Man könnte eine Reise durch Andalusien wunderbar musikalisch erzählen, ziemlich schwul noch dazu: Von Cindy & Bert („Wenn die Rosen erblühen in Málaga“) über Baccara (mit ihrer Version von „Granada“) bis zu Rex Gildo („Torero“). Scheinbar ist der Süden Spaniens wie geschaffen für immerwährende Klischees, denen auch die größte Schnulze nichts anhaben kann. Aber gerade das ist es wohl, was den Reiz einer Reise nach Andalusien ausmacht.

Seit den 1960er Jahren lockt die Costa del Sol zwischen Gibraltar und der Costa Tropical südlich von Granada sonnenhungrige Urlauber aus ganz Europa an. Vor allem Marbella machte sich in den 70er Jahren einen Namen als Promihochburg, in der sich Stars und Durchlauchten, darunter Aristoteles Onassis, Guy de Rothschild, Richard Burton, Audrey Hepburn, Gunter Sachs, Gina Lollobrigida, die Bardot und Gunilla von Bismarck, tummelten. Unter schwulen Urlaubern dürfte vor allem beim Namen Torremolinos der Groschen fallen – das etwa 14 Kilometer südwestlich von Málaga gelegene Städtchen ist neben dem katalanischen Sitges die wohl bekannteste schwule Stranddestination auf dem spanischen Festland.

Besonders hübsch ist es dort nicht, wer aber neben Sonne, Pool und Strand vor allem auch eine vielfältige Gay-Szene sucht, ist hier genau richtig. In der Passage La Nogalera und in Pueblo Blanco finden sich an die 20 Bars, dazu jede Menge Restaurants, Clubs und Cafés. In den Sommermonaten gibt es hier kein Halten, wer gerne mit und in der Masse feiert und im Urlaub vor allem Spaß sucht, ist in Torremolinos gut aufgehoben.

Im Gegensatz dazu ist das benachbarte Málaga aus szenetechnischer Sicht eher langweilig, trumpft dafür aber mit jeder Menge Kultur auf. Ohnehin führt der schnellste Weg in die Region ab Deutschland über den Flughafen von Málaga. Ob die mittelalterliche Kathedrale, die aus dem 11. Jahrhundert stammende Festung Alcazaba , das sehenswerte Museo Picasso oder das 2011 eröffnete Museo Carmen Thyssen- Bornemisza – es macht durchaus Sinn, vor seinem Aufbruch in die Region ein, zwei Tage in Málaga zu verbringen oder hier sein Domizil für Tagesausflüge an die Costa del Sol oder in die Stierkampf-Stadt Ronda aufzuschlagen. Die Fahrt durch das andalusische Hinterland hinauf in die Berglandschaft der Sierra de Ronda führt vorbei an Plantagen für Zitrusfrüchte, kleinen Olivenhainen und sanften Hügeln, bis man schließlich das auf einem Felsplateau gelegene Städtchen erreicht.

Berühmt ist Ronda vor allem wegen seiner Lage an einer tiefen Schlucht, die von einer spektakulären Brücke überspannt wird. Ronda ist aber auch eines der Zentren der Stierkampfkunst, da im 18. und 19. Jahrhundert jene Regeln entwickelt wurden, nach denen in Spanien heute noch die Corrida ausgetragen wird. In der beeindruckenden Arena drehte 1994 Pop-Oma Madonna ihr Video zu „Take A Bow“, doch das nur am Rande. Opernfans könnten Ronda eventuell wiedererkennen als Schauplatz von Francesco Rosis Carmen-Verfilmung aus dem Jahr 1984 (mit Placido Domingo und Julia Migenes).

Nach der Rückkehr in Málaga findet man in den engen Gassen rund um die Kathedrale zahlreiche Tapas-Bars und Restaurants von trendy bis klassisch. Das traditionsreiche El Pimpi ist eine Art andalusisches Hofbräuhaus, zu dessen prominentesten Gästen der spanische König und der in Málaga geborene Antonio Banderas zählen. Statt eines Z wie Zorro hinterließ der spanische Schauspieler jedoch eine ganz normale Unterschrift auf einem der großen Fässer, die im El Pimpi zur Dekoration gehören. Gleich neben dem Geburtshaus Pablo Picassos – auch er ein Sohn der Stadt – befindet sich mit dem El Carmen eine gemütliche schwule Bar, deren ganzes Flair vor allem von den Filmen Pedro Almodóvars inspiriert wurde.

