Es ist noch dunkel, als der Flieger aus Frankfurt morgens um sechs Uhr landet. Kapstadt hat keine beeindruckende Skyline. Oder doch, den Tafelberg. „1000 Meter hoch, mitten in der Stadt! Ich kenne keine Stadt, in der man so einen Ausblick hat“, sagt Tony, Manager des schwulen Boutique-Hotels „The Glen“, der vor zwei Jahren aus London hierhergezogen ist. Auch von der Terrasse des Gästehauses „Amsterdam“ gibt es einen irren Blick auf das Felsmassiv. Fast ein bisschen bedrohlich. Nachts fahren Liebespaare den Berg hoch, knutschen oder kiffen. Tatsächlich ist Kapstadt von hier oben so schön wie auf einer Postkarte.

Wer niemanden mitgebracht hat, um den Ausblick zu genießen, bleibt nicht lange allein. Im Vergleich mit europäischen Großstädten ist die Szene klein, und die Jungs haben nichts dagegen, mehr als eine Nacht mit Männern vom anderen Kontinent zu verbringen. Homos heißen hier Moffies. Süße Moffies trifft man zum Beispiel im Whirlpool der „Hot House“-Sauna. Aus dem Becken im Dachgeschoss gibt es auch einen tollen Blick auf Downtown Capetown. Unten an der Bar liegen „Spiegel“ und „Stern“, die Sauna wird von Jens Merbt aus Berlin geleitet – einer der rund 100.000 deutschen Aussteiger, die sich in der Region Kapstadt niedergelassen haben.

Das schwule Viertel „Waterkant“ besteht nur aus ein, zwei Straßenkreuzungen, an denen verstreut ein paar Läden liegen. Im „Manhattan“ treffen sich Geschäftsmänner, 20jährige Abercrombie-Boys, Opas und Fetisch-Männer nach Feierabend für Drinks und Dinner. Lustiger als die monokulturellen Sexkneipen zu Hause. Alle gehen überall hin. Bier kostet umgerechnet einen Euro, Burger gibt es für drei.

Weniger gemischt geht es hinter der Theke zu: Am Tresen arbeiten nur Schwarze (genauso wie auch alle Taxifahrer und das Reinigungspersonal in den Gästehäusern Schwarze sind). Die meisten sehen so aus, als wären sie höchstens 16. „Schüler oder Studenten“, sagt Tony, „einige von ihnen leben in den Townships“ – den Slums, die selbst im afrikanischen Vorzeigeland Südafrika immer noch um die Städte wuchern. Bis zur Fußball-WM 2010 will das Schwellenland, das trotz Arbeitslosigkeit von 25 Prozent als aufsteigende Volkswirtschaft gilt, das Problem gelöst haben.

Die Läden in Waterkant sind nach New Yorker Stadtteilen benannt. Um die Ecke vom „Manhattan“ ist das „Bronx“. Genauso gemischt vom Publikum, vom Design her eine amerikanische Sportsbar, mit hohen Decken und Videomonitoren. Einige der Männer hier sind riesig, mehr als zwei Meter. „Die von den Holländern abstammenden Afrikaans sind groß und die Schwarzen klein“, sagt Tony, der selber nicht so groß ist. Aber drei Viertel der Bewohner Kapstadts sind Kreolen, oder Colored, weder schwarz noch weiß. So wie Raschid, der zusammen mit seinem holländischen Freund das „Amsterdam Guesthouse“ leitet und vor allem indische Vorfahren hat.

Offiziell wurde die Apartheid in den frühen 1990ern abgeschafft. Das heißt aber nicht, dass jetzt multikulturelle Harmonie herrscht. Zyniker behaupten, die Apartheidspolitik sei bloß von der Wirtschaftspolitik abgelöst worden. Menschen werden nicht mehr gewaltsam aus ihren Wohngegenden vertrieben, wie in den 60er und 70er Jahren. Die Grundstückspreise regeln das jetzt. Armut wird wie eine Naturkatastrophe behandelt, nicht wie eine soziale. Wer in Kapstadt glücklich sein will, muss sich damit abfinden.

„Haben Sie Angst vor mir?“, fragt mich der Taxifahrer, als ich auf der Straße noch auf Freunde warte. „Steigen Sie ruhig schon ein.“ Ein öffentliches Verkehrsnetz gibt es nicht, also braucht man ein Handy, um von überall ein Taxi anrufen zu können. Oder man mietet sich gleich selber ein Auto. Alleine nachts auf der Straße oder in die Townships – das wäre dumm. Südafrika ist immer noch eines der Länder mit der weltweit höchsten Kriminalitätsrate (nach Kolumbien). Raschid verriegelt auch tagsüber auf der Fahrt ins Gym die Autotüren. Wenn man die Grundregeln beachtet, kann man sich hier so frei bewegen wie in einer westlichen Großstadt.

