Text: Dirk Baumgartl

Mit über 26 Millionen Besuchern pro Jahr ist Paris die meistbesuchte Stadt der Welt. Man müsste kein einziges Wort mehr darüber verlieren – alle sind schon mal hier gewesen, und wenn nicht, wissen sie trotzdem genau, was sie erwartet. Zu viele romantische Komödien aus Hollywood haben schon hier gespielt: Paris, Stadt der Liebe, Stadt der Künstler, Stadt der Intellektuellen und natürlich Stadt der Mode. Trotzdem oder genau deswegen hat Paris ein Image-Problem: Der Stadt haftet etwas Nostalgisches an, als wäre die französische Gesellschaft im vorigen Jahrhundert hängen geblieben.

Oder in dem davor. Für reisende Homos waren US-amerikanische Städte wie New York oder San Francisco immer wichtiger. Dort sind schwule Lebensstile entworfen worden. Seitdem globales Reisen so billig geworden ist, gibt es für die amerikanischen Metropolen Konkurrenz von Sydney, Kapstadt und Rio. Der schwule Lifestyle hat sich internationalisiert. Warum also mit dem Nachtzug nach Paris fahren, wenn man für etwas mehr Geld bis ans andere Ende der Welt kommt?

Und für ein Party-Wochenende sind Berlin, London und Barcelona die aufregenderen Städte in Europa – oder? Frankreich war einmal berühmt für seine schwulen Schriftsteller und Philosophen: Marcel Proust, Jean Genet, Michel Foucault. Aber die Zeiten, als in St.-Germain-des-Preis südlich der Seine Intellektuelle beim Absinth über Moral, Verbrechen und Sexualität diskutierten, sind lange vorbei. Heute sitzen hier Touristen neben Touristen. Man muss gar nicht vor die Tore der Stadt nach Eurodisney fahren. Paris selbst ist zum Disneyland geworden. Die Stadt ist fast unerträglich schön. Prächtige Fassaden ohne Ende, als würde man durch ein Freilichtmuseum laufen. Im Marais gibt es Architektur aus dem 16. und 17. Jahrhundert, kleinere Stadthäuser, nicht so majestätisch wie das von Baron Haussmann Ende des 19. Jahrhunderts entworfene Paris mit seinen großbürgerlichen Wohnhäusern und breiten Boulevards. Seit dem 18. und 19. Jahrhundert war hier das jüdische Getto der Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen die Schwulen hierher. Wer Glück hat, hat sich schon vor 20 Jahren eine Wohnung gekauft. Heute können nur noch die Superreichen hier wohnen. Überhaupt, innerhalb der eigentlichen Pariser Stadt mit ihren etwas mehr als zwei Millionen Einwohnern ist das Leben praktisch unbezahlbar.

Wie London und New York ist Paris eine Stadt, in der man nicht wirklich leben kann. Pariser aus den billigeren Außenbezirken, an denen man auf dem Weg vom Flughafen vorbeifährt, sind zu Besuch in ihrer eigenen Stadt, genauso wie die Touristen.

Man wird das Gefühl nicht los, in einer Filmkulisse gelandet zu sein. Die Straßen sind voller Menschen und das Getümmel ist aufregend wie in einem Darkroom. Je länger man sich durch die Menschenmassen schiebt, desto klarer wird: Das Versprechen von Abenteuer macht die Stadt immer noch verführerisch. Die Männer auch. Keine Macho-Brocken, sondern wohlerzogene Großstadtschwule. Bereits nachmittags trifft man sich im „Raidd“ zu Cocktails. Die Fenster sind offen, schon im Frühling ist es sommerlich hier.

Am Abend wird’s richtig heiß: Hinter Plexiglas gibt es zwei Duschen, unter denen die Go-go-Tänzer auftreten. Superidee: Die Gäste dürfen den Jungs beim Duschen zuschauen. Einer gibt schon am Nachmittag eine Sondervorstellung. Am frühen Abend, bevor es richtig losgeht, lohnt es sich, im „Tango“ vorbeizuschauen. Man kann auch gut seine lesbische Freundin oder die Mutti mitbringen. Hier werden Hits gespielt, die man aus dem Frankreichurlaub aus den 1980ern kennt („Chacun fait, fait, fait ce qu’il plait, plait, plait“, „Voyage, Voyage“). Die Stimmung ist ausgelassen wie in der Feriendisco. Aber eben eher so, als sei man mit der Familie unterwegs. Im „Bains Douches“ gibt es zwar keine öffentlichen Duschen, aber trotzdem zieht die Hälfte der Jungs hier ihre T-Shirts aus. Der größte Schwulenclub in Paris existiert seit über 30 Jahren und hat alle Veränderungen mitgemacht. Samstagabend brummt es. Unten wird House gespielt, oben R&B. Das Publikum ist gemischt: Jedes Alter, jede Hautfarbe und jedes Geschlecht. Die Atmosphäre ist kosmopolitisch und ein bisschen brav.

