Blauer Himmel, blaues Meer, Traumstrand an Traumstrand und das tolerante Motto „Leben und leben lassen“ machen Curaçao zum perfekten Ziel für alle, die den Frühling am liebsten im Paradies einläuten wollen.

Text: Carsten Heinke

 

Curaçao weckt Jugenderinnerungen: Vor allem an den bittersüßen Blue Curaçao, aus dem man in den Achtzigern zusammen mit Orangensaft „Grüne Wiese“ mixte. Benannt ist der Likör, der aus in Alkohol eingelegten Zitronenschalen und nach endlos vielen Rezepten mit unterschiedlicher Promillezahl hergestellt wird, nach seiner ursprünglichen Heimat: der Tropeninsel Curaçao, 60 Kilometer nördlichvon Venezuela und zweieinhalb Flugstunden von Miami entfernt.

Während Blue Curaçao seine Exotik dem Lebensmittelfarbstoff E 133 („Brillantblau FCF“) verdankt, ist das Blau, das die Insel der Kleinen Antillen umgibt, zu 100 Prozent natürlich: Karibisches Meer und Urlaubshimmel. Nach 13 Stunden Flug landen mein Freund und ich abends auf Curaçao, geflohen aus dem heimischen Spätwinter und heiß auf Sonne, Meer und Tropenstrand. Doch wo bleiben die Koffer? „Die waren zu langsam – leider“, witzelt der gut aussehende Airport-Mitarbeiter am Gepäckband und lässt mit einem breiten Grinsen seine makellosen Zähne blitzen. „Don’t worry, guys – morgen Abend habt ihr alles im Hotel“, verspricht er mit einem Bass in der Stimme, der im Magen kitzelt. Für uns heißt das: Auf geht’s in Winterkleidung durch die warme Nacht in unser Resort.

Der Himmel: likörblau

Am nächsten Morgen fährt das Paradies alle nur denkbaren Traumurlaubsklischees auf: Geradezu likörblau strahlen Himmel und Meer. Die Luft ist heiß, schmeckt nach warmer Haut und sonnenreifen Früchten. Kolibris umschwirren die Kokospalmen direkt am Balkon. Dass auffallend viele Schwule aus aller Welt zu den Gästen der Insel gehören, liegt nicht alleinan der landschaftlichen Schönheit. „Wir haben hier ein ideales Wohlfühlklima. Dazu zählt neben reichlich Sonnenschein von acht bis neun Stunden täglich und sauberer Karibikluft auch die Lage außerhalb des Hurrikangürtels”, sagt Bianca Schaff, die unser Hotel Rancho El Sobrino leitet und uns bei der ersten Orientierung hilft. Seit fünf Jahren lebt die Deutsche auf Curaçao.

Curacao Strand 2 C Curacao Tourism BoardGegenüber vielen anderen karibischen Ländern, in denen Homophobie leider keine Seltenheit ist, zählt auch die entspannte Stimmung auf der Insel und die Offenheit und Toleranz der Einheimischen zu den größten Vorteilen. Zwar gibt es keine explizit schwulen Hotels und nur relativ wenig einschlägige Bars und Restaurants, die sich zudem alle in der Hauptstadt Willemstad befinden. Dafür sind jedoch eine Vielzahl Bars, Restaurants und Hotels ausdrücklich schwulenfreundlich. Insgesamt 17 sind sogar Mitglied des internationalen schwul-lesbischen Reiseverbandes IGLTA , mehr als in jedem anderen Gebiet in der Karibik.

Doch selbst wenn Curaçao zu den tolerantesten Karibikländern zählt: Die Outfit-Variante „ohne alles“ ist auch hier verboten. FKK am Strand ist unbekannt, und für uns, deren Koffer eine Maschine später ankommt, deshalb keine Alternative zur Schwitznummer. Von unten hören wir die anderen Gäste im Pool planschen. Der ist zwar keine zwanzig Meter entfernt, bleibt jedoch für alle ohne Badehose unerreichbar.

Ohne Badehose ins Meer

Wir haben deshalb nur zwei Möglichkeiten: Entweder fahren wir eine Stunde zurück nach Willemstad, der einzigen Einkaufsadresse, und shoppen bei 28 Grad im Schatten in langen Klamotten und Winterschuhen – oder gehen so zum Beach, wie wir sind. Wir fahren. Aber zum Strand. Mit vor Neid gesenktem Blick und Sonnenbrille auf der Nase – wenigstens die hatten wir im Handgepäck – stiefeln wir an den nur knapp verpackten Poolgästen vorbei zum Auto.

