Autor: Dirk Baumgartl

Um Amsterdam, Europas einstige Homohauptstadt, bevor ihr Berlin und Barcelona diesen ehrenvollen Titel streitig machten, stand es im letzten Jahr besonders schlecht. Zumindest, was die schwule Szene anging. Schon seit Ende der 1990er Jahre verlor Amsterdam für schwule Touristen immer mehr an Attraktivität – nicht zuletzt durch strikte Auflagen der Stadtverwaltung an die Gastronomie, was beispielsweise den Alkoholkonsum vor den Bars auf der Straße betraf. Die Partyszene verlagerte sich vor die Tore der Stadt oder gleich nach Antwerpen und Brüssel. Viele Wochenendbesucher blieben aus, für viele Homos war die Stadt out und abgeschrieben. Im Juni 2010 geschah dann quasi der GAU innerhalb der schwulen Gastronomie. Unter mysteriösen Umständen und hoch verschuldet verstarb im Juni 2010 der Unternehmer Sjoerd Kooistra.

Er war eine Art „Pate“ der Reguliersdwarsstraat, der wohl berühmtesten Szenemeile Amsterdams. Was innerhalb weniger Wochen folgte, war der Niedergang einer für das Amsterdamer Szeneleben elementaren Straße. So gut wie alle Bars und Clubs des Kooistra- Imperiums, darunter Exit, April, Soho und Arc, wurden geschlossen, dazu kam die Schließung des in der Warmoesstraat gelegenen Clubs Cockring, dem wichtigsten Club der Lederszene, aufgrund von Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Was auf den ersten Blick als Katastrophe erscheint, eröffnet Amsterdam nun eine Chance zu einem Neustart.

Brendan van Ruit, Ex-Manager des Exit, betreibt nun in der Reguliersdwarsstraat seine eigene Kneipe Taboo. Seiner Meinung nach ist es für die Szene der Stadt Zeit, sich zu verändern. Zu lange war die Szenelandschaft fest zementiert, starr und ohne jede Kreativität. Hinzu kamen schlechter Service und schlechte Produkte, wie der Gastronom Casper Reinders dem niederländischen Homomagazin „Winq” erzählte. „Ich habe das Gefühl, dass es in den letzten Jahren wenige gute schwule Unternehmer gab. Das hat natürlich damit zu tun, dass eine Person sehr viele Betriebe besaß, aber es fehlte vielen auch der Geschmack.“

Der heterosexuelle Inhaber von Bars wie Jimmy Woo und Lion Noir hat das April unter dem neuem Namen Ludwig eröffnet und will die einst beliebteste Bar zu einem ganz besonderen Ort für Gays machen: die Vorhänge von Christian Lacroix, die Sitzmöbel von Garcia zu 2000 Euro das Stück. Und auch die anderen Cafés, Bars und Clubs stehen den Besuchern wieder offen: Der Cockring heißt nun Fuxxx, aus dem Arc wurde das Eve.

Wer am ersten Augustwochenende zum Gay Pride mit der einzigartigen Bootsparade nach Amsterdam kommt, wird also das „neue“ Amsterdam schon entdecken können. Unterstützt wird die Szene- Gastronomie nun auch wieder von der Stadt, die ihre Bestimmungen für den Betrieb von Terrassen und Straßencafés in der Reguliersdwarsstraat lockert. Doch das eigentliche Aushängeschild der Amsterdamer Renaissance befindet sich in der Spuistraat. Das Prik ist eine kleine, gemütliche Bar und Lounge mit einem breiten Angebot an Genever-Cocktails und Fingerfood, in der man auf ein junges Publikum stößt, das weder selbstverliebt noch kontaktscheu ist. 2010 wurde die Bar vom „Time Out Magazin” als beste Gay Bar ausgezeichnet, und die jungen Inhaber Gerson van Eck, Jelger Bakker und Philip Yeldon sind so etwas wie die neuen Helden der schwulen Szene. Sie verkörpern all jene Kreativität, die man in Amsterdam so lange vermisste. Und sie sind erfolgreich. So sehr, dass sie sich auf ein neues Projekt stürzten. Im Frühjahr eröffneten sie in der Kerkstraat ihre zweite Bar. Das auf zwei Etagen liegende Bump ist eine Mischung aus Club, Lounge und Bar und hat sich in kürzester Zeit zum Liebling der Szene entwickelt. Einst beherbergte das alte Gebäude die House Disco Homolulu, einen legendären Club der lesbischen Autorin Güner Kuban, zuletzt war in dem ehemaligen Kutschenhaus ein Restaurant. Mit dem Bump eröffnet nach langer Zeit ein weiterer schwuler Betrieb in der Kerkstraat, einer ebenfalls traditionsreichen Szeneadresse. Neben dem Cruising Club Church, der Spijker Bar und dem Sexshop The Bronx, befinden sich hier auch die zwei schwulen Hotels Golden Bear und Amistad. Es sieht ganz so aus, als ob man Amsterdam doch nicht abschreiben sollte.

INFO

www.iamsterdam.com
Alle Infos und Termine zu Amsterdam gibt es auf der offiziellen Seite der Stadt.

ANREISE

Die niederländische Fluggesellschaft KLM fliegt täglich von zehn deutschen Städten (u.a. München, Berlin, Frankfurt, Hamburg) nach Amsterdam Schiphol. Hin- und Rückflug kosten ab 89 Euro
www.klm.de

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AUSGEHEN

Alle Szenenadresse gibt es im SPARTACUS INTERNATIONAL GAY GUIDE sowie der SPARTACUS iPhone App