Rotterdam ist einfach männlich“ sagt Ruby Vrolijk. Die Stadt sei seit jeher von Fabrik- und Hafenarbeitern bestimmt. Umfragen haben ergeben, dass die Hafenmetropole für Frauen nicht wirklich attraktiv ist. Die Stadt hat zu viel Testosteron, was aus schwuler Sicht wohl eher ein Luxusproblem darstellt. „Die Leute sagen hier, dass in den Geschäften die Hemden schon mit hochgekrempelten Ärmeln verkauft werden“, erklärt Frau Vrolijk von Rotterdam Marketing das pragmatische Image der Stadt.

Hier wird nicht lange diskutiert, sondern zugepackt und effizient gearbeitet. Klingt nach untreuen Matrosen, verruchten Hafenbars und großen Überseedampfern. Zwar liegt Rotterdams Hafen an der Mündung der Maas und nicht am Atlantik und auch die schwule Szene ist überschaubar – dafür ist die Stadt Hollands Zentrum für moderne Kunst und Architektur. „Mit der Szene in Amsterdam können wir hier nicht konkurrieren“, findet Jeroen. Der 23-jährige Architekturstudent zog vor 15 Jahren aus dem Osten des Landes in die Hafenstadt. „Am Wochenende kann man in Amsterdam schwule Holländer an einer Hand abzählen. In Rotterdam dagegen sind die ganzen besoffenen Amerikaner und ordinären Wochenendbriten eher die Ausnahme. Für kein Geld der Welt würde ich nach Amsterdam zu ziehen“, fasst Jeroen die traditionelle Hassliebe zwischen den beiden Städten zusammen. „Ab und zu fahre ich natürlich schon mal hin, aber eigentlich finde ich Rotterdam viel besser.“ Die Männer in Amsterdam seien ihm einfach nicht männlich genug. Die schwule Infrastruktur Rotterdams ist übersichtlich, dafür aber umso gemütlicher. „Das Café Regenboog ist hier in Rotterdam eine Institution“, sagt Jeroen.

Plüschiger Tuntenbarock, holländische „kerels” und gute Stimmung sind garantiert. „Mit ein bisschen Glück bekommen wir heute noch unsere Version von ‚Ein Lied kann eine Brücke sein’ zu hören“, kündigt er an, denn der holländische Schlager habe eine Menge zu bieten. Sehr viel hipper geht es ein paar Straßen weiter im Gay Palace zu, Rotterdams einziger schwuler Großdisko. Der Club, im Volksmund Glij Paleis („Gleitpalast”) genannt, ist nach einigen Konzessionsschwierigkeiten mit der Stadtverwaltung nun wieder geöffnet und erinnert vom Ambiente und Publikum her entfernt an das Babylon aus Queer as Folk.

Während sich Amsterdam seit langem immer mehr zu einem Tagesziel mit billigen Sexshows und Plastikklompen entwickelt hat, sind in Rotterdam Touristen eher die Ausnahme. Trotzdem ist die Stadt genauso international: 49 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund, 128 Nationalitäten sind bei der Stadtverwaltung registriert. Ein Großteil von ihnen stammt aus den ehemaligen Kolonien des Königreichs. Nachdem Königin Juliana das nördlich von Brasilien gelegene Surinam vor 34 Jahren in die Unabhängigkeit entließ, machte sich ein Drittel der Bevölkerung ins Mutterland auf. Viele von ihnen kamen im Hafen von Rotterdam an, blieben und drückten vor allem der Esskultur an der Maas ihren Stempel auf.

„Surinamse broodjes sind nirgendwo im Land so lecker“, schwärmt Jeroen. Fast an jeder Ecke bekommt man die watteweichen holländischen Brötchen mit „bakkeljauw“ (leicht scharfer Stockfisch) oder „pom“ (eine Mischung aus Huhn und Süßkartoffel) serviert. Im Cong’s Corner, einer kleinen Snackbar, gibt es den Blick auf die belebte Witte de Withstraat, Rotterdams Kunstmeile, gratis dazu. Rotterdam bietet vor allem moderne Kunst. Neben renommierten Museen wie dem Boijmans Van Beuningen oder der Kunsthal mit ihren exzellenten Sammlungen und Ausstellungen gibt es auch unkonventionellere Projekte wie beispielsweise die Galerie de Kooning, die ausschließlich Arbeiten von Studenten der gleichnamigen Kunstakademie zeigt und verkauft. „Rotterdam ist eine der ungewöhnlichsten Städte Europas. Eben keine riesige Metropole, aber sehr spannend“, findet Jeroen. Von einem Deutschen auf die Vergangenheit angesprochen zu werden, ist ihm sichtlich unangenehm, denn die Innenstadt wurde 1940 im deutschen Bombenhagel so gut wie vollständig dem Erdboden gleichgemacht. „Die Stadt hat nach dem Krieg die Chance genutzt und sich einfach neu erfunden“, fasst er diplomatisch zusammen.

