Noch ist die Luft hier angenehm kühl. Langsam, ganz langsam schiebt sich die Sonne hinter einigen grauen Wolken hervor, die sich in Kürze im tiefblauen Himmel auflösen werden. Nur wenige Geräusche der Millionenstadt schaffen es, bis an mein Ohr zu dringen. Es ist 7 Uhr morgens und ich stehe auf dem Scheitelpunkt von Sydneys Wahrzeichen, der 75 Jahre alten und 134 Meter hohen Harbour Bridge, die sich majestätisch über den Hafen spannt. Mir liegt die Stadt zu Füßen. Der Bridge Climb, Sydneys beliebteste Touristentour, hat sich gelohnt. Von hier oben wird mir klar, warum Sydney zu den am schönsten gelegenen Metropolen dieser Welt zählt. Wo sonst gehen Stadt und Meer eine so enge Verbindung ein wie hier? Fähren sind neben einem gut ausgebauten Busnetz selbstverständlicher Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs. Vom zentralen Circular Quai, gleich neben dem Opernhaus, legen die Boote in die verschiedensten Stadtteile wie ins trendige Darling Harbour, zum sehenswerten Taronga Zoo oder nach Manley Beach ab.

Die nahen Strände sind es, die dieser Stadt ihr unglaublich relaxtes Flair verleihen. Natürlich wimmelt es im Business District, der in Sydney CBD heißt, tagsüber von hektischen Anzugträgern, aber spätestens nach Büroschluss merkt man, was den Sydneysider von Großstadtmenschen auf der anderen Seite dieser Erde unterscheidet: Das Bierchen nach Dienstschluss mit Kollegen oder guten Freunden gehört zum täglichen Ritual, der Übergang vom Nachmittagsdrink zum abendlichen Kneipenbummel ist fließend. Man ist kontaktfreudig, international und Fremden gegenüber aufgeschlossen. Ab 18 Uhr herrscht in und vor vielen Bars reger Betrieb, der sich an Wochenenden oft bis Sonnenaufgang nicht legt.

Das gilt besonders für die Oxford Street zwischen Taylor Square und Hyde Park im Stadtteil Darlinghurst, dem einstigen Zentrum schwulen Lebens. Das größte Szeneevent des Jahres, der Mardi Gras, findet hier mit einer nächtlichen Parade seinen Höhepunkt. Die Veranstalter des Gay Prides versprechen für den Februar ein vierwöchiges Festival, über 1800 Freiwillige werden dafür sorgen, dass Tausende von Besuchern aus aller Welt Sydney von seiner besten Seite genießen können. Wer einen Trip nach Australien plant, sollte sich den Abschluss des Festivals und die Parade Ende Februar, Anfang März nicht entgehen lassen. Außerhalb des Mardi Gras verliert die einstige Homohochburg Oxford Street jedoch zunehmend an Bedeutung. Zwar finden sich hier immer noch einige hübsche Bars und Geschäfte wie Australiens ältester schwuler Buchladen The Bookshop, doch vor allem in den letzten Monaten hat sich die Szene Stück für Stück aus der Oxford Street zurückgezogen.

Viele Bars haben sich auf ein heterosexuelles Publikum umgestellt und immer öfter hört man auf der ehemaligen „Golden Mile“ homophobe Sprüche angetrunkener Kids. „Es ist traurig mitanzusehen, dass die Oxford Street ihren schwulen Charakter verloren hat und die Gegend auch gewalttätiger geworden ist“, sagt Andrew (35), der in Sydney geboren ist. „Schwule und Lesben über 25 gehen hier nicht mehr aus, die Szene ist in Bewegung“, so der Illustrator und Grafikdesigner. Dafür hat sich der Trend, dass man in den alternativen und multikulturellen Stadtteil Newtown ausweicht, verstärkt. Hier, rund um die King Street, kann man gerade miterleben, wie Schwule und Lesben eine eher durchschnittlich attraktive Gegend durch Zuzug und kreative Ideen zum hippen Viertel machen. Dabei prägten das „Newtown Hotel“ (wobei Hotel in Australien so viel wie Bar bedeutet) und das „Imperial Hotel“, wo mit der „Priscilla Show“ die Handlung des Films „Priscilla – Queen of the Desert“ beginnt, schon vorher das schwule Bild von Newtown.

