„Die heldenhafte Stadt hielt Mittagsruhe. Der warme, träge Südwind blies die weißlichen Wolken vor sich her, die aus ihrer Fahrt nach Norden zerflatterten.“ Man muss unwillkürlich an diese ersten Sätze von Claríns „Die Präsidentin“ denken, den Romanklassiker mit seiner wunderbaren Titelheldin, die sich durch die Straßen und Plätze Oviedos bewegte (das im Roman Vetusta heißt). Die Orte sind erkennbar, die mächtige Kathedrale etwa, doch von der gesellschaftlichen Enge, die Leopold Alas unter Pseudonym in diesem 1885 erschienenen Schlüsselroman schildert, ist nicht mehr viel zu spüren.

Heute sitzt man statt im Gottesdienst lieber in einem der Straßencafés und genießt die Mittagssonne, während vor dem Kirchentor Kinder Fußball spielen. Nicht, dass man hier nicht Traditionen zu schätzen wüsste, im Gegenteil. aber die Asturier, deren Regionalhauptstadt Oviedo ist, wissen sehr gut, was bewahrenswert ist. Und das hat viel mit Genuss zu tun, vor allem dem kulinarischen. Neben der baskischen Küstenstadt San Sebastián weiter östlich verfügt kaum ein Flecken dieser Erde über eine höhere Dichte exzellenter Restaurants, das naheliegende Frankreich eingeschlossen. Vor allem aber ist es nirgendwo einfacher, Sterneküche zu zivilen Preisen zu genießen.

Asturien ist, vielleicht weil es so untypisch für Spanien ist, bislang international ein Geheimtipp. Denn wer andere Teile Spaniens kennt, wird sich erst einmal verwundert die Augen reiben, wenn er zum ersten Mal in Asturien ankommt. Die üppig-wilde Vegetation, die schroffen Bergfelsen und die bisweilen steife Meerbrise erinnern an weitaus nördlich gelegene Landstriche. Aber nicht nur landschaftlich unterscheidet sich die Region vom Rest des Landes. Statt Weinreben und Olivenbäumen stehen auf den saftigen Weiden Apfelbäume und Milchkühe, in den Bergen reifen in zahllosen Felshöhlen einzigartige Käsesorten, die den Vergleich mit französischen Produkten keineswegs zu scheuen brauchen.

Historisch betrachtet ist Asturien auf eine Art die Wiege des heutigen Spanien. Von hier aus begann 718 die Reconquista, die Rückeroberung der iberischen Halbinsel nach der muslimischen Besiedlung. Man muss sich daran erinnern, um einschätzen zu können, wie heute die Eigenständigkeit Asturiens angetrieben wird. Die autonome Gemeinschaft ist zu Recht stolz auf ihre Geschichte, auf die Kultur und Gastronomie. Die Hymne der Region wird überall in Spanien gesungen, wenn Leute entspannt zusammen feiern. Der Patriotismus der Asturier ist keiner, der ausschließt, wie in Katalonien oder im Baskenland. Ein Mietauto ist ratsam, denn die drei größeren Städte der Region, Oviedo, Gijón und Avilés, liegen zwar alle keine 20 Kilometer voneinander entfernt, doch auch die Gegend außerhalb der drei Städte lohnt sich zu entdecken.

An der kantrabischen Küste gibt es traumhafte Strände, die bislang vor allem von den Spaniern selbst genutzt werden und europaweit noch immer ein Geheimtipp sind. Weitaus entspannter und weniger überlaufen als die Badeorte an der Mittelmeerküste oder den iberischen Inseln. Kleine Fischerdörfer wie Lastres und Ribadesella oder die Felsküste sind spektakuläre Ausflugsziele. Architektonisch einzigartig sind die präromanischen Kirchen der Region, die aus dem 9. und 10. Jahrhundert stammen, als Asturien noch ein unabhängiges Königreich war.

Die Region geizt nicht mit Kontrasten, längst ist man in der Moderne angekommen. Das 2011 eröffnete Niemeyer-Kulturzentrum in Avilés etwa wirkt in seiner strahlendweißen, avantgardistischen Strenge wie ein Monolith im Hafen der alten Industriestadt. Es stiehlt mit seiner imposanten Architektur, dem Sternerestaurant und dem herausragendem Programm dem Rest der Stadt ein wenig die Schau, die vor allem von hier aus eher mit rauchenden Fabrikschloten zu reizen versucht. aber wer sich auf Avilés einlässt, wird mit zahlreichen Entdeckungen und einer bezaubernden Altstadt belohnt.

Nach all den kulturellen und kulinarischen Hochgenüssen ist uns am Ende der reise nach einer ordentlichen Portion Szene-Entertainment. Die Nacht in Gijón kann man nicht besser beginnen als mit einem Stopp im Tabú, einer intimen und mit viel liebe eingerichteten Fifties-Bar, in der Besitzer Jorge die wohl besten Burger der Stadt brutzelt. Nach dieser Stärkung und den ersten Drinks zieht man weiter, erst ins ES Collection, die Kellerdisco mit halbtlitergroßen Gin Tonics, dann ins Oh La La, wo Rodrigo hinterm Tresen nicht nur exzellente Drinks mixt, sondern auch jeden glänzend unterhält, wer nicht eh schon jemanden zum Flirten, Tanzen oder den Morgen danach aufgetan hat. Den begrüßt man am besten zum Sonnenaufgang am San Lorenzo-Strand und schwört sich, bald wieder zu kommen. Bis dahin haben wir auch 926 Seiten über die amourösen Abenteuer der „Präsidentin“ geschafft.

INFO

www.spain.info
Ausführliche Website des spanischen Tourismusbüros über das Land im allgemeinen, u.a. mit Infos für Schwule und Lesben.

www.asturias.es
Ein Wegweiser durch Asturien mit einem Guide der ausgezeichneten Restaurants „Mesas de Asturias“. Die Website ist auch auf Deutsch und englisch.

ANREISE

Der Flughafen von Asturien liegt zwischen den drei größeren Städten der Region, Avilés ist mit 14 Kilometern am nächsten. Direktverbindungen nach Deutschland gibt es keine, Air Berlin fliegt über Palma de Mallorca, Iberia über Madrid und Barcelona, Vueling über Barcelona und Paris. Am Flughafen holt man sich am besten einen Mietwagen, um damit die Region flexibel erkunden zu können.
www.airberlin.de
www.iberia.com
www.vueling.com

HOTELS

Hotel Princesa Munia (Calle Fruela 6) Im herzen Oviedos gelegenes 4-Sterne-Superior- Hotel, das über ein sehr angenehm designtes Spa mit allen erdenklichen Anwendungen verfügt, W-Lan ist inklusive, www.en.hotelprincesamunia.com

NH Hotel Gijón (Calle Dr. Fleming 71) Direkt an der Strandpromenade gelegenes 4-Sterne-Hotel in Gijón, www.nh-hotels.de

Casona de la Paca (El Pito, Cudillero) Wunderbares Landhotel in einer 1877 erbauten Indiano-Villa, www.casonodelapaca.com

Palacio de Luces (Ctra. AS-257 s/n., Luces) Abseits des kleinen Dörfchens Luces im Osten Asturiens ist dieser ehemalige Palast gelegen, in dem sich heute ein exzellentes 5-Sterne-Hotel befindet. Zum Strand sind es nur 5 Minuten, www.palaciodeluces.com

Alle Szeneinfos gibt es im SPARTACUS INTERNATIONAL GAY GUIDE und der Spartacus App!