Um Mitternacht ist es drinnen genauso heiß wie draußen. Die Sportswear- Party „BeefyJerky“ ist schon komplett überfüllt. Die meisten Jungs haben ihre T-Shirts längst ausgezogen. Ihre Körper kann man auf der Tanzfläche nur schemenhaft erkennen. Nicht nur der Darkroom ist hier schwach beleuchtet, der ganze Laden liegt beinahe im Dunkeln. Im Darkroom selber sind die Jungs dann eher unbeholfen und benutzen ihre Handys als Taschenlampen, um schnell wieder den Weg zum Ausgang zu finden. Als müssten sie noch lernen, wie man sich hier verhält oder wie man überhaupt eine Fetisch-Party feiert. „Die Typen hier haben von Fetisch keine Ahnung“ sagt Partyveranstalter Tomas, „ich bringe es ihnen bei. Boots, Leder, alles. Es ist harte Arbeit.“ Tagsüber arbeitet der heftig tätowierte Bärtyp als Make-up-Artist mit Models beim Fotoshoot, abends macht er sein eigenes Ding und veranstaltet unterschiedliche Fetischpartys, Sport, Leder, das ganze Programm. Seine Partyreihe heißt „Beef“. Inspiration für seine Partys, die anders als sonst in Tel Aviv auch Gelegenheit für Sex bieten, holte er sich aus London und Berlin. „‚Beef Jerky‘ ist für maskuline Männer, für ältere Männer, für behaarte Männer“, erklärt er, „und nicht für die Modeschwulen, die hier in der Mehrheit sind“.

Tomas ist froh, dass Tel Aviv dabei ist, auch für Bären und Fetischtypen interessant zu werden, und dass die Marke „Tel Aviv“ nicht mehr nur für Speedo-Badehosen und Strand steht, erklärt er nach einem verstrahlten Wochenende bei einem Orangensaft in der „Evita-Bar“. Die Evita-Bar liegt in einer unbelebten Seitenstraße der Flaniermeile Rothschild-Boulevard. Sie ist der Klassiker unter den Schwulenbars, Fetischjungs und Bären sind hier eher in der Minderheit. Ins Evita kommen einfach alle. Und jeden Abend gibt es ein anderes Motto, Sonntagabend ist Grand-Prix- Nacht. Die Playback-Dancegruppe „Euro Flash“ tritt auf: Bewegliche junge Männer um die 20 hüpfen auf der Bühne zusammen mit ihren dickenFreundinnen zu Grand-Prix-Hymnen. Sie beherrschen alle Choreografien der letzten Jahre – von Aserbaidschan bis zu den Teilnehmern des israelischen Vorentscheids. Lenas „Satellite“ wird natürlich auch gezeigt. Und der Klassiker „Dschinghis Khan“, mit dem Deutschland 1979 beim Grand Prix in Jerusalem Vierter wurde, darf auch nicht fehlen. Die Gäste gröhlen hysterisch mit. Es ist nicht ganz klar, ob auf Deutsch, Hebräisch oder Englisch. Ist ja auch egal, auf jeden Fall ist kaum vorstellbar, dass irgendein Publikum eurovisionsbegeisterter ist als die Israelis.

Zum Beispiel Daniel und Haim. Die beiden Jungs Anfang 20 sind beste Freunde und kommen jeden Sonntag hierher. „Am Anfang war es mir ein bisschen peinlich“, gibt Daniel zu und kichert. Jetzt liegen sich die beiden zu „Molitva“, dem serbischen Siegertitel von 2007, glücklich in den Armen. „Beef Jerky“ und die Eurovisions-Party im Evita – Fetisch-Partys und schwule Camp Veranstaltungen – das sind die beiden Extreme der Partyszene in Tel Aviv. Aber dazwischen hat die Szene noch Einiges zu bieten: Großveranstaltungen wie die „Big Boys“ zum Beispiel. Hier treffen sich wöchentlich am Donnerstag Schwule ab 30 zu Themenabenden wie „Beach“. Bunte Lightshow und angehäufter Kunstsand in den Ecken. In den Cocktails stecken kleine bunte Papiersonnenschirme. Einige Gäste kommen in Badeshorts. Die Atmosphäre ist eher freundlich als cruisy, und die nicht mehr ganz, ganz jungen Männer kommen meistens mit ihren Partnern und Freunden hierher, um gemeinsam bei Madonna- und Kylie-Hits eine gute Zeit zu haben. Entspannt und freundlich ist die Atmosphäre. Man könnte ohne Probleme auch seine Nichten oder Kinder mit hierherbringen.

Auf den „FFF“ Partys im „Ha’Oman 17“ geht es nicht ganz so familienfreundlich zu. Wenn Evita der Klassiker der Barszene ist, dann sind die FFFPartys der Klassiker der Partyszene in Tel Aviv. Muskelschwuchteln oben auf der Bühne und unten auf der Tanzfläche. Die hübschen Jungs feiern ausdauernd und heftig. Veranstaltet werden die legendären Partyevents von Shirazi, der hier so etwas wie eine Partylegende ist. Alle kennen ihn, alle mögen ihn. Denn Shirazi hat das schwule Nachtleben in Tel Aviv quasi erfunden. Er ist selber gestylt wie ein ewig jung gebliebener Partyboy: eine bunte Schirmmütze, wegen der man nicht weiß, ob er eine Glatze hat oder bloß kurz geschorene Haare, dazu G-Star-Klamotten. Doch die rauchige Stimme verrät, dass er schon ein paar Runden mitgefeiert hat.

