicht nur ein tolles architektonisches Erbe hinterlassen, sondern auch einen Ruf als Refugium der Stars, mit dem die Stadt immer noch wuchert. Heute glänzt Palm Springs mit Festivals und Events für jedermann.

Text: Tobias Sauer

 

Tief unten im Tal, knapp zwei Kilometer unterhalb der Aussichtsplattformen auf dem alpinen Mount San Jacinto, liegt Palm Springs ganz friedlich da: ein Teppich aus weißen Häusern und grünen Flecken, mitten in der Wüste Südkaliforniens. Hätte man jetzt bloß Adleraugen! Dann würden nicht nur die vielen schwulen Resorts mit ihren hohen Hecken so manche Geheimnisse verraten. Vielleicht könnte man auch Leonardo DiCaprio dabei beobachten, wie er seinen endlich gewonnen Oscar bewundert. Der Filmstar zählt zu den Hausbesitzern in Palm Springs – und knüpft damit an die Tradition vieler Hollywood-Kollegen an, die sich hier vergnügten.

Auf der anderen Seite der Berge nämlich, nur 180 Kilometer entfernt, liegt Los Angeles. Und diese Nähe zu Hollywood war es, die Palm Springs groß machte. Bis in die 1960er-Jahre waren die Schauspieler der großen Studios verpflichtet, auf Abruf für Dreharbeiten bereit zu stehen. Ihre Verträge legten fest, dass sie sich nicht weiter als 200 Meilen von L.A. entfernen durften. Palm Springs wurde zum idealen Refugium: Noch innerhalb der erlaubten Entfernung bot es gutes Wetter und wenigstens etwas Schutz vor der Pressemeute. Frank Sinatra feierte hier rauschende Feste, Elvis heiratete Priscilla Presley, Marilyn Monroe wurde in Palm Springs entdeckt, Barbara Streisand besaß ebenfalls ein Haus. DiCaprio befindet sich also in guter Gesellschaft.

Stilvoll: Mid-century modern

All diese Geschichten erzählt Guide Bob Gross, der auf den Spuren der Stars durch die Wüstenstadt führt. Bob selbst zog vor sieben Jahren aus zwei Gründen hierher. Erstens wegen des guten Wetters: „In San Francisco habe ich manchmal wochenlang wegen des Nebels die Sonne nicht gesehen“, sagt er. „Und zum Zweiten wegen der Architektur.“

Die Epoche der Stars prägte Palm Springs nämlich vor allem architektonisch. Viele Berühmtheiten ließen sich wunderbare Villen bauen, oft in den klaren Linien des „Mid-century modern“. Bei diesem Stil verwischen riesige Fenster die Grenzen zwischen Innen und Außen, die Fassaden nehmen oft die Formen und Farben der Landschaft auf. Besonders deutlich werden diese Prinzipien beim Frey House II, das sich Architekt Albert Frey 1964 in Palm Springs bauen ließ, und das bei der alljährlichen Modernism Week besichtigt werden kann. Zum Schutz vor der Sonne wurden die flachen Dächer oft über eine große Veranda oder Terrasse verlängert, davor lädt meist ein Pool zum Baden ein. Ein paar Palmen sorgen für den letzten Schliff.

Als in Hollywood schließlich Stars nicht mehr bei den Studios angestellt waren, sondern nur noch für einzelne Filme geheuert wurden, verlor Palm Springs für die VIPs an Attraktivität. Dass die Stadt heute dennoch kein vergessenes Wüstennest ist, liegt nicht zuletzt an den Schwulen und Lesben. „Vierzig bis fünfzig Prozent der Bevölkerung sind homosexuell“, schätzt Bob Gross. „Es ist wahrscheinlich der schwulste Ort der Welt!“ Obwohl Schwule in Hollywood und in Palm Springs von jeher eine bedeutende Rolle spielten, ist die offen schwule Geschichte der Stadt noch gar nicht so alt. Als erstes schwules Resort eröffnete das El Mirasol im Jahr 1976, und mit dem Mirage gab es 1984 das erste Hotel, in dem „clothing optional“ angesagt war. Doch das schwule Leben fand damals in der Diskretion der Gästehäuser statt, die sich vor allem im Stadtteil Warm Sands konzentrieren. Hinter den hohen grünen Hecken konnte man im Urlaub die Normen und Regeln des Alltags vergessen.

Schwule Wüstenmetropole Palm Springs

Offener wurde die Stadt erst Anfang der 1990er-Jahre. „Die erste schwule Bar, die Street Bar, eröffnete 1992 in der Arenas Road“, sagt Bob Gross. Vorher ging man im benachbarten und mit Palm Springs verwachsenen Ort Cathedral City schwul aus – auch heute noch gibt es dort schwule Hotels wie das CCBC und Bars wie das Barracks. Mittlerweile ist auch Palm Springs selbst wesentlich liberaler. „Unser jetziger Bürgermeister ist schwul, sein Vorgänger war es auch, und wir hatten den ersten afroamerikanischen Bürgermeister“, erzählt Bob mit Stolz. Schwule Bars, Clubs und Läden für den homosexuellen Alltagsbedarf – Tank Tops, Höschen, Accessoires – bestimmen das Bild, besonders in der Arenas Road.

Möglich wurde diese Entwicklung zur schwulen Wüstenmetropole, weil sich die Stadt konsequent dem queeren Tourismus öffnete, der für die nötige Nachfrage bei Bars und Clubs sorgt. Besonders die großen Festivals ziehen zahlreiche Besucher an. Höhepunkt des Eventkalenders ist die White Party, zu der alljährlich rund 30.000 Gäste erwartet werden – in einer Stadt, die eigentlich nur knapp 50.000 Einwohner hat. Für Palm Springs ein Segen, der allein an Übernachtungssteuern eine Million Dollar einbrachte, wie Bob Gross weiß.

Events im ganzen Jahr

Die Stadt setzt deshalb voll auf Events – und die queere Community feiert gerne mit. Halloween etwa ist in Palm Springs fest in schwuler Hand: Die Arenas Road wird für den Autoverkehr gesperrt; muskulösen Supermännern, schwulen Minions und kräftigen SWAT-Teams gehört die Straße. Die besten Kostüme werden auf einer großen Bühne prämiert – und die Bars kommen mit dem Getränkeausschank kaum hinterher. Nur eine Woche vorher lockt der Leather Pride all jene, die ihre neuesten Leder- und Rubberoutfits präsentieren wollen. Lesben kommen zum Dinah Shore Weekend, eines der größten lesbischen Festivals der Welt. Und auch zum Pride feiert die lokale Community mit zahlreichen Besuchern – nicht mehr nur aus Los Angeles, sondern aus aller Welt.

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Dieser Artikel ist Spartacus Traveler 2016/2 erschienen, den du auch fürs Tablet abonnieren kannst. Informationen zu Hotels, Restaurants, Bars und vielem mehr findest du im Spartacus International Gay Guide, den es auch als App gibt.