Wer sich der fantastischen Natur in Neuseeland bewusst aussetzt, lernt ganz schnell, sie voll zu genießen. Hier, am Ende der Welt, geben sich Großstädter und Naturburschen, Homos und Heteros gerne den Urgewalten hin.

Text und Fotos: Tobias Sauer

Mit den Gefühlen ist das so eine Sache: Auch wenn man sich zusammenreißt, so ganz im Zaum halten können wir sie nicht. Einerseits das Staunen und die Aufregung: So schön ist es hier, auf Waiheke, einer Insel vor der Küste von Auckland, der größten Stadt Neuseelands. Ich stehe auf einer Plattform in der hügeligen Landschaft und bereite mich darauf vor, mit einer riesigen Seilrutsche in 15 Metern Höhe über den sattgrünen Wald zu fliegen. Doch andererseits mischt sich in die Vorfreude tröpfchenweise auch etwas Sorge: Das Stadtpanorama ist verschwunden, wo bis vor wenigen Minuten noch Wolkenkratzer zu sehen waren, lauern jetzt tiefschwarze Wolken. Etwas ängstlich also wende ich mich an die Instrukteurin und frage, was passiert, wenn es plötzlich regnet und stürmt – wird die Fahrt auf der Zipline dann abgebrochen? Sie schaut etwas irritiert– und sagt lakonisch: „Well, you’ll get wet.“ Ein bisschen Regen hat halt noch keinem geschadet.

Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung
Kayak Coromandel C Tobias Sauer

Mit Guide Martin per Kayak unterwegs in Coromandel. Foto: Tobias Sauer

Und tatsächlich: Wenige Minuten später beginnt es zu regnen, auch wenn sich der befürchtete Wolkenbruch als leichter Nieselregeln entpuppt, der dem Spaß, mit Karacho über das Dach des Farnwaldes zu rauschen, keinen Abbruch tut. Gleich am zweiten Tag meiner Neuseeland-Reise habe ich also gelernt, wie nah man hier der Natur ist, mit welchem Schulterzucken man ihre Wetterkapriolen in Kauf nimmt. Denn auch hier gilt der altbewährte Satz: „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung.” Also los, mitten rein in die Naturgewalten, sage ich mir, und unternehme am nächsten Tag einen Ausflug auf die Coromandel-Halbinsel, rund zwei Autostunden östlich von Auckland. Die Gegend ist ein bezauberndes Stückchen Erde, mit grünen Wäldern, noch grüneren Wiesen, blühenden Blumen und Bäumen und kurvigen Straßen, die pittoresk durch die Hügellandschaft führen.

An der hiesigen Küste will ich Kajak fahren, und es ist sonnig, als ich morgens am Strand ankomme. Der Wetterdienst aber kündigt ab Mittag noch einmal Regenschauer an. Mit mir will ein heterosexuelles Ehepaar aus Australien dem Wasser trotzen. Die beiden stehen auf Outdoor-Ferien, erzählen sie, und sind entsprechend gut vorbereitet. Ich dagegen habe keine kurze Hose mitgebracht, nur eine lange Jeans. „Das empfehlen wir eigentlich nicht“, sagt unser junger Guide Martin mit einem Lächeln, das mir zeigen soll: ist nicht so wild. Und doch ist meine schlechte Vorbereitung, so wie die vieler Großstädter, die mal raus in die Natur wollen, nicht gerade ein Pluspunkt: Der Jeansstoff, erklärt Martin, saugt sich schnell mit Wasser voll und wird dann nicht nur schwer, sondern auch ziemlich kalt auf der Haut. Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr: Nacktkajaken erlaubt Martin leider nicht.

Es wenn die Gischt ins Gesicht spritzt, mache Kajaken richtig Spass
Coromandel C Tobias Sauer

Riesige Sandsteinhöhlen auf der Coromandel-Halbinsel. Foto: Tobias Sauer

Doch alles geht gut und die Fahrt mit dem Kajak lohnt sich allemal. Cathedral Cove liegt vor uns, das Ziel unserer kleinen Tour, nur zwei Buchten vom Startplatz entfernt, aber zu Fuß kaum zu erreichen. Hohe Sandsteinkliffs, mit Bäumen bewachsen. Der Sand fein und golden. Das türkisblaue Meer spült im Laufe der Zeit riesige Höhlen in den weichen Stein, die sich manchmal zu natürlichen Tunneln entwickeln. Während die Australier und ich den Strand erkunden, zeigt Martin, wie britisch Neuseeland immer noch ist: Als wir zurückkehren, hat er für uns bereits Tee gekocht.

