Um das schwule Attraktionspotenzial von Manchester deutlich zu machen, bedarf es eigentlich nur dreier Worte: „Queer As Folk“. Die Kultserie mag international durch das langlebigere US-Spin-Off berühmt geworden sein, doch erfunden wurde sie in Großbritannien. Von dem schwulen Drehbuchautor und Produzenten Russel T Davies („Doctor Who“, „Torchwood“), der die Handlung nicht ohne Grund in der Canal Street von Manchester installierte. Davies lebte selber eine Zeitlang dort und wusste um die exzellente schwule Infrastruktur, die sich seit Anfang der 1990er Jahre nordwestlich des Rochdale-Kanals entwickelt hatte. Vermutlich trugen die zehn umstrittenen (weil sehr freizügigen) QAF-Folgen, die von 1999 bis 2000 auf Channel 4 liefen, zur weiteren Blüte des Viertels bei.

2003 fand hier der Europride statt, im selben Jahr wurde ein LGBT Heritage Trail eingerichtet und inzwischen preist man das Gay Village im örtlichen Touri-Stadtplan ganz offiziell für seine „einzigartige Atmosphäre“. Eine rasante Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die Gegend noch in den 80er Jahren ein Rotlichtviertel war. Bis zur Weltwirtschaftskrise in den 1930ern florierte im Village der Textilhandel. Danach verwahrlosten die Baumwolllagerhäuser, in ihrem Schatten siedelte sich das Prostitutionsgewerbe an und Schwule nutzten die düsteren Brücken, Gassen und Kneipen zum Cruisen. Die Wende läutete 1991 die Eröffnung der ersten offiziellen Homo-Bar ein. Das Manto (für „Manchester Tomorrow“) existiert bis heute. Allerdings ist es inzwischen renoviert und bietet mit sterilem Balustradengang und minimalistischem Ambiente nur noch wenig historischen Charme.

Den findet man eher im ersten Stock von The Rembrandt oder im rustikalen Pub des New Union Hotel – beides alteingesessene Lokale, die schon vor dem Wandel zum Homo-Distrikt „Männertreffpunkte“ waren. Heute gehen sie im kunterbunten Angebot der Gastronomie- Perlenkette Canal Street auf. Aus dem heruntergekommenen Puffviertel ist ein pulsierendes Kneipenlabyrinth geworden, in dem man sich auf Anhieb zu Hause fühlt. Vorglühen im Taurus, Weiterziehen ins G-A-Y (ein Ableger des gleichnamigen Londoner Clubs), Tanzen auf den drei Etagen des Cruz, Versacken in den schummerigen Cruising-Nischen des Eagle-Kellers … Das ist nur eine von unzähligen Varianten eines beglückenden Ausgehparcours in Manchester.

Im nimmermüden Treppauf-Treppab der Szenelandschaft könnte man glatt vergessen, dass es auch eine Welt jenseits des Gay Village gibt. Sollte man aber nicht. Denn die gelungene Symbiose von Alt und Neu setzt sich auch in den anderen Regionen fort. Überall in der Stadt fließen moderne und traditionelle Ströme ineinander. Schon auf der zwanzigminütigen Zugfahrt vom Flughafen zum Picadilly-Bahnhof in die City wird das industrielle Erbe sichtbar. Zwischen tristen Vorort- Siedlungen mit britischen Reihenhäusern und Schachtelgärten tauchen immer wieder verfallene oder umgenutzte Fabrikgebäude auf. Im Zentrum selber werden die Kontraste dann im Sinne urbaner Annehmlichkeiten neu definiert. Da erinnert neben der Manchester Cathedral ein winziges Pub-Dorf mit ländlichen Fachwerkhäuschen an die mittelalterlichen Wurzeln als Marktsiedlung, während in unmittelbarer Nachbarschaft der ikonisch moderne Glasbau des National Football Museums aufragt.

