Södermalm ist Stockholms kreativstes Stadtviertel. Auch Besucher können sich von dieser Energie inspirieren lassen: Beim Shoppen in kleinen, unabhängigen Läden und abends in alternativen Bars.

Text: Tobias Sauer

 

Vor den drei niedrigen, ein- und zweigeschossigen Gebäuden aus rot gestrichenen Holzlatten sitzt Alexander Stutterheim im Grünen und lässt sich die warme Sonne ins Gesicht scheinen. Fast sieht es aus, als hätte man den 44-Jährigen in eine schwedische Landidylle versetzt. Dabei sitzt er mitten in Stockholm, genau genommen im Trendviertel Södermalm. Nach Södermalm, erzählt er, würde er heute allerdings nicht mehr ziehen, sondern eher ins beschauliche Kungsholmen. In Söder, wie es alle nennen, gebe es inzwischen einfach zu viele Hipster.

So ganz weiß man allerdings nie, wann Alexander ein bisschen flunkert und wann er die Wahrheit erzählt. Denn es war doch Alexander selbst, der vor einigen Jahren einen sehr klassischen, sehr stylischen und sehr begehrten, 300 Euro teuren Regenmantel entworfen hat. Und was könnte für Hipster noch geeigneter sein als ein klassischer, teurer Regenmantel?

Stockholms Hipster-Symbol No. 1: Der Regenmantel
Stutterheim Text (c) Alexander Stutterheim

Regenbogen auf dem Regenmantel: Modell von Alexander Stutterheim.

Nach dem Tod seines Großvaters fand Alexander in dessen altem Sommerhaus auf einer Schäreninsel vor der Küste Stockholms einen Regenmantel aus den 1960er-Jahren. Zurück in der Stadt stellte er an einem Regentag beim Blick aus dem Fenster fest: Der alte Mantel sieht viel besser aus als die Gore-Tex-Jacken, die die Leute sonst tragen. „Es ist so traurig, dass du schlecht aussehen musst, wenn es regnet“, sagt Alexander, denn: „Gore-Tex, das passt einfach nicht zu meinen Helmut-Lang-Anzügen.“ Bald produzierte er also eine sanft aktualisierte Version des klassischen Regenmantels. Mit unfassbarem Erfolg: Kunden standen vor seiner Wohnungstür Schlange, um das begehrte Textil zu ergattern. Alexander gab seinen Job als Werbetexter auf, um sich ganz seiner neuen Aufgabe zu widmen.

Und dann, erzählt Alexander, kam bald die Angst vor dem KGB. Denn den Regenmantel brachte er auch in einer Regenbogenvariante heraus, die er in einem Moment des Übermuts und aus Protest gegen die diskriminierende russische Homo-Politik „Vladimir“ getauft hat. Einen Teil der Einnahmen will er an russische LGBT-Organisationen spenden. Seither, sagt er –und man hofft, dass er hier flunkert – fürchte er sich gelegentlich vor den Agenten aus dem Osten.

Mit seiner Geschichte von Kreativität, Aktivismus und ein bisschen Exzentrik könnte Alexander geradezu ein Symbol für Södermalm sein. Der Stadtteil ist zwar nicht so schön wie die betörende Innenstadt Gamla Stan mit ihren engen Gassen und ihrem Kopfsteinpflaster, gilt aber als Biotop für ungewöhnliche Leute, ungewöhnliche Geschäftsideen und ungewöhnliche Läden. Ein riesiger Sneaker-Shop bietet die neuesten Turnschuhe an, direkt daneben verkauft ein cooles Möbelgeschäft Wohnaccessoires im Retrostyle der 1960er-Jahre. Plattenläden, Cafés und Modeboutiquen wechseln sich ab. Im Bonbonladen Pärlans, dessen Einrichtung aus dunklem Holz schon fast an die 1950er-Jahre erinnert, kann man durch riesige Glasfenster morgens den Bonbon-Machern bei der Arbeit zuschauen. Und nebenan verkauft der Laden Grandpa unter einem Dach Kleidung und Möbel. Junge Familien gehen durch die kurzen Gänge, begutachten Shirts, Hosen, Geschirr, Lampen und Notizbücher.

No Sexism, No Racism!