Der English Breakfast tut gut, und nach der kleinen Tee-Zeremonie brechen wir wieder auf. Der Wind hat aufgefrischt, am Horizont sind die ersten Wolken zu erkennen. Doch statt schnurstracks zum Ausgangspunkt zurückzukehren, schlägt der Guide vor, noch kurz zu den beiden Inseln zu paddeln, die in einiger Entfernung im Meer liegen. Ich muss schlucken: Der Gegenwind ist deutlich stärker, die Wellen sind höher, ab und an schwappen sie jetzt über die Spitze des Kajaks. Das Paddeln ist nun deutlich in den Armen zu spüren. Doch Überraschung: Erst jetzt macht es richtig Spaß – und die nasse Jeans ist längst egal. Wie wir uns mit Kraft durch die Wogen kämpfen, uns Stück für Stückden Inseln nähern; wie wir das Salzwasser im Gesicht spüren, wenn die Gischt hochschlägt – ein tolles Gefühl! Nach der überstandenen Anstrengung wird die Rückfahrt zum Festland dann umso leichter: Zwischen den beiden Kajaks spannen wir ein großes Segeltuch auf und lassen uns fast bis zum Strand vom Wind treiben.

Wanderparadies Neuseeland
Wilsons Abel Tasman C Tobias Sauer

Wanderer Robert im Abel Tasman Nationalpark. Foto: Tobias Sauer

Kajaken kann man auch im Abel-Tasman-Nationalpark, an der nördlichen Spitze von Neuseelands Südinsel gelegen. Aber ich bin hierher, nachdem ich mich vom Abenteuer auf See erholt habe, zum Wandern gekommen. Immer der Küste entlang führt der Weg, auf hohen Klippen durch den Wald, links geht es zum Meer hinunter, das blau durch die Zweige leuchtet. In der Ferne sind die ersten Berge der Neuseeländischen Südalpen zu erkennen, noch glitzert der Schnee auf ihren Kuppen. Ein knappes Dutzend Besucher aus aller Welt ist in der kleinen Wandergruppe unterwegs, mit dabei ist auch Robert. Der Hamburger leitet mit seinem Lebensgefährten ein Unternehmen in der Filmbranche und ist mittlerweile ein wahrer Neuseeland-Experte. Bereits zum dritten Mal besucht er die Inseln im Pazifik.

Sein Ziel ist nicht so sehr, sich bei Wind und Wellen mit der Natur zu messen oder in glitzernden Großstädten die Nacht zum Tag zu machen, erzählt der 45-Jährige. „Mir geht es darum, beim Wandern den Flow zu erreichen, also den Punkt, an dem man sich auf sich selbst zurückzieht und den Stress der Welt vergisst. Das ist etwas, das ich im Alltag nie habe.“ Auf den langen Wanderungen entlang der Küste fällt ihm das hingegen ganz leicht. Die Gruppe läuft nicht zu eng zusammen; wer sich unterhalten will, kann das tun, wer aber einfach für sich bleiben möchte, wird auch in Ruhe gelassen. Kein Handyempfang stört, SMS werden nicht verschickt und das nächste Facebook-Update muss warten. Und abends, in den komfortablen Wanderhütten, gibt es zwar langsames Netz, doch dessen Anziehungskraft verblasst neben dem leuchtenden Vollmond, der langsam über dem Meer aufgeht, vorbei an einer kleinen Felseninsel, die über und über mit Bäumen bewachsen ist. Die Stadt, der Lärm, die Hektik, das ist im abgeschiedenen Abel-Tasman-Nationalpark alles sehr weit weg.

Spektakuläre Südalpen
Queenstown C Tobias Sauer

Die Landschaft der Südalpen erinnert tatsächlich an die Schweiz. Foto: Tobias Sauer.