Als uns an der Playa Forti eine fast völlig menschenleere Bucht zu Füßen liegt, ist uns die Bademode dann doch schnuppe und der Neid vergessen – zu sehr lockt das Meer. Ein kurzer Blick den Strand entlang zeigt: Die einzigen beiden anderen Typen in Sichtweite sind ein Paar wie wir. Im Handumdrehen fliegen die Klamotten weg und wir rennen, so schnell man eben über Kieselsteine rennen kann, nur in Unterhose und barfuß ins kristallklare Wasser. Ausgerechnet ein Kofferfisch ist das erste Tier, das uns über den Weg schwimmt. Mit einem Blick, der leichten Spott auszudrücken scheint, schaut er uns kofferlose Landbewohnern neugierig an.

Curacao Strand C Curacao Tourism BoardStunden könnten wir im warmen Wasser schwimmen, tauchen, planschen, doch irgendwann kehren wir an den Strand zurück. Eine ältere Frau, die dort spazieren geht, mustert uns und unsere Outfits. Als würde sie die Männernamen auf den Gummibändern unserer Boxershorts lesen, sagt sie „Biba i laga biba“ – und schmunzelt. Diesen Satz in der Landessprache Papiamentu werden wir noch öfter hören. Er bedeutet „Leben und leben lassen“, oder einfacher: „Macht doch, was ihr wollt”.

Ein Motto, das Curaçao auch politisch übernommen hat. Jahrhunderte lang wurde die Insel und ihre Bevölkerung meist von den Niederländern beherrscht, nach der Unabhängigkeit blieb die Kultur niederländischer Toleranz erhalten. Das bedeutet allerdings nicht, dass auf Curaçao die gleichen Gesetze gelten wie in den Niederlanden. Zwar beträgt die Schutzaltersgrenze sowohl für Hetero- als auch für Homo-Sex 16 Jahre, aber es gibt weder Gesetze gegen Diskriminierung noch für die gleichgeschlechtliche Ehe. Und dennoch: Die ständig wachsende Zahl der schwulen Gäste stärkt sowohl das Selbstbewusstsein der einheimischen Szene, die voraussichtlich vom 27. September bis zum 1. Oktober 2017 den fünften Curaçao Pride organisieren wird, als auch die Akzeptanz bei den Heteros. Nicht zuletzt gehört der Tourismus zu den wichtigsten Erwerbsquellen Curaçaos.

Strand-Entdeckungen

Als wir am Abend ins Hotel zurückkehren, sind unsere Koffer schon da. Mit Tatendrang, Schnorchelzeug und jeder Menge Wechsel-Outfits gehen wir am nächsten Morgen auf die Beach-Teststrecke. Denn von den 30 Stränden, die die Antilleninsel zu bieten hat, wollen wir nach den Erfahrungen des ersten Tages zumindest einige ausprobieren. Da begeistert der kuschelig-sandige Strand Playa Kenepa Chiki mit einer ufernahmen, von bunten Fischen bewohnten Unterwasserfelsenlandschaft. Unter den hohen Palmen derPlaya Santa Cruz schauen wir angeberischen Pelikanen beim Sturzflug-Fischfang zu. Hunderte rosa Flamingos stehen elegant im See Jan Kok, auf halbem Wege zur Playa Porto Mari. Küsten ohne Sand, dafür mit bizarr geformtem, scharfkantigem Lavagestein, finden wir rund ums Nordkap der Insel, wo gewaltige Wellen in die Felsenhöhlen von Watamula und Boka Tabla donnern.

Doch unserem Karibik-Traumbild am nächsten kommen wir auf der unbewohnten Mini-Insel Klein Curaçao, rund elf Kilometer von Curaçao entfernt, die man vom 375 Meter hohen Sint-Christoffel-Berg auf der Hauptinsel bei gutem Wetter schon sehen kann. Schneeweißer feiner Korallensand und Wellenschaum, dahinter endlos Meer und Himmel – blauer als das blauste E133. Mehr Karibik geht nicht.

 

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