Was war eigentlich, bevor das verführerische Rauschen des schwulen Partylebens uns hinaus in die Großstädte trieb? Bevor wir bei hochprozentigen Drinks und flackerndem Discolicht Ausschau nach schönen Männern hielten? Bevor wir in halbdunklen Parks den schnellen Sex suchten? Bevor der Einkauf von Kondomen und Gleitgel zur Routine wurde? Und bevor das Internet uns nächtelang in seinem blauschwarz flimmernden Garten der Lüste gefangen hielt? Tja, was war da eigentlich? Die Kindheit wahrscheinlich. Und mit ihr die Bücher, die Träume von verwunschenen Welten und abenteuerlichen Reisen weckten. Man wollte mit Münchhausen auf der Kanonenkugel fliegen, mit Pippi Langstrumpf nach Taka-Tuka-Land reisen oder mit Sindbad in orientalische Zauberwelten eintauchen. Man wollte Pirat sein oder Eroberer, vielleicht auch Prinzessin oder Scheherazade, in jedem Fall aber wollte man weit weg. An die See, in den Orient, in die Ferne. In der Regel hat das nicht geklappt. Also hat man das nächste Buch zur Hand genommen. Und das nächste. Bis irgendwann die Pubertät kam und man plötzlich andere Sorgen hatte, als sich in fernwehmütigen Fantastereien zu ergehen. Nun war da der gar nicht mehr allzu geheimnisvolle Zauber der Homosexualität, mit dem man erst mal zurande kommen musste. Na, und dann kamen eben die Männer. Und die Drinks. Und die Schwänze und das Internet. Irgendwann kamen auch die Reisen dazu, auf denen man allerdings auch dem verführerischen Rauschen des schwulen Partylebens hinterherjagte. Vor allem, wenn sie nach Tel Aviv führten.

All diese einleitenden Worte sind nötig, um den Reiz jenes Ortes in vollem Ausmaß beschreiben zu können. Denn es ist nun mal schwer, sich von lieb gewonnenen Gewohnheiten zu lösen. Und vor allem ist es schwer, den modernen Verlockungen des Party- und Strandlebens von Tel Aviv den Rücken zu kehren, um einen Ausflug zu den Ursprüngen kindlicher Träumereien zu unternehmen. Dabei muss das in der israelischen Metropole gar nicht lange dauern. Eine Dreiviertelstunde Fußmarsch oder eine Viertelstunde mit Taxi oder Bus vom schwulen Hilton Beach entfernt wartet die fast vergessene Abenteuerlust ferner Kindertage darauf, zu neuem Leben erweckt zu werden. In Jaffa, jener sagenumwobenen Hafenstadt, die schon in der Bibel unter dem Namen Joppe auftaucht. Hier herrschten Kalifen und Sultane, hier machten Kreuzfahrer und Pilger halt, und auch Napoleon hinterließ hier seine blutigen Fußspuren. Die Stadt ist in den letzten 4000 Jahren so oft erobert und zurückerobert worden, dass man ganz schwindlig wird, wenn man ihre Geschichte auf einer Zeitleiste studiert. Am besten man lässt es bleiben und gibt sich einfach dem orientalischen Charme des geschichtsumwitterten Ortes hin.

Im Gegensatz zum modernen Tel Aviv sind die meisten Gebäude hier mehrere hundert Jahre alt und zeigen eine arabische Prägung. In den letzten Jahren wurde das Areal sorgsam renoviert. Museen, Restaurants und Klamottenläden sind in die soliden Gewölbebauten eingezogen. Auch der Hafen wird heute nur noch von Sportfischern und Segelbooten angesteuert. Dennoch kann man sich noch immer vorstellen, wie die Seeleute und Weltenbummler der Vergangenheit hier an Land gingen und auf der Suche nach Vergnügen oder Unterkünften durch die schmalen Gassen und Treppengänge zogen. Irgendwie scheint der Staub alter Geschichten und Abenteuer hier noch immer in den Mauern zu hängen.

Der 33-jährige Shai, der in Tel Aviv wohnt, in Jaffa aber immer mal wieder eine Auszeit vom Trubel der Großstadt nimmt, hat die Entwicklung des Viertels in den letzten Jahren mitverfolgt. Er kennt noch das etwas heruntergekommene, sich selbst überlassene Jaffa von vor zehn Jahren. „Ende der Neunziger fand hier, in einem Kellerclub am Marktplatz, die erste schwule Party Tel Avivs statt. ‚Sweet’n low‘ hieß die, wie der Süßstoff, und ich habe sehr gute Erinnerungen daran. Tanzen, Leute kennenlernen, im Morgengrauen runter zum Hafen und ein bisschen Spaß haben. War eine tolle Zeit.

