Für ein „Dirty Weekend“ alle gesellschaftlichen Konventionen daheim lassen? Kein Problem in Brighton, seit Jahrhunderten Heimat selbstbewusster Exzentriker.

Text: Tobias Sauer

 

Der neongrün gefärbte Bart leuchtet hell in der Sonne, als Michael die Terrasse der Bar Legends betritt. Fast überall begrüßt er Freunde, verteilt Küsschen links und rechts – ganz vorsichtig, damit die grüne Farbe nicht auf die Wangen der Geküssten abfärbt. Michael, den hier alle „Greenbeard“ nennen, „Grünbart“ also, ist Brightons buntester Hund – und genauso bekannt. Vor zwanzig Jahren zog der heute 72-Jährige von London nach Brighton, Großbritanniens kleiner Homo-Hauptstadt. „Immer habe ich in London gelebt“, erzählt Michael beim Bier in der warmen Nachmittagssonne, „und wollte endlich mal etwas neues sehen. Die Clubs hier haben mich damals sehr fasziniert, und auch ihre Gäste, die ziemlich outrageous waren.“ Outrageous, eines von Michaels Lieblingsworten, bedeutet so viel wie „frevlerisch“, „unmöglich“, „empörend“, aber auch „ausgefallen“ – ziemlich genau das also, was Michael selbst verkörpert. Denn mit seiner Kleidung, die Elemente der Skinhead-Subkultur wie Poloshirt und Bomberjacke mit grünem Bart und geschminkten bunten Dreiecken auf den Wangen kombiniert, entzieht er sich allen Kategorien.

Extravaganz gehört in Brighton zum guten Ton

Mit seinem extravaganten auftreten steht Michael in Brighton in einer großen Tradition. Schon lange ist das Seebad, das mit dem Zug von London in rund einer Stunde zu erreichen ist, eine art Refugium für Leute, die keine Lust haben auf herrschende gesellschaftliche Normen, die stattdessen lieber ihren Kopf durchsetzen wollen.

Ric Morris, der in Brighton die schwule Stadtführung „Piers and Queers“ anbietet, kennt einige die- ser Geschichten. Die erste liegt fast auf der Hand: Selbstverständlich hat Oscar Wilde hier eine Zeit lang gewohnt und unter anderem an der Komödie „The Importance of Being Earnest“ gearbeitet. auch Wildes Liebhaber Alfred Douglas, dem er aus dem Gefängnis die bittere Abrechnung „De profundis“ schrieb, lebte später einige Jahre in Brighton. Doch Wilde war keinesfalls der einzige Bewohner, der auf aufsehenerregende Art und Weise mit den sexualmoralischen Vorstellungen der Zeit in Konflikt geriet. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg trat in Brighton Colonel Sir Victor Barker in Erscheinung, der sich als Weltkriegsveteran vorstellte und auf seinen respektheischenden Titel Wert legte. Im Jahr 1923 heiratete er in der Peterskirche Elfriede Emma Haward. Was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste: Colonel Sir Victor Barker hieß tatsächlich Valerie Barker, stammte aus London und schloss in Brighton die wahrscheinlich erste Homo-Ehe Großbritanniens. Erst als Barkers Café in London sechs Jahre später während der Wirtschaftskrise Konkurs anmelden musste, fiel auch die falsche Ehe auf – und Barker wurde wegen Heiratsschwindel zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nach dieser Vorgeschichte war es für die Stadt dann fast Ehrensache, im Jahr 2005 Englands erste ganz und gar legale Homo-Ehe zu trauen.

Vorbild der Unangepassten: König George IV.

Und auch Michael Greenbeard findet in Brightons bunter Geschichte Vorbilder. Schon zu Zeiten Georges IV., der von 1820 bis 1830 Großbritannien regierte und häufig in Brighton lebte, sei ein Mann regelmäßig in Drag durch die Straßen der Stadt gelaufen, erzählt er mit stolzem Grinsen. Gerade George IV. dürfte der Stadt überhaupt zu ihrem Ruf verholfen haben. Denn George war alles andere als ein klassischer britischer Herrscher mit der sprichwörtlichen „stiff upper lip“. Verschwenderisch in der Hofhaltung, exzentrisch und mit nicht übermäßig großem Interesse am Regieren verkörpert er so ziemlich das Gegenteil der beliebten und anständigen Elizabeth II., die allem Trubel zum Trotz heute die Ehre und den Ruf des Königshauses verteidigt.

