Die Sonne geht schnell unter, so nahe am Äquator. Innerhalb von einer knappen Viertelstunde verwandelt sich der Himmel in einem dramatischen Farbenspiel von strahlendem Blau über flammendes Orange hin zu einem düsteren Violett – bis die Sonne ganz im Meer versinkt. Auf der Außenterrasse des Beach Clubs und Restaurants Moon, etwa 15 Minuten Fußweg von der City von Willemstad entfernt, lässt sich das allabendliche Schauspiel besonders gut genießen. Der Kellner bringt ein eiskaltes „Awa di Lamunchi“ – Limonensirup auf zerstoßenem Eis – und zündet die Laternen auf der Brüstung an, unter der die Brandung der See mit sanften Wellen gegen die Felsen schlägt.

„Fisch oder Fleisch?“, fragt er, und bei der Vielfalt der kreolischen Küche ist man froh, dass einem hier der erfahrene Koch die eine oder andere Entscheidung abnimmt. „Fisch bitte“, wir befinden uns ja schließlich mitten in der Karibik. Denn auch wenn die venezolanische Küste nur knapp 70 Kilometer vor uns in der Dunkelheit liegt, auf Curaçao hat man das Gefühl, ganz weit weg zu sein – vom Alltag und vom Rest der Welt. Der Inselstaat ist vielleicht ein bisschen verschlafen, aber alles andere als hinter dem Mond. Während die meisten anderen Inseln der Karibik sich nicht gerade durch offene Arme für schwule Reisende auszeichnen, haben die Einwohner der hiesigen 444 Quadratkilometer längst kapiert, dass Homotouristen im Allgemeinen sehr verträgliche Menschen sind.

Einer der Gründe, warum auf Curaçao in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal eine Art CSD stattfindet. „Get Wet“, das jährliche Pride-Wochenende im September, ist eine kleine, aber feine Angelegenheit. Ein Meet-and-Greet-Empfang im Museumsgarten des Kura Hulanda Resorts, ein schwuler Film am Strand von Willemstad und eine Beach-Party an einem der weißen Strände im Südosten des Landes. „Für ein Inselchen wie dieses sind 300 Leute schon viel“, sagt Kurt Schoop, einer der Organisatoren. „Wir haben mit privaten Festen im Hinterhof angefangen“, erzählt der hauptberufliche Wirtschaftsberater, „seit Kurzem sind wir offiziell eine Stiftung, und im letzten Jahr hatten wir erstmals mit der Amstelbrauerei, der Chartergesellschaft Arkefly und dem Kura Hulanda Hotel Sponsoren mit an Bord.“

Die Bewohner der tropischen Insel sind nicht nur aufgeschlossen und gesprächig, sondern vor allem auch sprachbegabt. Mit Papiamentu, Niederländisch, Englisch und Spanisch sprechen sogar die meisten Kinder schon vier Sprachen. Die kreolische Landessprache Papiamentu ist wie die Geschichte der Insel und ihre Einwohner selbst ein Mix aus den verschiedensten Kulturen. Zu den Mahlzeiten sagt man ganz französisch bon apétit, Erdbeeren heißen stròbèri, Kartoffeln wie im Niederländischen ardapel, und das Herz schlägt spanisch als kurason. Denn Curaçao wurde vor genau 510 Jahren von spanischen Seefahrern entdeckt. Die ursprünglichen Bewohner der Insel waren Indianer. Kräftige Kerle, deren Körpergröße aufgrund von Skelettfunden auf bis zu 1,80 Meter geschätzt wird. Die Spanier, im Durchschnitt etwa 20 Zentimeter kleiner, nannten die Insel in der Folge „Isla de los Gigantes“ und verschifften nahezu die gesamte Bevölkerung als Sklaven auf die neuen Zuckerrohrplantagen der Insel Hispaniola, auf der heute Haiti und die Dominikanische Republik liegen.

Aber erst die Niederländer bauten das natürliche Hafenbecken Willemstads zu einem der größten Sklavenmärkte der Welt aus und machten die Insel zu einer der reichsten in der Karibik. Die Sklaverei wurde 1863 offiziell verboten, die Nachfahren der verschleppten Afrikaner aber blieben und prägen bis heute mit Zuwanderern aus anderen niederländischen Kolonien die Gesellschaft. Nach wie vor ist die Insel ein Teil des niederländischen Königreichs, und das wird auch so bleiben, selbst wenn die Unabhängigkeit auf allen sechs niederländischen Karibikinseln ein viel diskutiertes Thema ist.

Für Touristen kaum vorstellbar, dass man sich auch auf einer Trauminsel wie Curaçao mit Politik beschäftigen muss, zu bunt scheint das Leben am Rande der Karibik. Türkis und gelb die Häuser, azurblau der in einem alten Herrenhaus produzierte Orangenlikör und pink die Flamingos, die man mit etwas Glück in einem der flachen Salzseen im Westen, auf jeden Fall aber im Sea Aquarium der Insel zu Gesicht bekommt. Wer damit noch nicht genug hat, dem bietet die Welt unterhalb der Wasseroberfläche ein ganz eigenes Universum an schillernden, schimmernden und leuchtenden Meeresbewohnern.