Und so ist auch der Name eine Reminiszenz an die Almodóvar- Schauspielerin Carmen Maura. So viel Verehrung muss sein. Von Málaga aus erreicht man in knapp zwei Autostunden das am Fuße der Sierra Nevada gelegene Granada, für das man am besten ein Wochenende einplanen sollte. Zum einen, weil es neben der gigantischen Alhambra auch in der Stadt viel zu entdecken gibt, zum anderen, weil die schwule Szene in der Studentenstadt am Wochenende so richtig in Fahrt kommt. Denn im Nachtleben Granadas gibt es all das, was man in Málaga vermisst.

Eine gute Auswahl an Bars, ein junges Publikum und einen Gay-Club, in dem bis in die frühen Morgenstunden die Post abgeht. Gleich neben dem Six Colours, der wohl beliebtesten Homobar der Stadt, gibt es zudem noch das schwule Restaurant La Gayedra. Wie üblich in Spanien, fängt man mit dem Abendessen nicht vor 21 Uhr an, vor 1 Uhr morgens braucht man in eine Bar erst gar keinen Fuß setzen – es sei denn, man möchte dort ein paar Stunden mit sich selbst verbringen. Doch was wären die nächtlichen Reize Granadas ohne die über der Stadt thronende Alhambra.

Die maurische Palast- und Festungsanlage wurde ab dem 13. Jahrhundert erbaut und ist heute eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Europas. Vor allem die Nasriden-Paläste mit ihren Innenhöfen, Springbrunnen und zahlreichen Stuckornamenten zählen zu den schönsten Zeugnissen arabischer Baukunst auf dem europäischen Kontinent. Auch die Altstadt Granadas ähnelt an einigen Stellen eher einer arabischen Medina – auch wenn heute nur noch wenige Gebäude wie die alte Karawanserei erhalten sind. Literaturkenner sollten auch in der Huerta San Vicente vorbeischauen.

Hier verbrachte Federico García Lorca, einer der wichtigsten Autoren der modernen spanischen Literatur, die letzten sechs Jahres seines Lebens und schrieb dort einige seiner Hauptwerke wie „Bluthochzeit“ und „Bernarda Albas Haus“. 1936 wurde der schwule Schriftsteller zu Beginn des spanischen Bürgerkrieges von Faschisten ermordet und an unbekannter Stelle vergraben. Die vielleicht schönste Reisezeit für eine Tour durch Andalusien ist der Frühling von Anfang März bis Ostern. Zum einen sind Städte wie Ronda oder Granada noch nicht von den Tagestouristen von der Costa del Sol überlaufen, zum anderen steht die Landschaft in sattem Grün – unterbrochen nur vom zartrosa-weißen Farbenspiel der Mandelblüten.

Auf den Gipfeln der Sierra Nevada, die sich hinter der Alhambra wie ein mächtiger Schutzwall erhebt, glitzert der Schnee, und wer sich auf den Weg in die Dörfer der Region von Alpujarras macht, erlebt auch diese Touristenattraktion noch ohne großen Massenansturm. Malerisch kleben die weiß gekalkten Orte Capileira, Bubión und Pampaneira an den Berghängen, während sich der Rio Poqueira durch eine tiefe Schlucht Richtung Mittelmeer gräbt. Bei klarem Wetter sieht man von der hochalpinen Klimazone bis hinunter zur Costa Tropical, Wanderer können von den am Rande des Nationalparks Sierra Nevada gelegenen Dörfern geführte Touren auf die Berggipfel unternehmen.

Und selbst Skifahrer kommen vor den Toren Granadas auf ihre Kosten. In Europas südlichstem Skigebiet wurde 1996 die Alpine Skiweltmeisterschaft ausgetragen. Und auch Spaniens Schwule und Lesben lassen sich nicht um ihr Skivergnügen bringen. Im April 2010 war Granada Stützpunkt der ersten Gay Skiweek des Landes.

INFO

www.andalucia.org
Offizielle Seite der Provinz Andalusien mit Reisetipps und Eventkalender.

www.spain.info
Praktische Infos zum Reiseland Spanien und seinen Regionen.

ANREISE

Neben Iberia (über Madrid) fliegt Air Berlin ab Berlin, Düsseldorf, Köln, Münster/ Osnabrück, Wien und Zürich nonstop nach Málaga. Hin- und Rückflug kosten ab etwa 280 Euro. Auf Angebote und Specials der Websites achten.
www.iberia.com
www.airberlin.com

HOTELS

Alle Szeneadressen für Torremolinos, Málaga und Granada gibt es im Spartacus International Gay Guide oder der iPhone App.