Jetzt, da die schwül-heißen Sommertage vorüber sind und der Indian Summer mit seiner feurig rot-gelben Farbenpracht auf Kanadas Nationalgewächs, dem Ahorn, sich dem Ende entgegenneigt, weht ein kühler Wind durch Torontos Straßenschluchten. In ein paar Wochen wird sich das Leben der 2,5-Millionen-Metropole am Ontariosee fast gänzlich unter die Erde zurückziehen. Ein PATH genanntes Netz aus insgesamt 16 Kilometern Passagen und Wegen durchzieht Downtown Toronto, verbindet Shopping Malls wie das Eaton Centre mit einer Reihe von Sehenswürdigkeiten, Bürohäusern und U-Bahn-Stationen und ermöglicht es so Fußgängern, auch im Winter einen Schaufensterbummel zu unternehmen, ohne dabei der eisigen Kälte ausgeliefert zu sein. Es ist die letzte Oktoberwoche, und noch hat die Sonne genug Kraft, der Stadt ein angenehmes Klima zu bescheren. Auf den Einkaufsstraßen Yonge, Bloor und dem quirlig- alternativen Kensington Market drängeln sich die Menschen. Vor allem Kostüm- und Dekoshops haben dieser Tage Hochkonjunktur. In der historischen Halle des St. Lawrence Market stapeln sich die Kürbisse, und auch Süßigkeiten stehen auf den Einkaufslisten ganz oben. Halloween, das Fest der Geister und Gespenster, der Hexen, Trolle und Teufel, steht kurz bevor.

Die Nacht auf den 1. November artet in Toronto in eine riesige Straßenparty aus, in deren Zentrum traditionell das Gay Village um Church und Wellesley Street steht. „Für Dragqueens, Transen und Crossdresser war Halloween zu Zeiten, in denen Homosexualität noch strafbar war, die einzige Nacht des Jahres, in der man sich öffentlich so zeigen konnte, wie man wollte.“ Bruce Bell ist ein Experte, wenn es um die Geschichte Torontos und dessen Sehenswürdigkeiten geht. Wie kaum ein anderer hat sich der schwule Stadtführer um das historische Erbe der Stadt verdient gemacht. Kein Bauwerk, kein noch so kleines Detail im Straßenbild, über das er nichts zu berichten weiß. Eine Tour mit Bruce durch die unterschiedlichsten Viertel der Stadt, darunter Chinatown und das bei Kunst- und Modefans besonders im Trend liegende West Queen West – auch gerne Queer West genannt – , bringt einem Stadt und Szene schnell näher.

Heute ist Kanada eines der fortschrittlichsten Länder in Sachen Homorechte. Der Schutz vor Diskriminierung aufgrund von Homosexualität ist gesetzlich verankert, seit 2005 sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften möglich und genießen den gleichen Status wie heterosexuelle Ehen – Adoptionsrecht inklusive.

Es ist Abend und damit Zeit für Spuk- und Schauergeschichten. Die von Bill Genova geführte Ghost Tour ist der ideale Einstieg für einen Halloweek-Touristen. In gut zweieinhalb Stunden erkundet man das Toronto des 19. Jahrhunderts. Vor allem in der Gegend um die Universität mit ihren sich im fahlen Mondlicht imposant abzeichnenden neuromanischen College-Gebäuden fällt es nicht schwer, sich bei den Geisterstorys ordentlich zu gruseln. Um auf andere Gedanken zu kommen, hilft ein anschließender Ausflug in die Church Street. Unzählige Homobars reihen sich hier Tür an Tür, unter ihnen das beliebte Woody’s, die Martini Lounge Byzantium und die in viktorianischen Stadthäusern beheimateten Kneipen Crews, Tango und The Zone. Nach ein paar Cocktails oder Bier kommt man schnell mit anderen Gästen ins Gespräch und nimmt die überall gegenwärtigen Deko-Skelette, Kürbisfratzen und (Kunst-) Spinnweben bald nicht mehr wahr.

Wer sich bis zum 31. Oktober noch kein Kostüm oder zumindest eine Maske besorgt hat, sollte dies spätestens am Morgen tun, um im Halloween-Getümmel auf der Church-Street nicht unangenehm aufzufallen. Schlauer ist es, den Einkauf schon ein paar Tage früher zu erledigen und den Tag eher ruhig angehen zu lassen. Heute wäre die ideale Gelegenheit, sich Sehenswürdigkeiten wie den 553,3 Meter hohen CN Tower, das gigantisch große Royal Ontario Museum oder die mit einer exzellenten Sammlung moderner und kanadischer Kunst bestückte, von Frank Gehry entworfene Art Gallery of Ontario anzusehen. Auch ein Ausflug auf die Toronto Islands, zu denen Fähren vom Terminal an der Bay Street verkehren, ist eine schöne Alternative. Der Strand von Hanlan’s Point ganz im Westen von Centre Island ist Kanadas wohl berühmtester Gay Beach. Im Sommer ist der traditionsreiche Nacktbadestrand (hier durfte man sich schon zwischen 1894 und 1930 und wieder ab 1999 seiner Klamotten entledigen) der Szenetreffpunkt schlechthin. Jetzt im Herbst ist er ein idealer Ort für einsame Strandspaziergänge entlang des Seeufers.