Damals, Anfang der 1990er, ging es los. In Tel Aviv traute sich noch niemand schwul auszugehen, in einen großen Club, mit viel Publikum, wo man andere sah und gesehen wurde. „Wir haben den ersten Laden mitten in der Stadt eröffnet, in einem Gebäude, in dem vorher ein Kino war“, sagt Shirazi. „Und alle sind gekommen. Im Keller waren die Lesben, im ersten Stock nur Kerle und dazwischen war es gemischt.“ Nach Jahrzehnten der Unterdrückung in einem religiös geprägten Land war Tel Avivs schwule Szene schließlich über Nacht geboren: jung, sexy und sehr wild darauf zu feiern. Die 1990er wurden somit zum Partyjahrzehnt. Richtig verrückt wurde es, als die Transsexuelle Dana International 1998 Israel auch noch beim Grand Prix vertrat und gewann. „Mein Vater hatte Angst, dass jetzt die ganze Welt denkt, Israel besteht nur aus Transen“, sagt Shirazi. Doch für die schwule Szene war es ein Triumph. Als hätten alle Schwulen, Lesben und Transen des Landes selber mit auf der Bühne gestanden. Nach diesem Abend wollten sie sich nie wieder verstecken und sind heute aus dem Stadtbild Tel Avivs nicht mehr wegzudenken.

Doch dann begann im Jahr 2000 die zweite Intifada – der erklärte Kampf der Palästinenser gegen die Israelis – mit Autobomben und Selbstmordattentätern. An jeder Ecke der Stadt lauerte die Gefahr. Es wurde stiller in der Partymetropole Tel Aviv. „Wir haben damals zu Channukah, einem jüdischen Feiertag, eine Party gemacht. Doch dann ging in der Nacht die Schießerei los. Wir fingen an zu tanzen und versuchten alles zu vergessen“, erinnert sich der Partyroducer. Heute, fünf Jahre nach dem Ende der zweiten Inifada und vier Jahre nach dem Libanon- Krieg, hat die Stadt zu ihrer alten Partymentalität zurückgefunden. Zwar sind die Konflikte in Ost-Jerusalem, Westbank und Gazastreifen keineswegs gelöst, aber „die Palästinenser sind weit weg von hier“ sagt Shirazi und lacht zynisch – oder vielleicht sogar ein bisschen verzweifelt?

Dass Israel ein Land mit vielen Problemen ist, kann man sich kaum vorstellen, wenn man durch die Bars und Clubs von Tel Aviv streift. Die Homos hier sind jung und feierwütig. Man merkt ihnen an, wie sehr sie ihre Freiheit genießen, die es noch nicht so lange gibt und von der auch keiner sagen kann, wie lange sie andauert. Aber solche Gedanken verfliegen leicht, wenn man an einem warmen Abend die Strandpromenade entlangschlendert, auf dem Weg zu „Cheech Beach“, der schwulen Strandbar mit den schönsten Kellnern der Stadt. Der ideale Ort, um eine Kneipen- und Clubtour zu starten. Schon beginnt wieder die Aufregung, über die bevorstehenden Abenteuer, in dieser Nacht in Tel Aviv.

INFO

www.visit-tlv.com
Offizielle Homepage des Tourimusamtes mit Infos zu Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Shopping etc.

www.telavivgayvibe.com
Tipps und Informationen rund um die schwule Szene.

ANREISE

Lufthansa fliegt täglich vier Mal ab Frankfurt und fünf Mal in der Woche ab München nonstop nach Tel Aviv. Hin- und Rückflug kosten ab 570 Euro – auf Sonderangebote der Website achten, www.lufthansa.com

Tel Aviv ist von der Größe überschaubar, ein gutes Nahverkehrssystem mit Bussen und Kleinbussen macht das Herumkommen einfach.

HOTELS

ART + Hotel (Ben Yehuda 35) Sehr charmantes, kleines Designhotel mit von verschiedenen Künstlern individuell gestalteten Zimmern. Nur fünf Minuten bis zum Strand, www.atlashotels.co.il

Hilton (Independence Park) Direkt am Gay Beach gelegenes, großes Hotel der Hilton-Gruppe, www.hilton.de/telaviv

Pink House TLV (17 Raban Gamliel) Das einzige schwule Guest House im Zentrum von Tel Aviv ist in der Nähe von Strand und Szene, www.pinkhousetlv.com

AUSGEHEN

Mul-Yam (Hangar 24) Das am Hafen gelegene Restaurant gehört zu den besten des Landes und ist spezialistiert auf Fisch und Meeresfrüchte, www.mulyam.com

Assif (18 Lilinblum) Mediterrane Küche und attraktive Kellner.

Evita (Yavne 31) Die geräumige, sehr gemischte und freundliche Bar mit Restaurant und großer Terrasse ist in einer Seitenstraße der Flaniermeile Rothschild-Boulevard gelegen. Der ideale Ausgangspunkt für eine Tour durchs Nachtleben. Themenabenden wie Eurovision Night (sonntags).

Cheech Beach (145 Hayarkon) Sensationelle Strandbar mit den schönsten Barmännern der Stadt – Samstags besonders schwul.

Beef by Thomas (Hamagger 58) Donnerstags ab 23 Uhr der Fetisch-Treffpunkt in Tel Aviv, auch Veranstalter von Fetisch-Themen-Partys wie der Sport-Party „Beef Jerky“.

FFF (Ha’oman 17) Jeden zweiten Freitag ab 24 Uhr startet hier die schwule Megaparty mit dröhnenden Bässen, schönen Männern und schönem Garten.

Alle weiteren Adressen gibt es im Spartacus International Gay Guide und der iPhone App