In den ehemaligen Arbeiterhäusern, Geschäftsgebäuden und Markthallen des Northern Quarters haben sich Künstler, Galerien und Hipster- Boutiquen eingenistet. Im Stadtteil Castlefield gemahnt ein kleines (aber nur nachgebautes) Kastell an das Erbe der Römer, während im Hintergrund mit dem 169 Meter messenden Beetham Tower das höchste Gebäude der Stadt aufragt. Nicht zu vergessen das etwas außerhalb gelegene Hafengebiet The Quays. Hier wurde in den letzten Jahren ein komplett neuer Stadtteil hochgezogen, der als großzügiger Architekturpark am Wasser einen entspannten Gegenpol zur Geschäftigkeit der City bildet. Flaggschiff des Areals ist das Imperial War Museum von Star-Architekt Daniel Libeskind. Die dortige Ausstellung ist eine eher unerträgliche Militärpropaganda-Veranstaltung, deren Besuch höchstens der freie Eintritt und der tolle Blick aus der Turmspitze rechtfertigen, sehenswert ist der Bau aber in jedem Fall – und sei es nur vom Café des gegenüberliegenden Musical-Theaters im Lowry Art & Entertainment- Center aus.

Zurück im Gay Village kann man die Eindrücke dann bei einem Pint Ale oder Bier sacken lassen. Oder aber man begibt sich auf die Spur der Regenbogenfahnen-Mosaike im Boden. Sie markieren die Stationen des LGBT Heritage Trail. Vor dem Manto erinnert zum Beispiel eins an die erste schwule Bar der Stadt. Auch vor dem städtischen Rathaus gibt es eins, weil hier 1992 zum zweiten Gay Pride erstmals die Regenbogenflagge gehisst wurde. Eine erschütternde Geschichte verbirgt sich hinter einer Station in den Sackville Gardens. Hier steht die Bronzeplastik einer Parkbank, auf der ein Mann sitzt, der einen Apfel in der Hand hält: Alan Mathison Turing. Turing war in den 1940er Jahren an der Entwicklung des ersten Computers beteiligt. Wegen seiner Homosexualität, die in England erst 1967 von der Liste der Geisteskrankheiten gestrichen wurde, verurteilte man ihn 1952 zu einer Hormontherapie. Eine Maßnahme, die ihn depressiv machte. 1954 fand man ihn tot in seiner Wohnung. Neben ihm lag ein angebissener Apfel, der vermutlich vergiftet war. Die genauen Umstände seines Todes wurden nie ganz geklärt. Auch derart bittere Anekdoten finden in den hedonistischen Wunderwelten von Manchesters Gay Village Platz. Mal wieder einer dieser Kontraste – die das eigentliche Attraktionspotenzial der Queer-as- Folk-Heimat sind.

INFO

www.visitmanchester.com
Offizielle Website des Tourismusamtes mit Veranstaltungskalender, Hotel-Listing und Stadtplan. Unter „What to do“ gibt’s eine Sektion über das schwule Manchester mit Top Five der besten Bars und der Gayfriendly Hotels.

ANREISE

Easy Jet fliegt täglich von München, Hamburg und Berlin-Schönefeld nonstop nach Manchester. Der One-Way-Flug kostet ab 31,50 Euro. Germanwings bietet Nonstop- Verbindungen ab Stuttgart, Hamburg und Köln/Bonn ab 33 Euro pro Strecke.
www.easyjet.com
www.germanwings.com

HOTELS

Abode Hotel (107 Piccadilly) Zimmer und Service halten, was der luxuriöse Eingangsbereich verspricht. Empfehlenswert ist auch das erstklassige Hotel-Restaurant, das zum Imperium des britischen Meisterkochs Michael Caines (Zwei Michelin- Sterne) gehört, www.abodemanchester.co.uk

Velvet Hotel (2 Canal Street) Hübsches Boutique-Hotel direkt auf der Canal Street mit gutem Service und gemütlichem Restaurant im Erdgeschoss, www.velvetmanchester.com

Macdonald Townhouse (101 Portland Street) Innenstadthotel mit viktorianischem Flair und Komfortzimmern im Boutique-Style, www.macdonaldhotels.co.uk

Hilton Manchester (Deansgate 303) Deansgate, Petersfield Wer nicht aufs Kleingeld achten muss, gönnt sich eine Nacht im höchsten Gebäude der Stadt. Das Hilton-Hotel belegt zwar nur die unteren 23 Etagen des 47 Stockwerke hohen Beetham Towers, bietet aber trotzdem gute Ausblicke, www.hilton.com

The REM Hotel (33 Sackville Street) Im Gebäude des Traditionspubs The Rembrandt befindet sich im Erdgeschoss die Kerle-Bar The REM und einen Stock darüber der Plüsch-Pub von Belinda Scandal. Der Rest bleibt für Hotelgäste. Die perfekte Bleibe im Herzen des Gay Village, www.rembar.co.uk

Alle Szeneadressen gibt es im SPARTACUS INTERNATIONAL GAY GUIDE und der Spartacus App!