George dagegen ließ noch in seiner Zeit als Kronprinz eine königliche Villa in Brighton erst aus- und dann zu einem Märchenpalast wie aus Tausendundeiner Nacht umbauen. Große, weithin sichtbare zwiebelförmige Kuppeln nach indischen Vorbildern prägen den Eindruck, den das Gebäude von außen macht. Besucher, die diesen Royal Palace betreten, finden sich allerdings nicht in Indien wieder. Dunkelrote Tapeten, Jadeschmuck, riesige goldene Kronleuchter und Drachen an den Wänden versetzen Besucher stattdessen plötzlich in ein ausgedachtes China – mit realen Vorbildern aus dem fernen Osten hat der Palast nichts zu tun.

Flirt im Bankettsaal

Hier feierte George IV. seine Feste, bei denen aufwändige Menüs im riesigen Bankettsaal à la française aufgetragen wurde: Die verschiedenen Gänge wurden nicht nacheinander serviert, sondern gleichzeitig, bis sich die Tische bogen. Und anders als damals üblich, dinierten Männer und Frauen nicht getrennt, sondern an einem Tisch – was reichlich Gelegenheit zum Flirt bot.

Das war durchaus im Interesse des Prinzen. In Brighton hatte er sich schon als 17-Jähriger in die bürgerliche Maria Fitzherbert verliebt, eine gläubige Katholikin. Möglicherweise weil der Skandal im protestantischen und klassenbewussten England damit so gut wie programmiert war, setzte George noch eins drauf und heiratete ohne Wissen des Hofes heimlich seine Geliebte. Als es kam wie es kommen musste und die Ehe aufflog, wurde er gezwungen, die Verbindung aufzugeben und seine Cousine Caroline von Braunschweig zu heiraten. Erst drei Tage vor der Hochzeit sahen sich George und Caroline das erste Mal. Nicht gerade begeistert verlangte der Prinz nach der Begrüßung erst einmal einen Brandy. Mit der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter war der Pflicht dann Genüge getan: George bekannte sich erneut zu Maria Fitzherbert.

Heimliche Liebschaften

Bis heute ist Brighton ein Ziel nicht nur der Schwulen, sondern auch vieler Heterosexueller, die mit ihren Liebschaften für ein „Dirty Weekend“ aus London verschwinden, um sich als „Mr und Mrs Smith“ in Brighton ein Zimmer nehmen und ungestört ihren Leidenschaften zu frönen. Die Stadt hat sich entsprechend auf den Tourismus eingestellt und macht es ihren jährlich rund 8,5 Millionen Gästen leicht, alle Sorgen daheim zu lassen. Am Strand, hinter dem allabendlich die Sonne untergeht, locken ein Riesenrad und der berühmte Brighton Pier, der 1899 extra für die Touristen gebaut wurde. Mit seiner länge von über einem halben Kilometer ist er viel größer, als Fotos erahnen lassen, und sogar mit Achter- und Geisterbahnen bebaut. Wer Kleingeld übrig hat, kann hier an Automaten zocken, ein toller Blick über das Meer und auf die weiße Silhouette der Stadt im Hintergrund freut die Romantiker.

Direkt an den Pier grenzen Altstadt und Kemptown, das Gay Village. Hier steht eine schwule Kneipe neben der nächsten: Das Marine Tavern entspricht mit seiner Bar aus dunklem Holz und der Auswahl an englischen Bieren dem klassischen Pub, das Queens Arms bietet allabendlich Dragshows und im Bulldog wird in bierseliger Stimmung gemeinsam und lauthals zu Karaokehits gesungen. Moderner eingerichtet sind die Revenge Bar und die Charles Street Bar, beide direkt an der Uferpromenade. Alle Kneipen in Kemptown liegen so nah beieinander, dass sich Barhopping so gut wie gar nicht vermeiden lässt: Wer aus der ersten Kneipe herausfällt, steht mit einem Fuß schon in der nächsten.

Partystimmung zum Pride

Die für eine Stadt von rund 250.000 Einwohnern beeindruckende schwule Infrastruktur nutzt im Sommer der Brighton Pride. Rund 25.000 Gäste werden erwartet, wenn lokale Größen der internationalen Musikszene wie Fatboy Slim auflegen. Gefeiert wird gleich dreifach: Zunächst zieht der Umzug durch die Stadt in den Preston Park. Dort sind Bühnen aufgebaut, um das große Parkfest zu feiern. Am abend geht es dann in Kemptown heiß her. Vor Riesenrad und Pier ist bis drei Uhr morgens außerdem eine Afterparty geplant.

Spätestens der Pride wird dann auch wieder deutlich zeigen, wie viele Besucher die lockere Atmosphäre Brightons nutzen, um unangepasst zu den eigenen Gefühlen und Vorlieben zu stehen und dem eigenen Kopf zu folgen. Oder, wie Michael Greenbeard sagen würde: Möglichst „outrageous“ zu sein. Für ihn ist schließlich klar: „Ich könnte mir auf keinen Fall vorstellen, woanders hinzuziehen!

 

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