In Hongkong, das in seiner heutigen Form vor allem von den britischen Besatzern nach den Opiumkriegen erbaut wurde und mittlerweile wieder unter chinesischer Kontrolle steht, trifft Ost auf West, Alt auf Neu, fremdartig Exotisches auf Wohlvertrautes. Ähnliche Gegensätze gelten für die Schwulenszene in Hongkong, die von einem Augenblick zum nächsten von überschwänglicher Präsenz zum scheinbaren Nichtvorhandensein wechseln kann.

Ist von Hongkong die Rede, ist meistens Hong Kong Island und vor allem der Bezirk mit dem schlichten Namen Central gemeint. Diese Gegend entspricht dem Bild, das die meisten Menschen von Hongkong haben: der Victoria Harbour umringt von stählernen Wolkenkratzern, in denen Finanzfirmen sitzen, oder die berühmte Fähre Star Ferry an der gleichnamigen Anlegestelle, die für einen Apfel und ein Ei die Passagiere nach Kowloon auf der anderen Seite und wieder zurück bringt und eine günstigere und touristischere Alternative zur schnelleren MTR, der U-Bahn von Hongkong, bietet.

Die schimmernden Gebäude aus Stahl und Glas wie etwa das HSBC Main Building und der gewaltige Turm der Bank of China mögen zwar das neue Hongkong repräsentieren, doch zum Glück sind nicht alle Bauten aus der Kolonialzeit verschwunden. Einer der schönsten ist das Old Dairy Farm Depot am oberen Ende der Ice House Street; darin befinden sich der Club der Auslandskorrespondenten und der künstlerische Fringe Club mit Ausstellungen, Theaterraum und einer Café-Bar, die ein gemischtes Publikum anzieht.

Es dürfte wenig überraschen, dass Central und vor allem die Gegend um die Hollywood Road auch das schwul-lesbische Viertel der Stadt beherbergen – wer nach einem durch und durch schwulen Urlaub sucht, ist hier richtig. Bevorzugt man ein ebenso hippes Klientel wie das im Fringe Club, ohne aber dauernd auf seinen Gaydar vertrauen zu müssen, sollte es mal in der eleganten Schwulenbar Psychic Jack in der Wyndham Street probieren. Nach einem langen Tag im Büro schlürfen hier perfekt gestylte schwule Geschäftsmänner ihren Roséwein oder Champagner. Auch wenn es etwas merkwürdig erscheinen mag, ausgerechnet mit der Beschreibung einer schwulen After-Work-Bar zu starten: Solche Lokale sind typisch Hongkong. Eine der wenigen aktiven Schwulenorganisationen der Stadt, „Fruits in Suits“, setzt sich aus schwulen Geschäftsmännern zusammen, die monatliche Treffen durchführen, bei denen es manchmal auch um Geschäfte geht.

Kulturunterschiede

Aufgrund der Dominanz der Familie in der chinesischen Kultur sind schwule Männer jenseits von Central nicht sehr sichtbar. In Central wohnen die Besserverdienenden, und Geld schafft Unabhängigkeit. Es verwundert nicht, dass sich hier einige der größten Schwulentreffs befinden, etwa die Discos Volume und Propaganda (beide in der Hollywood Road), in denen es erst nach ein Uhr morgens so richtig losgeht. Das Propaganda lässt sich hinsichtlich Gestaltung, Lärmpegel und Publikum mit einem mittelgroßen Berliner Club vergleichen; das Volume hingegen ist eher intim gehalten, auch wenn es auf der Tanzfläche durchaus wild zugehen kann. In beiden Clubs legen DJs aus aller Welt auf und finden Sonderveranstaltungen und Partys statt.

Soho ist das Entertainment-Viertel von Central, hier gibt es reihenweise Bars, Restaurants und Discos. Da der Bezirk auf einem Hügel liegt, fallen vor allem die vielen Rolltreppen auf, mit denen man den Hügel hinauffahren kann und die an jeder Parallelstraße halten. Die Staunton Street und die Elgin Street sind voll mit Restaurants. Rein schwule Esslokale sind eher eine Seltenheit, aber die Schwulen in Hongkong folgen beim Ausgehen oft ziemlich festen Strukturen: Der Abend wird an einem bestimmten Ort begonnen, ehe man zu den nächsten Locations weiterzieht – andererseits neigen sie wie alle Trendsetter zur Wechselhaftigkeit. Es empfiehlt sich, in den Schwulenbars nach dem angesagtesten neuen Restaurant der Stadt zu fragen – die Einheimischen geben liebend gern Auskunft, wenn sie einen nicht gleich dorthin mitnehmen.

Das deutet schon an, dass ein großer Teil der hiesigen Schwulenszene auf Mundpropaganda beruht. Interessant dabei ist, dass die schwule Szene in Hongkong für eine Stadt mit sieben Millionen Einwohnern auf Außenstehende recht klein wirkt. In sexueller Hinsicht ist jedoch das Gegenteil der Fall. Viele Schwule, die bei ihrer Familie oder auf der Arbeit nicht geoutet sind, treffen sich in den zahllosen Saunen und Massagesalons in der ganzen Stadt. Wie die Restaurants tauchen viele dieser Orte quasi über Nacht auf und verschwinden ebenso schnell wieder, also sollte man seinen Mut zusammennehmen und jemanden danach fragen oder aber die Anzeigen im monatlich erscheinenden „Q Guide“ studieren, der auch Coupons enthält – extra für Touristen!