Gegen Abend füllt sich an Halloween die Church Street von Stunde zu Stunde. Auf einer Showbühne übernimmt nach einem Unterhaltungsprogramm ein DJ das Pult, doch die eigentliche Attraktion sind die fantasievoll kostümierten Homos, die trotz der Kälte auch hin und wieder viel nackte Haut zeigen. Vom Klassiker Engelchen und Teufelchen über Angst einjagende Zombies, Mumien, Vampire und andere Monster bis zu gerade gestorbenen Promis (2009 kreuzten etliche Michael Jacksons und Heath Ledgers meinen Weg) ist alles dabei. Zu meinen Favoriten zählen ein fast nackter und mit Goldfarbe bepinselter Faun, ein silberner Weihnachtsbaum (inklusive Beleuchtung) sowie ein als Köche verkleidetes heterosexuelles Pärchen, das seinen als Hummer kostümierten, etwa einjährigen Nachwuchs in einem Kochtopf herumträgt. Da auch an Halloween das kanadische Alkoholverbot auf öffentlichen Straßen und Plätzen gilt, drängt sich die Menge vor Mitternacht in die umliegenden Bars, um sich innerlich aufzuwärmen – schließlich ist um 2 Uhr Sperrstunde und die Sause wieder zu Ende. Spätestens jetzt ist ein guter Zeitpunkt, noch ohne viel Schlangestehen in den Fly Night Club zu wechseln. Die aus „Queer As Folk“ als Babylon bekannte Diskothek ist selbstverständlich horrormäßig gut dekoriert und platzt ab 1 Uhr aus allen Nähten – schließlich gehört der Club zu einem der besten des Landes. Bei dröhnenden Bässen und jeder Menge hübscher Jungs wird klar, dass man am 1. November nur einen Programmpunkt haben wird: ausschlafen.
(Erschienen in SPARTACUS TRAVELER 03/10)

INFO

www.seetorontonow.com
Offizielle Homepage des Tourismusamtes mit vielen Infos und Terminen sowie einem großen Bereich für schwule Touristen.

ANREISE

Air Canada fliegt täglich nonstop ab Frankfurt nach Toronto (Zubringerflüge mit dem Star-Alliance-Partner Lufthansa ab vielen deutschen Flughäfen). Der Preis für Hin- und Rückflug liegt zwischen 624 und 984 Euro in der Economy und ab 2724 Euro in der Business Class. Angebot-Specials auf der Homepage gibt es immer wieder – vor allem für die Nebensaison (September bis Mai).
www.aircanada.com

HOTELS

Sutton Place Hotel (955 Bay Street) Das homofreundliche Hotel im europäischen Stil mit 230 Zimmern und 64 Suiten war lange Zeit das Gasthotel des Toronto Film Festivals. Das Gay Village rund um die Church Street liegt nur einen Block entfernt, www.toronto.suttonplace.com

Drake Hotel (1150 Queen Street West) Sehr stylisches Boutique Hotel im Trendviertel West Queen West, www.thedrakehotel.ca

AUSGEHEN

Canoe Restaurant (66 Wellington West) Das im 54. Stock in dem von Mies van der Rohe entworfenen Dominion Bank Tower untergebrachte Restaurant zählt zu einem der besten des Landes mit für deutsche Verhältnisse recht moderaten Preisen. Moderne kanadische Küche (u.a. Karibu, Lamm, Seafood), www.oliverbonacini.com

Sassafraz (100 Cumberland Street) Das in einem viktorianischen Haus befindliche Restaurant im noblen Stadtteil Yorkville ist vor allem während des Filmfestivals der Promi-Treffpunkt schlechthin. Französisch-kanadische Küche, www.sassafraz.ca

Fuzion Resto Lounge & Garden (580 Church Street) Homofreundliches Restaurant (Soulfood) und Bar, www.fuzionexperience.com

Fire on the East Side (6 Gloucester Street) Die Gerichte dieses Homorestaurants neben dem Fly Nightclub sind von den Südstaaten inspiriert – und scharf!, www.fireontheeastside.ca

Byzantium (499 Church Street) Schicke Martinibar und erste Anlaufstelle für einen Ausflug ins Gay Village, www.byz.ca

Crews/Tango/The Zone (508 Church Street) Drei Homokneipen in einem Gebäude. Ideal zum Barhopping, www.crews-tango.com

Woody’s (465-467 Church Street) Sehr beliebte Szenebar, zum Teil mit Showevents, www.woodystoronto.com

Fly Nightclub (8 Gloucester Street) Einer der bekanntesten und besten Clubs des Landes. Hier wurden die „Babylon“- Szenen der Erfolgsserie „Queer As Folk“ gedreht, www.flynightclub.com