Eine kubistische Häuserzeile, ein Krankenhaus, das wie ein Kühlschrank aussieht oder ein riesiger Fernsehturm – es gab nichts, was zu modern war. Momentanes architektonisches Highlight ist sicherlich der Kop van Zuid, eine Halbinsel auf der anderen Seite der Maas. Schon der Weg dorthin über das Wahrzeichen der Stadt, die strahlendweiße Erasmus-Brücke in Form eines stilisierten Schwans, ist ein Erlebnis. Seit Architekten wie Renzo Piano und Norman Foster den Wilhelmina-Pier als Spielwiese entdeckt haben, fahren auch die echten Rotterdammer mal auf die andere Seite des Flusses. „Normalerweise bleibt man lieber unter sich“, gibt Jeroen zu. „Aber von hier hat man eigentlich den schönsten Blick auf die Stadt und bekommt – für uns Holländer immer sehr wichtig – een kopje koffie met appeltaart.“

Die Panoramaterrasse des Café Rotterdam bietet im typisch niederländischen No-Nonsens-Ambiente neben Apfelkuchen handfeste Fusion-Küche mit mediterranem Schwerpunkt. Wer es ein bisschen elitärer und regionaler mag, der findet ein paar Meter weiter das größte Fischrestaurant der Niederlande, das Las Palmas, das der niederländische TV-Küchenbulle Herman den Blijker betreibt.

Ob man zum Lunch reserviert hat, über Nacht bleibt oder einfach nur mal gucken kommt – das Hotel New York an der Spitze der Insel sollte man gesehen haben. Hier lässt sich die frühere Stellung Rotterdams als Tor zur Neuen Welt noch spüren. Das gediegen eingerichtete Hotel und das etwas zu lebhafte Restaurant befinden sich im Hauptquartier der Holland-Amerika- Lijn, in dem bis nach dem Krieg die Auswanderer auf ihre Ausreise in die Staaten warteten. Heute schippert man nach dem Restaurantbesuch einfach mit dem Wassertaxi hinüber in eine der zahlreichen Kneipen der Innenstadt.

(Erschienen in Spartacus Traveler 03/2009)

INFO

www.vvvrotterdam.nl

Offizielle Homepage des Tourismusbüros.

ANREISE

Aus dem Westen am besten mit der Bahn, beispielsweise von Köln aus für 80 Euro. Mit dem Europa-Spezial für 39 Euro lohnt auch der Umweg über Amsterdam. Wenn das Kontigent bei der Bahn ausgebucht ist, einfach bei den niederländischen Kollegen versuchen, www.bahn.de

Vom Amsterdamer Flughafen Schiphol ist man per Bahn in knapp 45 Minuten in Rotterdam. KLM fliegt ab zehn deutschen Flughäfen (u.a. ab Berlin, Hamburg, Köln/ Bonn, München, Nürnberg, Stuttgart) mehrmals täglich nach Amsterdam Schiphol. Hin- und Rückflug kosten ab 89 Euro, www.klm.de

HOTELS

Stroom (Lloydstraat 1) Hippes Designhotel in einem alten Umspannwerk in Hafennähe, www.stroomrotterdam.nl

Hotel New York (Koniginnenhoofd 1) Hotel und Restaurant im alten Hauptgebäude der Holland-Amerika-Lijn sind eine Institution, www.hotelnewyork.nl

SS Rotterdam (3de Katendrechtse Hoofd 25) Wohnen auf einem 228 langen Überseedampfer im Ruhestand, www.derotterdam.com

Alle weiteren Adressen gibt es im Spartacus International Gay Guide und der iPhone-App.