Es war die Zeit, als New York die schwule Hauptstadt der Welt war. Als Manhattan noch nicht an allen Ecken so herausgeputzt und sicher war, wie man es heute kennt. Als Künstler und Bohemians die Stadt durch ihre Anwesenheit adelten, weil es sonst keinen anderen Platz für sie zu geben schien. Als das Nachtleben wild und zügellos war, als der Sex, die Drogen, der Exzess regierten. Als sich eine ganze Generation junger Männer aufmachte, die Kunstwelt zu revolutionieren. Es waren die späten 60er und 70er Jahre, als es Aids noch nicht gab und New York all das verkörperte, was man heute immer wieder mal Berlin zuschreibt. Es war die Zeit von Andy Warhol, dem unumstrittenen Star der amerikanischen Kunstszene, der nach vollendetem Kunststudium in seiner Geburtsstadt Pittsburgh 21-jährig im Sommer 1949 nach Manhattan zog.

Viel hat sich seit dem Tod des gefeierten Pop-Art-Künstlers am 22. Februar 1987 in der Stadt verändert. Das Nachtleben ist längst nicht mehr so legendär wie noch vor 40 Jahren, dafür können Schwule und Lesben seit diesem Sommer heiraten – der wohl größte Erfolg für die New Yorker Community seit dem Stonewall- Aufstand 1969. Viele Spuren aus Andy Warhols Leben sind verwischt. Das Gebäude, in dem einst Warhols erstes „Factory“ genanntes Atelier war, existiert nicht mehr, ebenso die Galerien, die dem jungen Talent einst den Weg in die Kunstwelt ebneten, sind längst nicht mehr in denselben Räumen. Zwar gibt es Stadttouren durch New York zu allen möglichen Themen, so zu „Sex and the City“, durch Spukhäuser oder zu kleinen leckeren Restaurants.

Wer die Orte wie die „Factory“, das „Studio 54“ oder jene Kirche sehen will, die der aus einer katholischen Immigrantenfamilie stammende Andrew Warhola beinahe täglich besuchte, hat es nicht leicht. Im East Village, nicht weit von der Christopher Street, wohnt der Fotograf Christopher Makos. Beide lernten sich um das Jahr 1975 kennen. Manche Erinnerungen des von dieser Zeit an steten Begleiters sind vage. „Wer sich an diese Zeit bis ins kleinste Detail erinnern kann, war nicht dabei“, sagt Makos mit einem schelmischen Grinsen. Mit seinem Assistenten Peter Wise sitzt er in seinem mit Büchern, Fotografien und Magazinen überladenen Wohnzimmer und ist die beste Informationsquelle, die man sich wünschen kann. Seine Warhol-Tour beginnt man am besten am Union Square. Hier, wo heute von Juni bis November jeden Samstag farbenfroher „Farmer’s Market“ stattfindet, befanden sich nach der „Silver Factory“ (deren Gebäude abgerissen wurde) die beiden wichtigsten Standorte der „Factory“. Da ist zum einen das „Decker Building“ mit der Adresse 33 Union Square West, in dessen sechstes Stockwerk er 1968 mit seinem Atelier einzog. Hier geschah auch am 3. Juni 1968 das von Valerie Solanas begangene Attentat auf Warhol und den Kunstkritiker Mario Amaya. Warhol, vom Enfant Terrible der Kunstszene inzwischen zu deren wichtigstem Protagonisten geworden, zog 1974 mit der „Factory“ in das fast gegenüberliegende Haus mit der Nummer 860 Broadway um.

Im März 2011 wurde hier das silbrig-glänzende „Warhol Monument“ des Künstlers Rob Pruitt enthüllt, das auch permanent am Union Square stehen soll. Zu Zeiten der Factory eine heruntergekommene und gefährliche Gegend, präsentieren sich der Platz und die ihn umgebenden Straßen als herausgeputztes Viertel. Einzig die McDonalds-Filiale (39 Union Square West) gleich neben der alten „Factory“ hat die Zeiten überdauert und sieht noch fast so aus wie in den 70ern, als die Warhol-Mitarbeiter mal schnell ihre Burger holten, während ihr Chef eher auf „Health Food“ kleinerer Restaurants in der Nachbarschaft stand, die heute allesamt verschwunden sind.