Neben Spanien hat Südafrika weltweit die liberalste Gesetzgebung für Homos. Der Kampf gegen die Apartheid hat dafür gesorgt, dass auch der Schutz von sexuellen Minderheiten gleich mit in die Verfassung aufgenommen worden ist. Bisher ist die Toleranz mehr ein Versprechen als eine Realität. Doch die Südafrikaner arbeiten daran, dass sich das ändert: Neben der „Gay Pride“ im Februar, dem Festival „Mother Queer“ im Dezember gehört das lesbisch-schwule Filmfest „Out in Africa“ im November zu den großen Events. Nodi Murphy, Leiterin des Filmfests, zeigt das Programm nicht nur in den Metropolen Kapstadt und Johannesburg , sondern tourt damit auch durch die südafrikanische Provinz. „Rolemodels werden dringend gebraucht“, sagt sie, „die schwulen Jungs dort wollen alle aussehen wie Beyoncé!“

„Die Szene in Johannesburg ist viel gemischter als in Kapstadt“, sagt Luis, 36, Grafik-Designer. „Ich bin hierhergekommen, weil Joburg mir zu viel geworden ist.“ Wenn Johannesburg das New York von Südafrika ist, dann ist Kapstadt Los Angeles. Die Stadt ist laid-back, und alle machen Sport, Heteros genauso wie Homos. Surfen oder Hiking oder nach Feierabend in eines der „Virgin-I-Am-Active“-Gyms. Man kann aber auch einen ganz normalen Badeurlaub machen. Der Strand „Clifton 1“ ist für Familien, „Clifton 2“ für heterosexuelle Paare, „Clifton 3“ für Schwule und „Clifton 4“ für heterosexuelle Singles. Capetown ist auch Boomtown, je weiter man stadtauswärts die Küste entlangfährt, desto teurer werden die Wohnungen. Das bisschen heruntergekommene Seapoint, die mondänen Cliftons, Sandy Bay, überall wird gebaut. Der globalisierte Jetset lässt sich hier nieder. Für Briten ist Kapstadt nach Frankreich inzwischen der populärste Platz für einen Zweitwohnsitz. Madonna, Elton John und die Beckhams haben Häuser im Badeort Sandy Bay.

Die Apartmenthäuser haben Parkplätze auf den Dächern, darunter in sechs oder acht Stockwerken das Haus, direkt am Hang gebaut. Man fühlt sich wie an Deck eines großen Ozean-Dampfers. Die Audis und BMWs haben die besten Plätze abbekommen. Jeder Parkplatz sieht aus wie die Szenerie für einen Werbespot. Tatsächlich ist Kapstadt neben Miami die wichtigste Kulisse für Werbeaufnahmen. Es gibt 3700 Sonnenstunden im Jahr, das sind mehr als zehn Stunden pro Tag! Viele Touristen kaufen sich dafür launige Lederhüte, wie sie früher die Kolonialherren trugen. Es reicht aber auch, wenn man sich mit Sonnencreme Lichtschutzfaktor 40 einschmiert.

Die Küste von Kapstadt wird mit der Riviera verglichen. Die Szenerie ist dramatisch. Erst recht, wenn Wolken aufziehen. Bei Sturm schlagen die Wellen fast gegen die Häuser. Der Himmel, das Wasser, die Berge: Südafrika ist so schön, dass man sich fragt, warum Mitteleuropa überhaupt bewohnt ist.
(Veröffentlicht in MÄNNER, 2008)

INFO

www.southafrica.net
Offizielle Homepage von South African Tourism mit vielen Tipps für die Regionen.

ANREISE

Star-Alliance-Mitglied South African Airways fliegt nonstop von Frankfurt und München nach Kapstadt, Hin- und Rückflug kosten ab 758 Euro, www.flysaa.com

HOTELS

The Glen (3 The Glen, Seapoint) Sehr geschmackvoll ausgestattetes Hotel mit individuell gestalteten Zimmern und gepflegtem Pool- und Saunabereich. Abends werden Windlichter angezündet, und zum Frühstück läuft Britney Spears. Auch Drehort von Filmproduktionen, www.glenhotel.co.za

Amsterdam Guesthouse (19 Forest Road) Familiäres Gästehaus gleich am Fuß des Tafelbergs mit Panoramablick aus dem Schlafzimmer. Auf den Zimmern gibt es kostenlos Rotwein, und nach dem Frühstück werden einem Schokotäfelchen zugesteckt. Umfangreiche Porno-Sammlung auf VHS, www.amsterdam.co.za

Alle weiteren Adressen im Spartacus International Gay Guide oder der iPhone-App.