Chueca kennt jeder. Das Homoviertel in Madrid ist nicht nur zur Pride Week Anfang Juli eine der Gegenden mit der größten Dichte gleichgeschlechtlich interessierter Männer weltweit. Höchstens in San Franciscos Castro gibt es auf so engem Raum derart viele Bars, Saunen und Clubs, in denen man sich als schwuler Mann vorzüglich vergnügen kann. Doch gleich nebenan, quasi nur über die Straße, liegt ein Viertel, um das bis vor Kurzem die meisten noch einen großen Bogen machten, das sich aber gerade zum neuen Trendkiez der spanischen Hauptstadtjugend entwickelt.

Malasaña nennen es die Madrilenen, und vor einigen Jahren war die Gegend noch ziemlich heruntergekommen, und Nutten und Dealer boten ihre Dienste denen an, die sich hierherwagten. Ein raues Pflaster. Es sind nur ein paar Straßenzüge, aber hier hatten zwei wichtige Revolutionen ihren Ursprung. 1808 wehrten sich die Madrilenen gegen die Besatzung Napoleons – der Plaza Dos de Mayo ist nach dem Aufstand vom 2. Mai benannt –, und in den 1980ern begann hier die Movida, die soziokulturelle Bewegung, die in der Dekade nach dem Tod von Diktator Franco 1975 von hier aus ganz Madrid aufmischte. Eine ihrer Leitfiguren ist heute der wichtigste Regisseur des Landes: Pedro Almodóvar. Damals trat er noch mit seinem Lover als Rock-Drag-Act auf, mit wilden Aktionen und Partys sorgte die Movida für kreative Unruhe und schlaflose Nächte.

Diese Mischung aus Aufbruchstimmung und Eigensinn ist auch heute wieder zu spüren. Weil die Mieten billig waren, zogen in den letzten Jahren Künstler und Kreative hierher, machten kleine Designläden und hippe Cafés auf, und plötzlich gilt die Ecke als die angesagteste Gegend der Stadt. Kern des Malasaña ist das sogenannte Triball oder „Triángulo de Ballesta“, ein Straßen-Triangel um die Calle Ballesta, die von der Gran Via und der Corredera Baja de San Pablo begrenzt ist und östlich mit der Calle Fuencarral an Chueca anschließt. Und wo man tagsüber von Graphic- T-Shirts über Sneakers bis Vintagemöbel so ziemlich alles findet, was den schwulen Kaufrausch stillt, und man sich danach auf den Terrassen des Plaza Dos de Mayo mit einem Wermut stärken kann, brummt nachts das queere Partyleben.

Und das heißt hier derzeit vor allem: Retro. Kaum eine Bar, kaum ein Club, der nicht irgendwie vintage ist. Wie das „Lolina“, ein mit 50er- und 60er-Jahre-Möbeln eingerichtetes Café, in dem es sich prima brunchen lässt. Ob Friseur, Klamottenladen oder Bar: Stilistisch regieren die Fifties und Sixties. Ganz postmodern dagegen die Sexualmoral. Es findet sich wohl außer in Berlin und Brooklyn derzeit kein Ort, an dem sich ein ähnlich buntes Völkchen sexueller Spielarten friedlich vereint. Und auch wenn das Dekor nicht so aussieht: Das ist die Zukunft! Einer der derzeit hippsten Läden ist das vor einem Jahr eröffnete „El Fabuloso“, ein 50er-Jahre-Trash-Traum auf zwei Etagen. Die Tapeten, Sofas, selbst die Leute hinterm Tresen, alles sieht aus, als hätten Almodóvar und John Waters zusammen einen Club für sich und ihre Freakclique aufgemacht.

Das Publikum: jung, hip, queer und enthemmt. Hier tanzt der Rockabilly mit seiner Süßen einträchtig neben den schwulen Indieboys, und alle feiern, als gäb’s kein Morgen. Toll! Nach einem Kurzaufenthalt im „Club Demode“, einem ehemaligen Bordell, in dem gut aussehende Menschen zu elektronischer Musik tanzen, ist die letzte Station dieser Nacht die Milchstraße. „La Via Lactea“ heißt der Laden, den es schon in den frühen 80ern gab, als sich hier Pedro Almodóvar und seine Truppe trafen, um gemeinsame Durchgeknalltheiten auszuhecken oder nach getaner Tat allerlei Substanzen einzunehmen.

Meist saßen sie im ersten Stock im mit schrillen Graffiti bemalten Separée, während unten die Szene feierte. Auch heute noch ist „La Via Lactea“ einer der lustigsten Schuppen des Viertels, vor allem zu vorgerückter Stunde, wenn die meisten anderen schon geschlossen haben und der feierwütige Rest der Partymeute zum Abstürzen hierherkommt. Und auch wenn es Pedro heute ruhiger mag, die Movida lebt weiter: In Malasaña endet die Nacht noch immer erst mit dem Morgengrauen.

INFO

www.turismomadrid.es
Website des Tourismusverbands mit Stadtplänen, Events und Tipps.

www.triballmadrid.com
Info-Website der Vereinigung, die sich für das Malasaña-Viertel einsetzt.

ANREISE

Die spanische Fluglinie Iberia fliegt täglich ab etwa 94 Euro von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und München nach Madrid, www.iberia.com
Vom Flughafen Barajas fährt eine Metro direkt ins Zentrum (Fahrzeit ca. 45 Minuten). Die Metrostationen in Malasaña sind Tribunal (L1, L10), Bilbao (L1, L4) und Noviciado (L4). Fahrpläne gibt’s auf der auch englischsprachigen Website, www.metromadrid.es

HOTEL

Im Viertel gibt es zahlreiche Pensionen und Ferienapartments, die zu den preiswertesten Übernachtungsmöglichkeiten der Stadt gehören.

Atrium Madrid (Valverde, 3) Die Zimmer dieses schwul geführten Hotels sind so herrlich bunt, dass man sich fast in einem Almodóvarfilm wähnt, www.atriummadrid.es

Hostal La Zona (Valverde, 7) Kleines, gemütliches Homohotel in einem schmucken Jugendstilgebäude. Besonders beliebt am Bärenwochenende, www.hostalpizzaro.eu

AUSGEHEN

Lolina Vintage Café (Espíritu Santo, 9) Trendiges Retrocafé im madrilenischen Vintagestil mit jungem, internationalem Publikum und hohem Homoanteil, www.lolinacafe.com

El Fabuloso (Estrella, 3) 50s Hipsterbar auf zwei Stockwerken mit polysexuellem Publikum, das zu Rockabilly und John-Waters-Soundtracks tanzt, während auf der Leinwand 60s-TV-Batman im Spandexanzug die Welt rettet. Fabulös!

Club Demode (Ballesta, 7) Wenn alles andere zumacht, geht man in diesen dekadent-queeren Wohnzimmer- Elektroclub in einem ehemaligen Bordell mit Ölschinken an dunkelroten Wänden. Nicht nur wegen der sexy Barkeeper, www.myspace.com/clubdemode

La Via Lactea (Velarde, 18) In den frühen 80er Jahren das zweite Wohnzimmer von Pedro Almodóvars Clique und heute unverändert einer der besten Absturzläden des Viertels, www.lavialactea.net

Odarko (Loreto y Chicote, 7) Schwuler Fetisch/Sexclub, der nicht nur zum Sexnotic-Wochenende im Dezember brummt. Täglich wechselnde Themenpartys, am besten Website checken wegen Dresscode, www.odarko.com

Alle Adressen im Spartacus International Gay Guide und der iPhone-App