Rübermachen

Eine Hongkong-Reise ohne einen Abstecher nach Kowloon – undenkbar. Dabei handelt es sich in vielerlei Hinsicht um eine Fortsetzung der Stadt auf dem Festland auf der anderen Seite des Victoria Harbour. Das Viertel Tsim Sha Tsui mit seinen zahllosen Einkaufspassagen (unter anderen iSquare und Silvercord, Letzteres eine tolle Adresse für lokale Modehändler und die üblichen internationalen Ketten) zieht die meisten Touristen an. In Kowloon finden sich auch einige der besten und größten Freiluftmärkte Hongkongs, tagsüber in Mong Kok und nach Anbruch der Dunkelheit in Yau Ma Tei. Zwar gibt es außerhalb von Central nur wenige Schwulenbars, aber dafür befindet sich die älteste der Stadt in Kowloon. Das Waltzing Matilda gab es schon in den Fünfzigern, und auch wenn es seitdem umgezogen und in New Wally Matt Lounge umbenannt worden ist, bietet das Lokal wie zu seinen Blütezeiten immer noch eine anständige Mischung aus Einheimischen und Ausländern, die sich hier treffen und bei einem Bierchen plaudern (wildes Tanzvergnügen gibt es hier allerdings nicht).

Trotz des allgemeinen Bildes von Hongkong als einer sich endlos ausdehnenden Großstadt müssen all jene, die nach einer durchfeierten Nacht mal einen ruhigen Tag am Strand oder in einem Wald verbringen möchten, nicht weit suchen. Auf Hong Kong Island ist der Victoria Peak ein berühmtes Ausflugsziel, aber wenn einem der Sinn mehr nach Natur und schöner Aussicht ohne allzu viele Touristen steht, sollte man es am anderen Ende der Insel versuchen. Vor allem das Gebiet um Stanley ist einen Besuch wert mit seinen wunderschönen Stränden, Kolonialbauten, alten Tempeln und einem Markt mit authentischen Souvenirs, die alle gut erreichbar sind. Es gibt zwei makellose Strände mit den obligatorischen Sicherheitsnetzen, um die Schwimmer vor Haien zu schützen, doch die verwandeln sich in heißen Sommern und an öffentlichen Feiertagen in Familienstrände mit Grillpartys und schreienden Kindern.

Sucht man nach einem eher schwulen Strand (Cruisen ist allerdings offiziell untersagt), ist man mit dem entlegeneren Cheung Sha Beach auf Lantau Island besser beraten. Ist man mehrere Tage in Hongkong, sollte man ohnehin einen Tagesausflug nach Lantau einplanen, dort das Kloster und die riesige Buddha-Statue besichtigen und mit der Seilbahn Ngong Ping 360 in einer Glaskabine über den subtropischen Wald gleiten, um eine atemberaubende Aussicht zu genießen. Auch das ist ein Gesicht Hongkongs.

INFO

www.discoverhongkong.com
Allgemeine Website des Fremdenverkehrsamts mit Veranstaltungskalender, Informationen zu Themen wie Einwanderung und lokale Bräuche sowie einem praktischen interaktiven Reiseplaner.

Dim Sum
Monatlich erscheinendes lokales Schwulenmagazin, das in der Szene ausliegt und auch gratis heruntergeladen werden kann. Die Schwesterpublikation Q Guide ist ebenfalls praktisch, enthält sie doch neben einem Monatskalender mit allen schwulen Events sämtliche relevanten Adressen auf einem zweisprachigen Stadtplan, den man auch Taxifahrern zeigen kann, die kein Englisch sprechen, www.dimsum-hk.com

ANREISE

Lufthansa fliegt täglich von München und Frankfurt direkt den Hongkong Chek Lap Kok Airport an. Hin- und Rückflug kosten um die 900 Euro. Auf Asien-Specials der Homepage achten.
www.lufthansa.com

HOTELS

Mandarin Oriental (15 Queen’s Road, Central) Eines der Grandhotels von Hongkong, 2005 für die Summe von 100 Millionen Euro komplett renoviert. Mit 501 Zimmern, riesigem Wellness-Bereich und 10 Restaurants, darunter das mit einem Michelin- Stern ausgezeichnete Pierre mit Aussicht auf Victoria Harbour,  www.mandarinoriental.com

W Hotel Hong Kong (1 Austin Road West, Kowloon) Erstklassiges Fünf-Sterne-Hotel in Kowloon mit einem der köstlichsten Frühstücksbuffets der Welt, großen Zimmern mit toller Aussicht und einem kleinen Freibad im 67. Stockwerk, das täglich bis 22 Uhr geöffnet ist. Ein Traum, sofern man die Reisekosten nicht selbst bezahlen muss, www.whotelhongkong.org

Cosmic Guest House (Flat F1, 12/F, Mirador Mansion, 54–64 Nathan Road, Kowloon) Direkt neben den aus Wong Kar-Wais Film Chungking Express bekannten Chungking Mansions gelegene Pension – sehr klein, aber sauber und perfekt für Reisende mit schmalem Budget, www.cosmicguesthouse.com

Gay Home Stay Hong Kong (Kowloon City Road, Kowloon) Ferienwohnungen für schwule Männer in Kowloon, zehn Minuten von der MRT -Station Hung Hom. Empfehlenswert, sofern man sich auf ihrer grellen Website zurechtfindet, www.gayhomestayhk.com