Den Club gibt es allerdings schon lange nicht mehr. Da ist heute eine Galerie drin.“ Doch auch dem Sanierungstrend gewinnt Shai seinen Reiz ab. Voller Begeisterung streunt er durch die engen Straßen. Sie sind nach Sternzeichen benannt und wurden von ansässigen Künstlern mit hübschen Kacheln beschildert. auf der „Wish Bridge“ hält Shai inne. Nicht nur weil man von hier aus das Meer sehen kann, sondern auch, um auf die zwölf Tafeln am Geländer der Brücke hinzuweisen. Jede zeigt ein anderes Tierkreissymbol.

„Wenn man die Platte mit dem eigenen Sternzeichen berührt und sich etwas wünscht, geht es in Erfüllung“, flüstert er und bleibt vor der Tafel mit dem Krebs stehen. Er legt die Hand darauf, schließt kurz die Augen und lacht dann: „Okay, fertig.“ Ohne seinen Wunsch zu verraten, eilt er weiter. An einem romantischen Amphitheaterhügel vorbei, auf dem Paare und Grüppchen im Licht der späten Nachmittagssonne picknicken, hinunter in eine sandige Senke, in deren Mitte ein mächtiger Obelisk aufragt. Doch der antike Pylon ist nicht das eigentlich Spannende an dieser Stelle. Das sind die Erdhügel, die ihn umgeben. In ihnen stecken Scherben aus mehreren Jahrhunderten menschlicher Zivilisation. Man muss nicht mal lange graben, um fündig zu werden. ein bisschen an der brüchigen Erdwand kratzen genügt, schon plumpst einem ein leicht gebogenes Stück gebrannter Ton entgegen, das vielleicht mal zu einem Krug gehörte. Oder zu einer Schale, oder zu einer Amphore. Entdeckerherzen schlagen an diesem Ort höher, Hobbyarchäologen werden sich kaum losreißen können. Doch es geht weiter. Zum alten Glockenturm, dem Wahrzeichen des Viertels, und auf den Hapishpeshim-Flohmarkt.

Der rührige Basar wirkt wie ein Sammelbecken, in dem das Treibgut aus Jaffas reicher Historie angespült wurde. Vom Grammofon bis zum High-Tech-Scheinwerfer findet man hier alles. Doch Shai treibt es weiter. Er will noch den schwebenden Baum zeigen (ein wirklich beeindruckendes Stück Kunst im öffentlichen Raum), und das Stammhaus der international gefeierten Artistentruppe „Mayumana“ (eines der wenigen modernen Gebäude in Jaffa) . Und dann ist da das Anwesen der Künstlerin Ilana Goor, das in den Räumen einer ehemaligen jüdischen Pilgerherberge untergebracht ist und halb Museum, halb Privathaushalt ist. Hier schlendert der Besucher nicht nur an Goors ausladenden Kunstwerken entlang, sondern auch durch ihre Küche und über ihre Terrasse, von der aus sich eine neue berückende Perspektive auf Stadt und Meer eröffnet.

Manchmal finden hier am Abend Lesungen oder Dinnerpartys statt. Heute nicht. Aber Shai hat für 21 Uhr sowieso einen Tisch im „Cordelia“ bestellt. „In Israel isst man normalerweise um diese Zeit zu Abend.

Um halb zehn sind die meisten Restaurants dann gerammelt voll“, erklärt er und biegt von der Hauptstraße in einen unscheinbaren, etwas verwitterten Torbogen ein. Kurz darauf hält er die Tür zum „Cordelia“ auf – ein fast schon barock anmutender Genusstempel mit Gewölbedecken, Kronleuchtern, Blumenarrangements, fantastischem Essen und einem schwulen Chef namens Nir Zook. Das Restaurant ist wie Jaffa selbst. elegant, historisch, inspirierend. Münchhausen hätte es hier sicher gefallen. Pippi auch. Und Sindbad sowieso. Ein später Sieg, es vor ihnen hierher geschafft zu haben. Und übrigens: Das Partyleben fängt am Wochenende auch in Jaffa an zu rauschen. Dann geht im „Theatre Club“ die schwule Post ab. Traumhaft.

INFO

www.goisrael.de
Homepage des israelischen Fremdenverkehrsbüros mit nützlichen Reisetipps sowie Bildergalerien und kompakten Infos zu Sehenswürdigkeiten und Unterkünften (vom Luxushotel bis zum Kibbuz-Gasthaus.

www.visit-tlv.com
Umfassende Info-Website zu Attraktionen, Touren, Nightlife, Gastronomie und „Beach Fun“ in Tel Aviv-Jaffa.

www.telavivgayvibe.com
Tipps und Informationen rund um die schwule Szene sowie Terminkalender.

ANREISE

Lufthansa fliegt täglich vier mal ab Frankfurt, fünf mal in der Woche ab München und ab Sommer auch ab Berlin nonstop nach Tel Aviv. Hin- und Rückflug kosten ab 580 Euro – auf Sonderangebote der Website achten.
www.lufthansa.com

HOTELS

Alle Szeneinfos für Tel Aviv finden sich im Spartacus International Gay Guide und der iPhone App.