Die Strände von Curaçao sind ideal für unkomplizierte Tauchausflüge, schon wenige Hundert Meter vom Strand wird das Meer richtig tief, sodass man nicht erst umständlich mit dem Boot rausfahren muss. Es gibt unzählige Tauchschulen, die auch Schnorchel und Brille vermieten. Die Strände entlang der Westküste der Insel sehen genau so aus, wie man sich die Karibik vorstellt. Weißer Sand und Palmen, kristallklares Wasser und bunte Fische. „Wir lassen den Tourismus hier bewusst langsam wachsen“, betont Stephen Pomario vom Tourismusbüro. „Weil Willemstad mit seinen bunten Häusern seit 1997 zum Weltkulturerbe gehört, dürfen sowieso keine hohen Hotels mehr gebaut werden. An der Küste achten wir darauf, dass es genügend Strände gibt, die frei zugänglich bleiben. Schließlich sollen Touristen und Einheimische ja aufeinandertreffen.“

Während die Touristen das für Europäer vergleichsweise preiswerte Leben am Strand genießen, locken nicht nur garantierte Studienplätze und Ausbildungsförderung so manchen jungen Inselbewohner ins kalte Europa, auch der eigene Lebensentwurf wird vielfach erst einmal fernab der Familie erprobt. So machte es auch Jeroen (42), ein leitender Bankangestellter, der seinen richtigen Namen lieber nicht nennen möchte. „Ich bin für mein Coming-out dann lieber für eine Weile in die Niederlande gegangen“, sagt der leitende Angestellte einer Bank. „Da war ich in einem schwulen Sportverein, war in den einschlägigen Bars unterwegs und konnte mein neues Leben einfach mal ausprobieren.“

Auf Curaçao gibt es lediglich eine, wenn auch sehr aktive schwule Bar, das Lyrics in den Waterfront Arches von Punda, dem Stadtteil Willemstads rechts der Bucht. „Meiner Meinung nach ist eine schwule Bar aber nicht das richtige Konzept für so eine Insel“, überlegt er, „ich glaube, dass es die Toleranz noch fördern würde, wenn sich Schwule und Lesben sichtbar unter die Heteros mischen würden.“ Auch Ryan Rosario, der sich seit Kurzem bei FOKO engagiert, neben den Festival-Veranstaltern GayCuraçao die einzige schwul-lesbische Organisation auf der Insel, ging für sein Coming-out nach Europa. „Es ist eine kleine Welt hier“, fasst der 34-Jährige zusammen, „aber in den letzten fünf Jahren hat sich sehr viel verändert. Uns Schwulen geht es schon viel besser als früher“, sagt er, „aber Homosexualität ist noch lange nicht so selbstverständlich wie in Amsterdam.“ „Jeder ist bei uns willkommen“, betont Visitor Information Officer Stephen Pomario. „Hier auf der Insel leben so viele unterschiedliche Menschen zusammen. Es ist eigentlich ganz einfach, wenn man sich gegenseitig respektiert.“

Mehrmals im Jahr bietet das Tourist Board Fortbildungen an. „Wir schulen Hotelangestellte, Taxifahrer und Fremdenführer für den Umgang mit Touristen. Dazu gehören natürlich auch die Gay Cruises. Auf bis zu 1000 Leute muss man schon ein wenig vorbereitet sein“, erzählt der 39-Jährige mit einem Augenzwinkern. Gezielte weltweite Werbekampagnen lassen darauf schließen, dass man vor allem party- und strandfreudige schwule Amerikaner und Europäer im Visier hat. Curaçao nutzt die anhaltende Negativ-PR anderer Karibikinseln wie Jamaika oder der Bahamas, die in den letzten Jahren immer wieder auch durch homophobe Worte und Taten auf sich aufmerksam machten, um sich langsam, aber sicher als ein schwules Paradies zu positionieren. Curaçao ist auf dem besten Weg dahin.
(Erschienen in Spartacus Traveler 02/2010)

INFO

www.gaycuracao.com
Curaçao für schwule Touristen

www.curacao.com
Offizielle Homepage des Curaçao Tourist Board

ANREISE

KLM fliegt täglich von zehn deutschen Städten über Amsterdam mit einer B747 -400 nonstop nach Curaçao. Hin- und Rückflug kosten ca. 815 Euro (auf günstigere Angebotsspecials auf der KLM Homepage achten), www.klm.de

HOTELS

Floris Suite Hotel (Piscadera Bay) Vom niederländischen Stardesigner Jan des Bouvrie eingerichtetes Resort, etwa drei Kilometer westlich von Willemstad. Komplett eingerichtete Apartments in nur wenigen Minuten Abstand von einem der wunderschönen Strände, www.florissuitehotel.com

Kura Hulanda Hotel & Lodge (Langestraat 8 (Otrobanda), Willemstad Playa Kalki 1 (Westpunt)) Der niederländische Zahnarzt Jacob Gelt Dekker entdeckte 1998 seine Liebe zu Curaçao und verwandelte die alten Kolonialbauten in einem verfallenen Stadtviertel im Westen von Willemstad in ein geschmackvolles Resort. Die ebenso schöne Lodge liegt hingegen ganz im Westen der Insel, www.kurahulanda.com