Natürlich gibt es auch in Neuseeland große Städte, und fast jeder Besucher landet auf dem Flughafen in Auckland, in dessen Ballungsraum genau ein Drittel der 4,2 Millionen Neuseeländer lebt. Doch im Vergleich zu anderen Metropolen wirkt Auckland überschaubar, trotz seiner kleinen, aber vibrierenden schwulen Szene mit einigen Bars und Clubs. Und letztlich ist es auch eher die Abgeschiedenheit und die spektakulär schöne Landschaft, die viele Besucher auf die entlegenen Inseln zieht – egal ob homo oder hetero.

Genau das findet man auch noch weiter im Süden. Central Otago heißt das Gebiet unmittelbar vor der langen Bergkette der Südalpen, das man genauso gut auch „Mittelerde“ nennen könnte, weil es mitten im Herr-der-Ringe-Land liegt, nur rund 50 Kilometer von Queenstown und dessen spektakulärer Hochgebirgslandschaft entfernt. In den klaren, blauen Seen spiegeln sich die Felswände der Berge und ihre schneebedeckten Gipfel. Die Landschaft erinnert so sehr an die Schweiz, dass selbst Milka hier ihre Fernsehwerbung drehen lässt.

Homophobie? Auch auf dem Land unbekannt
Bike It Now Clyde C Tobias Sauer

Lisa und Fletch vermieten in Clyde Räder und stellen Touren zusammen. Foto: Tobias Sauer

Während anderswo ländliche Gebiete oft als weniger tolerant gelten, ist selbst im abgelegenen Otago von Homophobie nicht viel zu spüren – wie in ganz Neuseeland. Der Italiener Armando etwa lebt seit sieben Jahren mit seinem Mann Bob im 4.100-Einwohner Städtchen Cromwell und hat dort ein kleines Restaurant eröffnet. Schlechte Erfahrungen hat er keine gemacht, im Gegenteil. „Ich mag das Land und die Leute“, erzählt er. Und die beiden Neuseeländerinnen Fletch und Lisa, die im noch kleineren Örtchen Clyde leben, der Heimat von exakt 921 Menschen, können dem nur zustimmen. „Es gibt einige Homo-Paare in Clyde“, erzählen sie beim gemeinsamen Abendessen. „Und wir waren auch eine gewisse Neuigkeit, als wir hierhergezogen sind.“ Aber Ablehnung haben sie nie gespürt.

Stattdessen ist ihr Fahrradladen ein wichtiger Teil des Dorfes geworden. Nicht nur für Einheimische, sondern auch für Touristen, denen sie gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Duncan Räder leihen und Vorschläge für Ausflüge machen – auch mir. Duncan und ich machen uns frühmorgens auf den Weg, als die Luft noch feucht von der Nacht ist. Immer dem Clutha entlang radeln wir, dem zweitlängsten Fluss Neuseelands, der zwar nicht sehr breit ist, der aber, direkt aus den hiesigen Alpen kommend, ziemlich schnell fließt. Obwohl der Radweg dem Fluss folgt, geht es bergauf und bergab, über planierte, aber nicht asphaltierte Wege. Im Windschatten der Alpen ist die Gegend plötzlich deutlicher trockener als das übrige Neuseeland, nur entlang des Wassers wachsen die Bäume sattgrün. Den Rest des Tales hat der wilde Thymian erobert, dessen Duft in der Luft liegt und den europäische Goldsucher vor über 100 Jahren in der Gegend eingeführt haben.

Die Gedanken fliegen

Und hier passiert es auch mir: Der Flow, von dem Wanderer Robert wenige Tage zuvor sprach, überrascht mich plötzlich und erfüllt mich ganz, als ich ihn bemerke und zulasse. Immer hinter Duncan her, trete ich einem inneren Rhythmus folgend in die Pedale, während sich die Hügel und die Kurven abwechseln. Der grün schimmernde Fluss rauscht links vorbei. Auf Hügel folgt Tal, auf Tal folgt Hügel – und die Gedanken, sie fliegen.

 

Guide

Alle Tipps und Adressen findest du im Spartacus Traveler Gay Guide: Aktivurlaub in Neuseeland!

 

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