Stockholm steht im Ruf, aufgeschlossen, offen und tolerant zu sein. Im Café Urban Deli, mit angeschlossener Weinstube und Supermarkt, trägt Managerin Veronica zur Arbeit ein T-Shirt mit der Aufschrift „Hier arbeiten Lesben, Muslime, Kurden, Schwule, Juden, Afrikaner, Asiaten, Schweden und viele andere – und das funktioniert richtig gut!“. Auf dem Weg ins Bad ist auf der Treppe zu lesen: „Peace, Love, No Violence, No Homophobia, No Sexism, No Racism“. So viel demonstrative Gleichberechtigung wäre in Stockholm wahrscheinlich gar nicht nötig. Die Stadt ist ausgesprochen gayfriendly. Clubs und Bars mit Regenbogenfahnen gibt es überall, fast immer werden sie von Schwulen und Lesben gemeinsam mit heterosexuellen Freunden besucht. Södermalm hat besonders schwule Wurzeln: Das Side Track, das als ältester schwuler Club der Stadt gilt, steht hier. Und gerade im Jahr 2015 lässt sich die aufgeschlossene Atmosphäre der Stadt wohl nirgends besser genießen als auf dem Mariatorget im Herzen Södermalms. Erst zieht hier Ende Juli der Stockholm Pride vorbei, danach locken Anfang August die EuroGames, eines der größten schwul-lesbischen Sportevents der Welt, tausende Sportler und Fans in die Stadt – und abends nach Söder.

King Kong Text C Tobias Sauer

Musik und Party im King Kong-Club am Mariatorget in Södermalm.

Im ehemaligen Arbeiterviertel ist schließlich seit Jahren die Musik- und Partyszene zuhause. Zum Beispiel direkt am Mariatorget im King Kong, einem Kellerclub, der sich auf elektronische Musik spezialisiert hat. Und gleich hinter dem Side Track verbreitet die Bar Ginko mit freiliegenden Betonwänden industriellen Charme. Für Patrik Guggenberger, einen 26-jährigen Modedesigner, der im bürgerlichen-konservativen Bezirk Östermalm aufgewachsen ist, war Södermalm schon vor zehn Jahren der abendliche Fluchtpunkt: „In Södermalm bekam man in kleinen Bars Robyn live zu sehen, bevor sie berühmt wurde – und ein Bier, auch wenn man jünger als 18 war.“

Patrik hat seine Entscheidung, später selbst zusammen mit seinem Partner nach Södermalm zu ziehen, nie bereut. Hier, sagt er, finde er Inspiration, hauptsächlich in der breiten Musikszene, die Neues ausprobiert und mit alten Stilen bricht. In seiner eigenen Arbeit als Modedesigner geht er ähnlich vor, dekonstruiert Kleidungsstücke und setzt sie auf überraschende Weise neu zusammen. Ein Schuh scheint aus einem anderen zu wachsen, Bomberjacken zerschneidet er und komponiert sie neu. „Vielleicht“, sagt er, „ist es heute sogar noch besser, in Söder zu wohnen, als vor ein paar Jahren. Das Viertel ist komplexer geworden. Man findet hier heute alles was man braucht, eigentlich müsste man es gar nicht mehr verlassen.“ Eigentlich – denn ganz unabhängig ist Södermalm nun auch wieder nicht: Patrik selbst pendelt täglich zu seiner Kunsthochschule, und die steht in Östermalm.

Stockholms kreative Zentren

Und auch aus anderen Stadtteilen kommen kreative Impulse. Zum Beispiel von der Thiel-Galerie in Djurgården. Das weiße Gebäude wurde vor rund hundert Jahren vom Bankier Ernest Thiel als Kunsttempel errichtet. Patrik Steorn, der seit kurzem Direktor des Museums ist, will die Kunstwerke aus Thiels Zeit, darunter Gemälde Edvard Munchs, mit Installationen junger Künstler verbinden. Für den Sommer 2015 plant er eine Ausstellung des von Thiel verehrten Malers Eugène Jansson, der sich oft im Marineschwimmbad aufhielt und sich dort für seine zahlreichen, äußerst homoerotischen männlichen Akte inspirieren ließ. Zeitgenössische Kunst aus Schweden und aller Welt holen vor allem diejenigen Galerien in die Stadt, die, wie die Wetterling Gallery in der Nähe des Hauptbahnhofs, mit politisch-provokanten Ausstellungen überraschen.

Nirgendwo setzt sich diese kreative Energie so in kleinen Läden und Unternehmen um wie in Södermalm. Die Goldschmiedin Helena Skolling zum Beispiel, die vor allem afrikanisch inspirierte Ketten und Ringe entwirft, kann sich nicht vorstellen, in einem anderen Stadtteil zu leben. „Hier in Södermalm“, sagt sie, „ist es wie in einer kleinen Stadt.“ Freunde und Bekannte schauen im Laden vorbei, man geht kurz einen Kaffee trinken oder verabredet sich am belebten Platz Nytorget auf ein Glas Wein. Helena eröffnete ihren ersten Laden im Jahr 2002 in Södermalm. 2011 zog sie nach Östermalm, doch bereits nach zwei Jahren hatte sie Heimweh – und kam zurück. Ihr Motto heute: „Lieber etwas weniger verdienen und dafür ein glückliches Leben führen.“ Und in Stockholm geht das, allen verfemten Hipstern in ihren Regenbogenregenmänteln zum Trotz, am besten immer noch in Söder.

 

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