Im „Depot“ soll es dreckiger zugehen. Der Club für harte Jungs. Doch wenn man reinkommt, merkt man sofort: die Stimmung ist leider eher verklemmt als versaut. Die Hälfte der Besucher sieht so aus als sei sie verheiratet. Männer ab 40 haben sich in die Ecken verdrückt. „Bären sind der neue Trend“, erzählt ein französischer Kollege an der Bar. Das hilft aber auch nichts. Haben die Franzosen kein Talent für öffentlichen Sex? Das Forum Les Halles war vor 20 Jahren ein Vorzeigeprojekt, um die Pariser Innenstadt zu beleben. Heute ist das unterirdische Einkaufszentrum eher ein sozialer Brennpunkt. Arbeitslose Kids aus den Vorstädten hängen hier ab und machen Blödsinn. Gleich um die Ecke das „Louvre Gym“. Genauso gut und einfach wie die Idee mit den duschenden Go-go-Boys: im Erdgeschoss ein echter und gut ausgestatteter Fitnessraum (also nicht drei verstaubte Geräte zur Dekoration, wie man es sonst aus Saunen kennt), wo man sich beim Trainieren jemanden aussuchen kann, mit dem man hinterher im Keller entspannen möchte. Einige trainieren schon oben ohne. Im Untergeschoss dann eine echte Sexsauna, wo die frisch aufgepumpten Jungs verschwitzt rumlaufen. Das Louvre Gym macht mit der Sexfantasie ernst, die es bei jedem Gymbesuch gibt. Nur dass man hier nichts heimlich tun muss. Entspannte Atmosphäre, schön.

Vielleicht ist Paris tatsächlich eine Stadt für frisch verliebte Paare: Spaziergänge am Ufer der Seine, Museumsbesuche und in Straßencafés abhängen, abends in die Oper. Stadt der Liebe, nicht des Lasters. Aber wenn man einen Blick hinter die überstrapazierten Parisklischees geworfen hat, ist auch jenseits aller verklärenden Romantik klar: keine Liebe auf den ersten Blick, aber ein Metropolenflair, das ansteckend ist. Nach zwei Tagen möchte man nicht wieder weg, oder ganz schnell wieder hin. Also gut, dass Paris nicht so weit weg ist, dass man schnell mal für ein Wochenende hinkann. Zum Beispiel zum Gay Pride im Juni. 2007 lief der offen schwule Bürgermeister Jacques Delanoë in der ersten Reihe mit. Vielleicht ist Paris gar nicht verklemmter als Berlin. Nur zivilisierter.

INFO

http://de.parisinfo.com
Offizielle Homepage von Paris für Touristen mit Tipps für die schwule Szene.

www.franceguide.com/lgbt
Offizielle Seite von Frankreich mit Tipps für Schwule und Lesben.

ANREISE

Air France fliegt täglich ab zehn deutschen Städten nach Paris. Hin- und Rückflug kosten ab 89 Euro, www.airfrance.de

HOTELS

Keppler (10, rue Keppler) Luxuriöses Hotel mit geräumigen Zimmern und Suiten, zum Teil mit Balkon und Blick auf den Eiffelturm, www.keppler-paris-hotel.com

Central Marais (2, rue Ste Croix de la Bretonnerie) Schwules Hotel im Herzend des Marais, www.hotelcentralmarais.com

AUSGEHEN

Marais Das am rechten, nördlichen Seineufer gelegene Stadtviertel ist das Herz der schwulen Szene von Paris mit unzähligen Bars, Restaurants und Boutiquen, www.parismarais.com

Monjul (28. rue de blancs) Moderne französische Küche zu recht moderaten Preisen, www.monjul.com

Tango (11, rue Mairé) Sehr gemischter, lustiger Club mit Standardtanz und 70er-Jahre-Disco-Hits, www.boite-a-frissons.fr

Les Bain Douches (7, rue du Bourg-l’Abbe) Bar, Club und Restaurant. Klassiker seit 30 Jahren, größter Schwulenclub in Paris. Viele hübsche Jungs mit mehr oder weniger Muskeln, www.lesbainsdouches.net

Raidd (23, rue du Temple) Stylishe Bar mit duschenden Go-go-Tänzern hinter Plexiglas, www.raiddbar.com

Le Cox (15 rue des Archives), Beliebte Gay-Bar im Marais, www.coxbar.fr

Gym Louvre Sauna (7 bis, rue du Louvre) In der größten Gay-Sauna von Paris kann man auch tatsächlich auch seinen Körper trainieren, www.gymlouvre.com

Alle Adressen im Spartacus International Gay Guide und der iPhone-App