Zu den neueren Ideen gehört auch die seit drei Jahren unregelmäßig stattfindende Party „Fag Tag“ – ein Event, bei dem sich sonntags ab dem späten Nachmittag Hunderte Sydneysider auf ein paar Bierchen an normalerweise heterosexuellen Orten treffen – das kann mal das Café am Opernhaus, mal das stylische „Bank Hotel“ auf der King Street sein. „Die Szene erfindet sich gerade neu, sucht neue Locations, einen neuen Stil“, meint Andrew. Zusammen mit seinem Freund Raymond lebt er in dem bekanntesten Stadtteil Sydneys. In Bondi Beach bewohnen die beiden ein Apartment, für das man – ganz typisch für Australien – seine Miete wöchentlich bezahlt.

Am nördlichen Ende des Strandes, der nach der Lockerung der Badegesetze im Jahr 1906 zum berühmtesten Badevorort Sydneys aufstieg, drängen sich die schönsten Jungs der Stadt in ihren Speedos. Zwar habe ich noch nie auf einem Surfboard gestanden, doch wenn man den coolen Surfern beim Wellenreiten so zuschaut, sieht das alles eigentlich ganz einfach aus. Drei Stunden später, klitschnass von meterhohen Brechern und völlig erschöpft, habe ich meine Meinung geändert. Und obwohl ich mich mit Sicherheit vor aller Augen lächerlich gemacht habe, hat mein Schnupperkurs in Sachen Surfen, den ich bei einer der kleinen Schulen oberhalb des Strandes belegt habe, richtig Spaß gemacht. Wer genügend Zeit hat, sollte hier unbedingt die Küste von Cogee nach Bondi entlangwandern. Die sechs Kilometer lange Strecke führt vorbei an Klippen und Stränden wie Clovelly Beach, Tamarama und Bronte und bietet immer wieder Gelegenheit für einen Sprung in die Tasmanische See. Neben dem vor allem an Wochenenden überfüllten Bondi Beach ist für schwule Sydneysider auch der FKK-Strand Obelisk Bay nahe Middlehead im Norden der Stadt eine echte Alternative. Und Little Congwong Beach, ein kleiner Strand im Nationalpark am Rande des Stadtteils La Perouse, ist noch ein Geheimtipp. Hier kann man sich entspannt sonnen oder im flachen Wasser schnorcheln.

Zurück in der Stadt hat man für seine Abendgestaltung die Qual der Wahl. Sydney bietet ein unüberschaubares Angebot an Restaurants mit exzellenter internationaler Küche. Vor allem das Seafood hat es mir angetan, sei es nun gegrillter Babyoktopus als Salatbeilage, ein saftiges Thunfischsteak oder – wie hier im „Aqua Dining“, einem Restaurant mit unbezahlbarem Blick auf Open-Air- Schwimmbecken, Harbour Bridge und Opernhaus – ein leckeres Filet von John Dory, den ich erst nach meiner Heimkehr nach Deutschland als Petersfisch identifizieren werde. Dafür ist der australische Wein nicht so meine Sache, auch wenn ich tags zuvor gut fünf Stunden damit beschäftigt war, mich im nördlich gelegenen Hunter Valley durch kleine wie große Weingüter zu nippen. Immerhin mit der Erkenntnis, dass es mit dem Natur-Ausflugsziel Blue Mountains auch noch eine bemerkenswerte Kulturlandschaft vor den Toren der Stadt zu entdecken gibt (wahlweise im vollklimatisierten Kleinbus oder mit dem praktischen Hubschrauber). Und wem letzteres Vergnügen zu kostspielig sein sollte, dem bleibt immer noch ein Ausflug auf die schwindelnde Höhe der Harbour Bridge.

INFO

www.visitnsw.com
Offizielle Webseite des Bundesstaates New South Wales mit vielen Tipps und Infos.

ANREISE

Singapore Airlines fliegt von Frankfurt, München und Zürich über Singapur nach Sydney. Mit etwas Buchungsglück bleibt man unter 1000 Euro für Hin- und Rückflug, www.singaporeair.com

Alle schwulen Adressen gibt es im Spartacus International Gay Guide oder der iPhone App