Während der Union Square für viele Jahre Warhols Arbeitsadresse war, zog er privat die Upper East Side vor. 1960 zog der Künstler von seiner Wohnung in der Lexington Avenue 242 in ein Stadthaus derselben Straße mit der Hausnummer 1342. 1974 kaufte Warhol sich ein altes Stadthaus in der 66. Straße (57 East 66th Street), das als eine der wenigen Stationen in Warhols New Yorker Leben mit einer großen Infotafel versehen ist. In der von Bäumen umsäumten, ruhigen Straße lebte Warhol bis zu seinem Tod. Andys Lover, der Inneneinrichter Jed Johnson, zog mit Warhol ins Haus und richtete es im „American Empire“-Stil aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts ein. Hier, an der Upper East Side östlich des Central Parks, liegen auch der Promi-Chinese Mr Chow und das berühmte Serendipity 3. Das kleine, im Souterrain liegende Café wurde von Warhol einst als dessen liebster „Naschladen“ bezeichnet, die Rechnungen bezahlte er mit Zeichnungen.

Gegen Mittag steht man hier Schlange für ein Sandwich, während immer wieder Kleinbusse eine Ladung von Touristen absetzten. Wesentlich ruhiger geht es da in der Kirche Saint Vincent Ferrer zu. Die 1918 im neugotischen Stil erbaute Dominikanerkirche gilt nicht nur wegen ihrer prachtvollen Buntglasfenster als eine der schönsten Kirchen New Yorks. Äußerst regelmäßig nahm Warhol an den Gottesdiensten teil und besuchte laut Christopher Makos beinahe täglich das Gotteshaus. Obwohl der damalige Priester Sam Matarazzo oft gegen Homosexualität predigte, wurde die Kirche von vielen Schwulen besucht. Matarazzo selbst, der Warhol nie die Kommunion nehmen oder beichten sah, vermutete, dass gerade diejenigen zu seinen Gottesdiensten kamen, die ihr Schwulsein verbergen wollten.

Ein für Warhol ebenfalls wichtiges Gebäude steht in der 63. Straße. Das durch seine hypermoderne Architektur auffallende Gebäude des Architekten Paul Rudolph aus dem Jahr 1967 wurde damals vom schwulen Modedesigner Halston bewohnt und diente als Treffpunkt jener Clique, die man auch als Familie des Studio 54 bezeichnen konnte. Der schwule Autor Truman Capote gehörte ebenso dazu wie Liza Minnelli, Bianca Jagger, Diane von Fürstenberg und Diana Vreeland. Auch fanden rauschende Privatpartys statt, die Adresse wurde quasi zu einem eigenen Club erhoben: „101“. Man traf sich zum Abendessen bei Kaviar, Kartoffeln und Kokain. Wobei laut Halstonbiograf Steven Gaines der Kartoffelgang öfter auch mal ausgespart blieb. Steve Rubell, Gründer des Studio 54, soll im Halston’s House auch schon mal in Kleidern von Minnelli vorbeigekommen sein. Letzter Besitzer des Hauses war bis zu seinem Selbstmord im Mai 2011 der Schweizer Playboy Gunter Sachs. Wer etwas Geld übrig hat – vielleicht steht das Haus ja zum Verkauf.

Bleibt als letzte Station die Club-Legende Studio 54 an der 54. Straße Ecke Broadway. Viel ist über den Club geschrieben worden, ein Film wurde gedreht, unendliche Anekdoten erzählt. Hier war man drin, oder man war ein Nichts. Die Zeiten sind passé, wer heute den einstigen Tempel der Dekadenz und der Disco betreten will, kann dies nur im Rahmen einer Vorstellung tun, die im „Studio 54 Theater“ zu sehen ist. Doch das ist nichts gegen all das, was sich im Kopf abspielt, sobald man „Studio 54“ nur hört. Legendär eben. Und wer sich daran erinnern kann, war vermutlich nie dabei.

INFO

www.nycgo.com/gay
Offizielle Homepage des New Yorker Tourismusbüros mit zahlreichen Tipps und Infos rund um die Stadt und ihre schwule Szene.

www.nextmagazine.com
Website des kostenlosen schwulen Stadtmagazins Next mit allen relevanten Szeneterminen.

www.warholstars.org
Detaillierte Chronologie von Warhols Lebenslauf.

ANREISE

Air Berlin fliegt täglich ab Düsseldorf und viermal wöchentlich ab Berlin nonstop zum New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen. Tickets kosten ab 209,99 Euro als One- Way-Komplettpreis (inklusive Steuern, Servicegebühr und Meilen.)
www.airberlin.com

HOTELS

Alle Szeneadressen von New York gibt es im Spartacus International Gay Guide und der iPhone App.